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Von Kirche, Koran und Orgelmusik

am Dienstag, 07 Mai 2013. Gepostet in Islam, Christentum, Inspirationen, Sinn des Lebens

Gerade kam ich aus einer Veranstaltung an der Uni Tübingen und lief an der Stiftskirche vorbei, da musste ich ruckartig umdrehen und direkt in die Kirche hineinlaufen, und zwar zwischen die Bänke genau in ihre Mitte. Ich warf meinen Rucksack hin, schloss die Augen und ließ mich elektrisieren. Jemand spielte hier Orgel, aber nicht von der fröhlich in Dur trällernden Sorte, sondern, wie soll ich sagen, düster, erhaben, und majestätisch, in jedem Fall so, dass die tiefen Basstöne die Bauchregionen zum Beben bringen. Da wusste ich, ich muss jetzt sofort diesen Text schreiben. So griff der für mich unsichtbare Orgelspieler in seine Tasten, während ich auf der anderen dem mit einem Eindreschen in die Tasten meines Laptops antwortete. Dies Musik war in jedem Fall laut – aber die Lautstärke war der Wucht der Musik angemessen.

Ich war praktisch alleine hier, alleine mit dieser genialen Musik und dem klanglich perfekt dazupassenden Raum. Muslime sagen Kirchen nach, sie seien kalt und düster. Das trifft für den ersten Eindruck von dieser Kirche sicherlich zu. Doch schätze ich nicht nur die Atmosphäre von Geborgenheit und Demut, wie man sie in unseren Moscheen vorfindet, sondern auch diese eher dunkle Atmosphäre. Ja, sie ist kühl, aber gerade in Verbindung mit dieser Musik ist sie mir alles andere als unsympathisch. Sie transportiert nichts Bösartiges, sondern weckt in mir tiefe Ehrfurcht vor etwas Verborgenem und Allgegenwärtigen. Die bombastischen Orgeltöne verschwimmen manchmal ineinander, sodass das ungeübte Ohr Disharmonien vermutet, wo in Wirklichkeit verschiedene Melodiebögen zu einer gewalten Welle zusammenschmelzen um dann mit großer Wucht auf das Ufer einstürzen. Solche Orgelmusik ist religiöser Heavy-Metal.

So ähnlich stelle ich mir auch das Universum vor: wie ein großes Konzert, das in allen Tonlagen singt und faucht, aber dabei nie seine mathematische Harmonie verliert. Zwischendurch wird es still, verstummt aber nie ganz. Ein Wechsel von bedachten und stürmischen Zeiten, von Höhen und Tiefen, von Glück und Leid, von Vergänglichkeit und Wiederkehr. Ein Konzert, das von Erhabenheit, Größe und dem Mysterium handelt. Dieses Mysterium ist mir nur zu kleinen Teilen verständlich – zu seinen anderen Teilen erzwingt es meine Demut, eine Demut, mit der ich meinen Frieden gemacht habe und die den Kern meiner Religiösität ausmacht. Sie vergegenwärtigt mir täglich meine Rolle als sterblicher Winzling in dieser Welt, und dass das kosmische Konzert auch dann ertönt, wenn wir nicht da sind – und dass ich großen Gewinn habe, wenn ich davon koste, solange es mir möglich ist.

Genau in so einem Moment möchte ich das ganze Universum über mir sehen, und ich möchte mich wie auf einem Gebetsteppich zu Boden werfen vor der Macht, die die physikalische Welt webt und formt. Mich ganz klein machen und mir dabei die Größe des Meisters der Schöpfung vorstellen. Des Schöpfers und Erhalters der kleinsten und größten Dinge. Nur vor diesem werfe ich mich nieder – und tanke dabei Kraft, um mich vor nichts anderem niederwerfen zu müssen. Triebfeder sind in solchen großartigen Momenten nicht das, was die Menschen sehen wollen oder sollen, auch nicht Angst oder Verzweiflung, sondern Liebe und Leidenschaft, die Sehnsucht des Tropfens nach dem Ozean, eine Sehnsucht, die tief in mir steckt, und deren Ausbildung und Entwicklung ich als Zweck des Glaubens vermute. So möchte ich gerne werden und bleiben: suchend und flehend, betrachtend und genießend, heiter und von Freude erfüllt, selbst wenn die Entropie täglich an mir nagt, selbst in Momenten finsterster Dunkelheit. Gebt nie die Hoffnung auf Gottes Barmherzigkeit auf, heißt es im Koran.

Und wenn ich die wuchtigen Klängen durch den Raum schallen hören, meine ich zu verstehen, was in den heiligen Büchern gemeint ist, wenn sie berichten, wie Himmel und Erde Gott lobpreisen. So möchte eine Stimme in mir rufen: Sterne, Bäume, Wälder, Seen – lasst mich teilhaben an eurem Lobgesang! Ich möchte in euren Chor einstimmen, wie die Berge Davids es taten. Ich möchte den Götzen in mir bezwingen, dem närrischen Tanz um das goldene Kalb in mir ein Ende bereiten, um Raum zu machen für den Einen. Und wenn ich dabei immer wieder scheitere: Ihr seid meine Zeugen, dass ich eifersüchtig auf euren Lobgesang war! Aber selbst der schwachen Seele ist Barmherzigkeit in Aussicht gestellt.

So stehe ich inmitten dieser Kirche und staune darüber, wie gut man religiöse und spirituelle Gefühle auch ohne Worte und Symbole transportieren kann. Ein Blick auf die Symbole hier würde mich vielleicht irrtieren, oder gar ablenken. Denn ich verstehe sie nicht, auch wenn ich sie gut kenne und ein Stück weit erklären könnte. Sie bleiben mir dennoch fremd. Ich respektiere die Wege der anderen. Aber ich gehe meinen eigenen Weg.

Eben dies verstehe ich unter Toleranz: etwas Anderes, mir gar Fremdes wohlwollend zuzulassen, die Aufrichtigkeit seiner Anhänger zu würdigen, und der Sache selbst Achtung entgegenbringen, wo der Koran ja selbst untersagte die Götzen des Götzendieners zu schmähen. Ja, ich will die aufrichtige Sache der anderen achten - auch wenn ich sie nicht verstehe, oder mir aneignen will. Wozu auch verstehen wollen, ist dies doch meist nur eine Strategie sich das andere durch scheinbares Verstehen Untertan zu machen – entweder durch arrogante Vereinnahmung, oder durch von Halbbildung getriebene Ablehnung.

Ich glaube, dass von den verschiedenen koranischen Ansätzen hierzu der universellste Satz jener ist, der aussagt, dass Gott, wenn er es gewollt hätte, nur eine einzige religiöse Gemeinschaft zugelassen hätte, und dass er selbst die Menschen über ihre Uneinigkeiten aufklären wird, die bis zur Begegnung mit ihrem Herren untereinander im Guten wetteifern sollen, statt dämlich und besserwisserisch miteinander zu streiten. Warum sollte ich da vorschnell eingreifen wollen durch ein von meinen Vorurteilen und meinem Unwissen geleiteten „Verstehen“ als Außenstehender, statt einfach meinen von mir bevorzugten Weg weiterzugehen?

So gehe ich also meinen Weg, begegne jedoch am Wegrand immer wieder Dingen der anderen, die ich gerne in meine eigenen Schatzkammern aufnehme. Ich verstehe mir als Sammler, der täglich eingeladen ist zu großem Mahle bei Westen wie Osten. Und ich weiß, ich spreche nur für mich, wenn ich frage: Kann es irgendetwas Besseres als das auf dieser Welt geben?

Ich suche dabei sowohl Momente der rationalen Erkenntnis, aber auch der Entzückung und spirituellen Erfüllung. Und ich setze diese Fundstücke um den Kern meines Glaubens zu einem großen Ganzen zusammen.

Zeigt mir einen Weg, der für mich besser ist als dieser, und ich will ihn gehen!

Und sie passen zusammen, diese Teile, ja mehr noch: Sie berichten mir von der selben Geschichte. Zumindest glaube ich, dass es so ist. Und es ist ein Glaube, der mich weit getragen hat.

Stringtheoretiker veranschaulichen ihr Modell von der physikalischen Welt manchmal mit einer vielsaitigen Gittare. Die Welt entsteht und erwacht zu Leben, sobald Gott deren Saiten zum Erklingen bringt und sie weiter tönen lässt.

Von wegen, die Naturgesetze seien kalt und unpersönlich! Und von wegen, die Welt erscheine umso absurder, je besser wir sie verstehen!

Im Gegenteil: Die verblüffende Verstehbarkeit bzw. Beschreibbarkeit so vieler Sachverhalte in der physikalischen Welt, die nichts mir unserem biologischen Überleben zu tun haben – von Quantenfeldern bis zur kosmischen Hintergrundstrahlung – ist eine entscheidende Berechtigung für mich diese Welt als Schleier von etwas Erhabenem dahinter aufzufassen. Von etwas, das irgendetwas mit uns zu tun hat. Es ist zwar nicht Mensch, aber auch nicht allein unpersönliches Ding. Vielmehr vermute ich dahinter die Wurzel aller Dinge, unbeschränkt und erhaben, mit der man über verborgene innere Wege in Verbindung treten kann. Erlebnisse, die mal mehr, mal weniger von intesiven Emotionen begleitet sein können.

Und diesmal ist mir das in einer Kirche widerfahren – ausgerechnet, als ich gerade auf dem Weg in eine Moschee war!

Der Koran sagt: Wenn Gott Aggressoren keinen Einhalt geboten hätte, dann wären Klöster, Kirchen, Synagogen und Moscheen, in denen Gottes Name häufig genannt wird, bestimmt zerstört worden. Ist es vielleicht dieser Moment, von dem diese koranische Aussage handelt? Und ein Hadith lehrt mich, dass die gesamte Schöpfung ein einziges Gotteshaus, ein einziger Tempel des Einen ist. Der Islam hat mich entbunden von der Anbetung von Orten und Dingen. Er hat meine Aufmerksamkeit auf Himmel und Erde gelenkt. Und mich gelehrt, dass der Gottesdienstwillige nicht Sonne und Mond, sondern einzig deren Schöpfer, also die fundamentalste aller Ursachen verehren und anbeten soll. Diese so beschriebene Welt ist gut und sie ist voller natürlicher Gebetsnischen – Nischen, die in meiner Welt nicht nur die Form von gebetstauglichen Orten, sondern auch von ergreifender Musik, oder spirituellen Momenten annehmen können.

Und ja: Es muss die selbe Welt sein, von der die mathematischen Modelle der theoretischen Physik, die gewaltige Orgel hier und die koranische Besingung des Einen, der uns näher als unsere Halsschlagader ist, letztlich handeln! Meine Sehnsucht gilt der Schauung dieser Einheit. Diese Schauung erfolgt aber nicht allein durch Vernunft. Nein, Vernunft hat hier höchtstens vorbereitenden Charakter, der die Wellen bis zum Ufer treibt und dann das Aufschlagen dem unabwendbaren Lauf der Dinge überlässt - ein Ereignis, das verkannt würde, wenn es einfach nur „begriffen“ wird. Also weg mit den Griffeln! Vernunftlose Erkenntnis nannte Tolstoi dieses Erleben – etwas, das er nach vielen Jahren der Glaubensskepsis und Depression als Wiedererwachen seines Kindheitsglaubens erfuhr. Dieser lange absente Glaube war zu ihm in fortgeschrittenem Alter in gereifter Form wiedergekehrt – und er wandte sich der Theologie und der Traditionskritik zu. Aber was die ungebändigte Freude am Glauben anbelangt, war er wieder zu seinen Wurzeln zurückgekehrt.

Von vernunftloser Erkenntnis sprach Tolstoi also - vernunftlos bedeutet hier jedoch nicht etwa vernunftwidrig, oder von einer Art, dass man sich einbildet etwas zu sehen, oder zu hören, was nicht da ist. Vielmehr ist damit ein höchst subjektiver, spontaner und intimer Moment gemeint, in dem sich das Verhältnis des Endlichen und Kleinen zum Unermesslichen zeigt, also ein Moment, in dem man Zeuge der Einbettung des Vergänglichen in das Unvergängliche zu werden scheint.

Ja, es ist ein schwer fassbarer Eindruck, es ist subjektiv, aber zeigt sich mir und anderen als nicht minder real und beständig als andere alltägliche Erfahrungen. Eben eine solche Qualität kann jedoch nur erlebt, und nicht berechnet werden. Ist sie vielleicht ein Nachhall der tief irgendwo in unsere Seele (was immer das auch ist) eingravierten Begegnung mit unserem Schöpfer vor unsem irdischen Dasein, in der Gott zu den Seelen sprach Bin ich nicht euer Herr, worauf diese antworteten Ja, das bist du.Ich weiß freilich nicht, ob es eine solche Erinnerung ist, wie Mystiker vielleicht vermuten würden. Aber ich weiß, dass das, was manche als Ehrfurcht vor dem Leben und andere als Ehrfurcht vor dem Menschen bezeichnen, in meiner Welt ihre Wurzel in der Ehrfurcht vor dem Schöpfer hat. Liebe zu den Geschöpfen um deren Schöpfer willen – so umschreiben es die anatolischen Mystiker.

Die ersten Teilnehmer des Abendgottesdienstes treffen ein. Ich verlasse diese Kirche, dankbar für diese unglaubliche halbe Stunde, und gehe erfüllt und zufrieden meinen eigenen Weg...

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Kommentar zum Friedensprozess zwischen dem türkischen Staat und der PKK (Deutschlandradio Kultur)

am Dienstag, 19 März 2013. Gepostet in Menschenrechte, Türkei, Terrorismus

Heute erschien im Politischen Feuilleton im Deutschlandradio Kultur folgender Kommentar von mir zu den aktuellen Friedensverhandlungen zwischen dem türkischen Staat und der kurdisch-nationalistischen PKK. Anlass zu diesem Kommentar ist das aktuelle Newroz-Fest zu Frühlingsbeginn, das in der Türkei vor allem für die Kurden von Bedeutung ist, und die für Donnerstag angekündigte Verlesung einer Erklärung Öcalans, von der man erwartet, dass sie den Rückzug der terroristisch aktiven PKK aus den Grenzen der Türkei einläuten wird. Wer den Kommentar nachhören mag, klicke hier. Ab Donnerstag wird sich zeigen, wieviel von den Hoffnungen bleibt. Ich möchte später noch einiges hierzu schreiben. Et voilà:

Die Türken beginnen, ihren Frieden mit den Kurden zu machen, und die Kurden mit den Türken - das könnte die Botschaft des diesjährigen Newroz-Festes zum Frühlingsbeginn sein.

Türken und Kurden suchen schon lange den Weg für ein friedliches Miteinander, haben aneinander gelitten, sich gegenseitig enttäuscht und immer wieder neuen Anlauf genommen. Doch diesmal könnte es gelingen, weil Recep Tayyip Erdoğan, Ministerpräsident in Ankara, und sein Gegenspieler Abdullah Öcalan, inhaftierter Chef der kurdischen PKK, einige mutige und politisch riskante Schritte aufeinander zu gemacht haben.

Seit ihrer Gründungszeit tolerierte die türkische Republik die Minderheit der Kurden - jedoch unter der Bedingung, dass sie ihre kurdische gegen eine türkische Identität tauschen. Kurdische Sprache und Kultur wurden bis vor wenigen Jahren noch gewaltsam unterdrückt, Organisationen und Parteien verboten. Noch in den 90ern wurden mutmaßliche Helfer der PKK in Staatsgefängnissen gefoltert, ganze Dörfer evakuiert und vernichtet.

Viele Türken erfuhren aus den Medien nur vom Terror kurdischer Rebellen, nicht jedoch vom Ausmaß des großen Leids der Kurden.

Von 1978 an hatte sich der Konflikt zugespitzt, als sich die PKK gründete, um für ein autonomes Kurdengebiet im Südosten der Türkei zu kämpfen. Politisch brisant war dies auch deswegen, weil in den benachbarten Regionen Irans, Iraks und Syriens ebenfalls Kurden leben, die an Autonomie interessiert waren. Die PKK verübte seitdem Terroranschläge auf staatliche und bisweilen auch zivile Ziele in der Türkei, und ging drastisch gegen Kritiker aus kurdischen Kreisen vor.

Doch nach 30 Jahren des Krieges und über 40.000 Toten hat sich einiges verändert. Abdullah Öcalan, der Chef der PKK, sitzt zu lebenslanger Freiheitsstrafe verurteilt im türkischen Gefängnis. Und Recep Tayyip Erdoğan, Vorsitzender der konservativen Partei für Gerechtigkeit und Aufschwung (AKP) ist seit zehn Jahren ein starker, zuweilen reformfreudiger Premierminister, der die Assimilation der Kurden verurteilte, ganz so, wie er die Versöhnung mit anderen Minderheiten einleitete.

Und er hatte damit Erfolg. Mittlerweile wählt mehr als die Hälfte der kurdischen Landsleute, selbst in kurdisch-dominierten Gebieten, die Regierungspartei AKP. Sie wurde der prokurdischen Partei für "Frieden und Demokratie" (BDP), die der PKK nahesteht, zur Gegnerin und Rivalin.

Und nicht nur das. Seit dem Jahre 2011 verhandelt der Staat mit der PKK - neuerdings sogar vor den Augen der Öffentlichkeit. Dies war für die Türkei ein außerordentlicher Tabubruch. Seit kurzem dürfen Öcalan auch Oppositionspolitiker der BDP besuchen. Sie überbrachten der PKK Friedenspläne ihres inhaftierten Führers. Darauf ließ die PKK türkische Geiseln frei, was als Zeichen des Aussöhnungswillens der Rebellen verstanden wurde.

Kritiker unterstellen Erdoğan, die Gespräche mit Öcalan zielten auch darauf ab, kurdische Abgeordnete für den Plan zu gewinnen, ein Präsidialsystem einzuführen. Jedenfalls geben sich Politiker der Regierungspartei wie der kurdischen Opposition größte Mühe die übliche Polemik zu vermeiden, positive Signale zu senden und die jeweilige Basis vom neuen Kurs zu überzeugen.

Beiden Seiten scheint klar zu sein, dass ein Scheitern der Friedensverhandlungen zu einem noch brutaleren Krieg führen würde. Demgegenüber könnte die Botschaft zum Newroz-Fest sein, dass die PKK einem Waffenstillstand zustimmt und sich vollständig aus der Türkei zurückzieht, während die Kurden im Lande endlich als vollwertige Bürger mit eigener kultureller Identität behandelt werden. Das wäre ein Meilenstein für die Türkei.

In diesem Sinne bleibt nur, einen frohen Frühlingsanfang zu wünschen: nevruzunuz kutlu olsun - newroz pîroz be!

 

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Zum Geburtstag des Propheten: Ein "Mevlid" von Goethe

am Sonntag, 13 Februar 2011. Gepostet in Denker, Inspirationen, Islamisches Leben

Kandiliniz mübârek olsun - eine gesegnte Lichternacht... Die islamische Frömmigkeit gedenkt vielerorts in der heutigen Nacht (23. Jan. 2013) des Geburtstages des Propheten Mohammed. Ich habe das zum Anlass genommen folgenden älteren Text oben einzustellen...

Im Folgenden präsentiere ich euch eine meiner Lieblings-Neuentdeckungen der letzten Monate, nämlich ein Gedicht von Goethe, das vom Propheten Mohammed handelt und mich immer wieder überwältigt. Denn es drückt etwas über den Propheten aus, was auch ich empfinde, aber wofür ich ehrlich gesagt nicht die passenden Worte finde.

Zum Hintergrund: Goethe arbeitete in seinem 23. Lebensjahr an einer Tragödie, in der der Prophet Mohammed die Hauptrolle spielen sollte. Dieses Werk wurde nicht vollendet, jedoch sind einige Fragmente davon erhalten. Über diese schreibt Katharina Mommsen: "Schon bezüglich dieser Fragmente ist jedoch zu sagen, dass sie die bedeutsamste Huldigung darstellen, die jemals ein Dichter in Deutschland dem Begründer des Islam dargebracht hat." (Goethe und der Islam, S. 48). Damit ist insbesondere das Preislied "Mahomets Gesang" gemeint.

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Gedankensplitter über Himmel, Erde, und das dazwischen

am Donnerstag, 03 Januar 2013. Gepostet in Inspirationen, Theologie, Philosophie

Das ist aus meinem Twitter-Experiment herausgekommen. Ich habe immer dann geschrieben, wenn mich etwas beschäftigt hat: Bei der Arbeit, beim Nachdenken, beim Nachrichtenlesen, beim Abgammeln - die Reihenfolge lautet: je weiter unten, umso älter. Man bedenke, dass Tweets auf Twitter auf 140 Buchstaben beschränkt sind. Here we go:

1. Der effektivste Weg den Islam zu beleidigen: Allen sagen, dass man ein Moslem ist, und sich anschließend benehmen wie ein Gorilla.

2. Religion: Nicht Enttäuschung über das, was uns fehlt, sodern Dankbarkeit für das, was uns bleibt..


3. Religion: Nicht Enttäuschung über das, was uns fehlt, sodern Dankbarkeit für das, was uns bleibt.. (Oh, das war eine Wiederholung merke ich gerade...)


4. Religion: Nicht wissen, was Gott ist, sondern wissen, wie man sich zu ihm verhält. Das Verhalten definiert die Beziehung, nicht das Wissen..


5. Denken: Sich im Raum der Gedanken orientieren. Gedanken: Gegenstände unseres Geistes. Unser Geist: Der Boden, an dem sich der Spaten biegt..


6. Kann man denken, ohne sich innerlich an einem imaginären Publikum orientieren zu müssen? Andererseits: Kann man überhaupt ohne andere denken?

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Twitter

am Dienstag, 01 Januar 2013. Gepostet in Allgemeines

Liebe Leserinnen und Leser,

ich komme im Moment vor lauter Arbeit leider nicht zum Bloggen. In dieser Zeitknappheit habe ich Twitter für mich entdeckt. Wer Interesse hat, kann dort meine Tweets lesen, die mich dadurch herausfordern, dass diese höchstens 140 Zeichen lang sein sollen. So lang ist für gewöhnlich gerade mal der Beginn der Einleitung meiner sonstigen Texte. Aber wie auch immer: Ich würde mich sehr freuen, wenn ihr mal vorbeischaut. Ihr könnt mir folgen (oder auch nur reinlesen) unter https://twitter.com/HakanTuran79. Euch allen ein gesundes, gesegnetes und schönes neues Jahr!

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Triumph der Pflicht über die Neigung (I. Kant)

am Montag, 05 November 2012. Gepostet in Denker, Philosophie

Hier ein Kant-Zitat über "Pflicht" - zum Staunen, Zustimmen, Widersprechen und Weiterdenken:

"Pflicht!

Du erhabener großer Name, der nur nichts Beliebtes, was Einschmeichelung bei sich führt, in dir fassest,

sondern Unterwerfung verlangst,

doch auch nichts drohest, was natürliche Abneigung im Gemüte errege und schreckte, um den Willen zu bewegen,

sondern bloß ein Gesetz aufstellst, welches von selbst im Gemüte Eingang findet und doch sich selbst wider Willen Verehrung (wenngleich nicht immer Befolgung) erwirbt,

vor dem alle Neigungen verstummen,

wenn sie gleich insgeheim ihm entgegenwirken:

welches ist der deiner würdige Ursprung,

und wo findet man die Wurzel deiner edlen Abkunft, welche alle Verwandtschaft mit Neigungen stolz ausschlägt,

und von welcher Wurzel abzustammen die unnachlässliche Bedingung desjenigen Wertes ist, den sich Menschen allein selbst geben können?"

(Aus dem Kapitel "Elementarlehre der reinen praktischen Vernunft" in Immanuel Kants Kritik der praktischen Vernunft)

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Kant, Goethe, Hegel, Erdoğan. Erdoğan!?

am Mittwoch, 31 Oktober 2012. Gepostet in Türkei, Identität, Türken

Jetzt noch mal Schritt für Schritt: Der türkische Premier Erdoğan stattet Deutschland einen Besuch ab und redet, wie eh und je - denkt man. Wenn er redet, dann geht es in der Regel deftig zu, und mittlerweile vergeht kaum ein Tag, an dem ich mir nicht die Hände über dem Kopf zusammenschlage vor Enttäuschung über seinen politischen Kurs, der sich sowohl von Europa, als auch von einer Demokratisierung des türkischen Staates weg hin zu einer extrem unsympathischen, faktischen Alleinherrschaft entwickelt. Ein EU-Beitritt ist kaum noch Thema in seinen Reden und türkische liberale und konservative Demokraten werfen ihm vor das Thema EU, Transparenz des Staates und Demokratisierung mehr oder weniger abgehakt zu haben. Mehmet Altan, einer der wichtigsten Vordenker einer liberal-demokratischen "zweiten Republik" Türkei verließ wütend die regierungsfreundliche Tageszeitung Star, nachdem ihm nicht erlaubt wurde eine regierungskritische Kolumne zu veröffentlichen. Seitdem klebt die Star-Zeitungspolitik in einem nicht mehr erträglichen Ausmaß sklavisch an den Äußerungen Erdoğans und findet mehrmals am Tag journalistisch wertlose Beweise für die Genialität der Regierung, für die Niederträchtigkeit der CHP und das kurz bevorstehende Ende des PKK-Terrors, wie man der Star-Website entnehmen kann (eine ganze Reihe genialer Star-Kolumnisten wie Mustafa Akyol sei von dieser Kritik ausgenommen). Unlesbar sage ich da nur.

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Intermezzo: Bumm - Leben - Bumm - Tod

am Montag, 27 August 2012. Gepostet in Geisterstunde

Deutsche, Türken, Christen, Muslime... Friedrich, Şahin, PKK, NSU... Gülen, Spiegel, Ängste, Verschwörungstheorien… Israel, Syrien, Iran und der immer wieder beschworene Untergang des gesamten Abend- und Morgendlands – ich habe gerade echt keinen Lust auf diese anstrengenden Themen und möchte hier als Intermezzo vor meinen durch endlos lange Texte gehörig leidgeprüfte Leserinnen und Lesern (es sind laut Statistikprogramm mittlerweile angeblich 700-800 unabhängige Besucher am Tag – ich danke euch!) über etwas viel Angenehmeres und der Logik möglicherweise Zugänglicheres als über die Stimmungen und Verstimmungen anonymer Massen monologisieren, nämlich nicht über den Untergang, sondern über den Anfang aller Dinge, also die Enstehung des Universums, und über eine der wenigen Dinge, die Islamkritikern und frommen Muslimen, Fethullah Gülen und  Ilhan Cihaner, mir und einem Fußball gemeinsam sind, nämlich über die Materie, die  in uns allen steckt, die vor Milliarden von Jahren mithilfe von Neutrinodruckwellen (von wegen Neutrinos taugen nichts) aus dem Inneren ausgebrannter Sterne in gleißend hellen Supernovae in den interstellaren Raum des Orionarms unserer Galaxis (="Samanyolu") gepustet wurde.

Lauter kleine Knälle in den endlosen Weiten der kosmischen Umgebung unserer heutigen Sonne: Bumm! Bumm! Und nochmals Bumm (ja, ich weiß, dass es im Weltall keinen Schall gibt, aber sei heute nicht so streng mit mir)! Lauter Wolken neu fusionierter Elemente: Kohlenstoff, Sauerstoff, Stickstoff, Eisen – eigentlich alles, was es im Periodensystem der Elemente jenseits von Wasserstoff und Helium gibt und was für die Ausbilung fester Planeten und langkettiger Moleküle wie die DNA notwendig ist (Waas? Ihr kennt das Periodensystem nicht auswendig?). Ganz zu Beginn gab es im Kosmos nur die letzteren beiden Gase (na, welche waren das noch mal?). Aber dann kamen die ersten Sternengenerationen, glühten unter Kernfusion von Innen auf und erwachten zu stellarem Leben. Manche, die schwer genug waren, endeten nach langer Zeit in diesen Wahnsinnsereignissen names Supernovae, denen man nicht zu nah kommen sollte. Sonst BUMMMM! Lauter Abfallwolken schwebten im Universum umher, frisch augebrütetes Material, aus dem später unser Sonnensystem, das Leben und all die komischen Kauze um uns herum entstehen sollten. BUMMMM! Kein Titan hätte das überlebt – aber es war der kernphysikalische Anfang der Geschichte unseres Lebens überhaupt.

Das ist eure Materie: geschmiedet im Verlaufe von Milliarden von Jahren in den Herzen gigantischer Feuerbälle, ausgespien in ihrem erschütternden Todesschrei, in Millionen Jahren kondensiert zu unscheinbaren und Lichtjahre großen Wolken, schwanger mit neuen Sternen und dem Keim von Leben – Wolken, die dank innerer Gravitation in sich hineinzuregnen begannen und kosmische Pfützen in Form von neuen Sonnensystemen hinterließen. 4,5 Millarden Jahre soll es her sein, als unser Sonnensytem – ein zunächst höchst unwirtlicher Ort – hervortrat aus dem Rest jener kosmischen Sternenexplosionen.

Und nun seht, was wir daraus gemacht haben: BUMMM! Ein weiteres Kind, wie du und ich es waren, stirbt elend im Würgegriff immer effizienterer Mordschlingen. BUMMM! Die ganze Intelligenz der Menschheit gebündelt im Projekt Menschenleben auszulöschen, und sie davor nochmals gehörig leiden zu lassen, damit ja keiner an uns zweifelt. BUMMM! Eşek kadar herifler! Konferieren mit dem Teufel und furzen Vernichtungspläne aus. BUMMM! It oğlu itler! Flehen, heulen, ja winseln um die totale Eskalation. Die Welt muss endlich geordnet werden, doch dazu muss sie erst auf den Scheiterhaufen. BUMMM! Herdentriebe, Steinzeitgene, Mordwahn – all die Ethik, all die Moral, all die Religion, alles wertlos, wenn keiner aufsteht und NEIN sagt zum Wahnsinn. NEIN zum Hass. NEIN zur Herrschaft mordender, studierter Vollidioten.

Eine Supernova hätte die Macht gehabt unseren ganzen Planeten im Nu auszulöschen, doch seht: Sie und ihre Schwestern webten mit kosmischer Geduld das Geburtszelt unseres Sonnensystems. Seht in das zerfurchte Antlitz dieses Lebens, das nun zwischen uns, das in uns zugrunde geht.

Und jede Nacht, wenn wir an den Himmel schauen, dann wisse: Dort kommen wir ursprünglich her – und schlachten uns heute gegenseitig ab, Brudermorde, wohin das Auge reicht. Die Ideologie des aufgeklärten und fachkompetenten homo oeconomicus: Fressen bis zum Kotzen, zwischendurch Moral rülpsen und anschließend wieder Fressen. Nein, nicht die da - WIR sind der homo oeconomicus. Jeden Tag, sklavisch unseren Trieben und Moden ausgesetzt. Ach wir würden ja so gerne, ach wir täten ja so gerne – das sagt mein alçak nefs auch jeden Tag, und ich würde ihm so gerne glauben. Aber nein, wen soll ich belügen?

Wir machen uns zum Komplizen einer düsteren Welt und es ist uns scheißegal in einem geradezu kosmischen Ausmaß – wir sind nicht Teil der Lösung, sondern Teil des Problems. Und eben dies in unserer Eitelkeit nicht wahrhaben zu wollen ist seine Überlebensgarantie. Wir füttern den Dämon, der in einer Zeit des Wohlstandes, der Medizin und der CERN-Teilchenbeschleuniger über eine Milliarde Menschen bereitwillig dem Elend und dem Tod überantwortet. Und dieser Dämon sät den Keim von noch mehr Hass und Leid.

Morde, die unsere Besten nicht begehen würden, wenn sie nicht auf den erwachsenen, mit einer Krawatte geschmückten Mann da drüben, sondern auf das kleine, weinende Kind hier zu unseren Füßen gehört hätten... Eine Stimme, zu leise für den kotzenden Mob, zu irrational für den diplomierten Irrsinn, zu wertlos für die Jahresbilanz und zu schwach für die optimierte Eisenfaust...

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Zur Eskalation der deutschen Gülen-Debatte (Teil 1)

am Samstag, 25 August 2012. Gepostet in Islam, Türken

Die Gülen-Bewegung hat endlich den Weg in die deutschen Medien geschafft: Als Organisator des tiefen Staates in der Türkei, als sich weltoffen gebärdende kriminelle Untergrundorganisation oder als muslimische Sekte, deren Parallele je nach Kritikergeschmack in der katholischen Opus Dei oder in Scientology zu finden ist. Demnach ist diese Bewegung nicht nur gefährlich, sondern auch geheim und global. Zugleich gottesstaat-affin, gehirnwaschend und gemein zu Andersdenkenden und Aussteigern – spätestens hier müsste auch dem unbedarftesten Leser der Scientology-Vergleich plausibel erscheinen.

Das sind die Eindrücke, die der deutsche Leser von Fethullah Gülen und seiner Bewegung offensichtlich bekommen soll, wenn er den Artikel von Maximilian Popp in der ersten Augustausgabe des Spiegels (32/2012), die Randbemerkungen im Bericht von Franz Feyder in den Stuttgarter Nachrichten vom 15.12.2011, oder den Beitrag von Boris Kálnoky auf Welt-Online am 10.10.2011 liest. Es handelt sich dabei einerseits um Beiträge zu einem längst überfälligen Diskurs über die Gülen-Bewegung (bzw. auch „Hizmet“ = „Dienst“) in Deutschland. Beiträge, die viel Unstrittiges aussagen, ja teils nur das Allgemeinwissen der Türken ins Deutsche übersetzen. Beiträge, deren kritischer Anteil unter anderem der Zurückhaltung der Gülen-Bewegung geschuldet ist nach deutschen Maßstäben öffentlich und klar über sich selbst Auskunft zu geben. Aber dennoch handelt es sich dabei auch um Beiträge, die denkbar schlecht dazu geeignet sind um einen realistischen Eindruck von der Bewegung zu bekommen.

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Mahmut Çebis Antwort auf den gülenkritischen Spiegelartikel (Teil 2)

am Samstag, 25 August 2012. Gepostet in Islam, Türken

Wie in der Einleitung zu meiner Textreihe über die aktuelle Gülen-Debatte angekündigt folgt nun die dreiteilige Antwort des Zaman-Redakteurs Mahmut Çebi auf den Spiegel-Artikel von Maximilian Popp. Et voilà:

„Popp-Artikel schadet Spiegel“ von Mahmut Çebi (1. Teil) in: Deutsch-Türkisches Journal, 13. August

"Der muslimische Gelehrte Fethullah Gülen wurde bereits mit verschiedenen Etiketten gebrandmarkt. Viele werfen ihm vor ein radikaler Islamist zu sein, andere sehen in ihm einen Christenfreund, der gemeinsame Sache mit dem Vatikan macht. Ein anderer Vorwurf lautet wiederum, er sei pro amerikanisch und pro israelisch. Woran mag das liegen? In seinen Werken finden sich keine Anhaltspunkte für die oben genannten Beschuldigungen. Vielleicht liegt es daran, dass die Kritiker seine Werke nicht lesen. Doch trotz aller Unterstellungen und Anschuldigungen bleibt er für viele ein angesehener und unumstrittener Gelehrter, der nicht nur in der Türkei, sondern auch in vielen anderen muslimischen Ländern zahlreiche Anhänger hat.

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Das Arterienzitat, oder: Gülen und der Unterwanderungsauftrag (Teil 3)

am Sonntag, 26 August 2012. Gepostet in Islam, Türkei

Im Juni 1999 wurde auf dem türkischen Sender ATV ein Zusammenschnitt von Aufnahmen von Sohbets [Vortragsrunden] von Gülen veröffentlicht, in denen er seine Schüler scheinbar zur Unterwanderung des Staates aufruft. Diese Videos zählen seitdem zu den Hauptargumenten für die Dämonisierung der Bewegung, die sich eigentlich einen Namen für ihre Befürwortung der Demokratie gemacht hatte (Gülen: "Es gibt kein zurück von der Demokratie"). Zuletzt hat Maximilian Popp in seinem gülenkritischen Spiegelartikel das besagte Video als Argument (hier, letzter Absatz) aufgegriffen. Im Folgenden möchte ich am Beispiel Popps den gülenkritischen Diskurs um die Aufnahmen und ihre Aussagekraft einer kritischen Analyse unterziehen. (Das hier verwendete Anti-Gülen-Video ist auf Youtube unter "Fettullah [falsch geschrieben] Gülen amaç ve hedefler 1" zu finden).

Popp schreibt:

„Er riet seinen Anhängern, den türkischen Staat zu unterwandern und sich konspirativ zu verhalten, bis die Zeit zur Machtübernahme reif sei: ‚Ihr müsst in die Arterien des Systems eindringen, ohne dabei bemerkt zu werden. Ihr müsst warten, bis der richtige Moment gekommen ist, bis ihr die gesamte Staatsmacht an euch gerissen habt. Wenn wir voreilig handeln, wird die Welt uns die Köpfe einschlagen, Muslime überall werden leiden. Es wäre, wie ein Ei zu zerbrechen, ohne die 40 Tage zu warten, bis das Küken schlüpft.‘ Als eine Aufnahme dieser Rede 1999 an die Öffentlichkeit geriet, musste Gülen aus der Türkei fliehen. Er behauptet, seine Worte seien manipuliert worden. Gülen lebt seither im Exil in den USA.“

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Zum Ramadan-Abschluss

am Samstag, 18 August 2012. Gepostet in Allgemeines, Islamisches Leben

Hier einige Gedanken zum Abschluss des Ramadan vom Mitblogger Erbil, die er als Kommentar zu meinem Ramadan-Artikel verfasst hat:

"Selam lieber Hakan und die anderen Leser dieses wunderbaren Blogs,

ich möchte gerne noch meine Gedanken zu dieser vorzüglich umfassenden, jedoch nicht überladenen Beschreibung des Ramadan hinzufügen.

Jahrelang habe ich als Heranwachsender im Elternhaus (klassisch, türkische Gastarbeiterfamilie mit tscherkessischen Wurzeln) gefastet. Mit dem Auszug zum Studium und des damit einhergehenden Schleifenlassen des Fastens und anderen Gewohnheiten, hatte ich die letzten Jahre nicht mehr gefastet. Auch nachdem ich selbst Vater geworden war, wollte sich nicht mehr so richtig ein Bezug zum Fasten einstellen.
So langsam, mit 40 Jahren, viel Nachdenken und Versuchen der Selbstreflektion, lerne ich es aber neu kennen und schätzen. Es gibt einen weiteren - wie mir scheint - wichtigen Aspekt des Fastens. Die Entschleunigung und das Ablegen von viel mentalem Ballast, der uns umgibt und ständig anhaftet. Auch dieser wird mit weggehungert.

Neben dem Geist verschärft sich u.a. auch der Geruchssinn wieder.
Spaziergänge vor dem Fastenbrechen mit bewusstem Riechen werden so wieder zu einem ganz besonderen Erlebnis."

Ich kann dem nur noch hinzufügen, dass auch ich bei Spaziergängen während dem Fasten immer wieder auf verborgene, aber sehr interessante Details in den Straßen, Häusern und Gärten auf meinen täglichen Routen aufmerksam werde.

In diesem Sinne, auf ein neues, entschleunigtes Jahr ohne mentalen Ballast, und mit viel Zeit für seine Liebsten und die wesentlichen Dingen im Leben.

Ich wünsche allen Leserinnen und Lesern ein gesegnetes Ramadan-Fest vom Sonntag bis zum Dienstag.

Bayramınız mübarek olsun, 'îd mubârak!

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Enttäuschung über Erdoğan (Markar Esayan)

am Donnerstag, 16 August 2012. Gepostet in Türkçe

Vielleicht ist dem einen oder anderen Leser aufgefallen, dass ich seit einiger Zeit keine Beiträge mehr über die Türkei schreibe. Mir ist die Lust darauf vergangen, weil ich jeden Tag fassungloser werde. Die AKP-Regierung schickte sich einst an aus der Türkei eine moderne Demokratie zu machen - und sie leistete hierzu auch hervorragende Dienste. Jedoch war es vielleicht doch zu schön um wahr zu sein. Mittlerweile haben mindestens drei Zeitungen regierungskritische Journalisten gefeuert bzw. durch Zensur rausgeekelt (Star: Mehmet Altan; Yeni Şafak: Ali Akel; Radikal: Yıldırım Türker). Auslöser ist ein tobender Premierminister Erdoğan und eine Reihe kuschender Chefredakteuere, denen die Harmonie mit der Regierung wertvoller ist als Meinungsfreiheit und demokratische Kritik an der selbst gewählten Regierung. Zum Kotzen. Taraf  (hier und hier) und Hasan Cemal von Milliyet (hier) haben die zensierten Texte aus Protest veröffentlicht. Aber was hilft's? Dem vermeintlich konservativ-liberalen Demokraten Erdoğan ist offensichtlich die Macht über den Kopf gewachsen, sein Innenminister vergleicht Kolumnen mit Patronen von Terroristen und überhaupt frägt man sich, ob die Türken je ohne Bevormundung leben, oder ob sie stets nur die Auswahl zwischen den einen selbstgefälligen Despoten oder den anderen haben werden. Syrien, Israel und Iran, und die mit Parlamentarierkidnapping und Terrorwahn durchdrehende PKK setzen dem Ganzen die Krone auf und ja: die türkische Politik macht gerade einen höchst überforderten Eindruck.

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Einen gesegneten Ramadan!

am Freitag, 20 Juli 2012. Gepostet in Islamisches Leben, Türkçe

Es folgt ein sehr amüsanter Motivationstext (auf Türkisch) zum heute beginnenden Sommer-Ramadan eines muslimischen Autors, der freitags bei Taraf unter dem Pseudonym "Ramazan Rasım" schreibt. Einfach toll! Ich habe aus diesem Text folgendes Motto für diesen Ramadan abgeleitet: Vergiss die bescheuerten Debatten den Medien und strafe sie mit maximaler Gleichgültigkeit. Genieße die kommende Zeit der frühmorgendlichen Sahurs, der abendlichen Iftars, der täglichen Gemeinschaft mit Familie und Freunden. Stelle dich der sicher auch anstrengenden Momente (aber scheue dich auch nicht im Zweifelsfall die Erleichterungen im Sinne der ebenfalls gebotenen Gesunderhaltung zu nutzen). Nutze die Chance zu einem spirituellen Neubeginn und einer Neubesinnung. Mache das, was sonst niemand macht, und wofür man dich eigentlich für verrückt erklären müsste. Und lass dir von nichts und niemandem die Laune verderben. Und gedenke deiner ersten Ramadanerfahrungen in deiner Kindheit. In diesem Sinne: allen Leserinnen und Lesern einen gesegneten Ramadan! (hier noch ein Text von mir zum Ramadan).

Ramazan Rasım schreibt:

"Bugün itibariyle kampa giriyoruz.

Bir ay boyunca nefisler sıkı bir idman yapacak, kondisyon tutacak.

Midemiz köfte, bağırsağımız şeftali, boğazımız karpuz isteyecek. Kulağımıza gelen yakası açılmadık bir havadis, başka kulaklara yayılmak için dilimizi kamaştıracak. Trafikte önümüze kıran şoför hakkında beynimiz her zamankinden daha yaratıcı küfürler bulacak. Aklımıza hiç denenmemiş “bugün işe gelemiyorum” yalanı gelecek. Beş insan büyüklüğündeki Adriana Lima, kuma uzandığı billboarddan gözlerimize davetkâr bir bakış fırlatacak.

O sırada Allahu Tealanın sesini duyacağız yine: Âdem oğlunun her ameli kendisi için, yalnız orucu benim içindir.

O halde oruç “Allah’ı mı daha çok seviyorsun nefsini mi?” sorusuna verilen en net yanıttır.

Etrafınızda size acıyan dostlarınız olacak. Onlara “Bana acımayın. Ben Afrikalı bir aç değil, cennette (eğer tabii TOKİ oraya da el atmazsa) villalar inşa ettiren kurnaz bir müteşebbisim” deyin.

“İftara kaç saat kaldı” diye güya sizinle dayanışmaya çalışırken gerilimi artıranlar olacak. Onlara “Allah’a hesap vermeye kaç saat kaldı” gibi kontr ataklarla karşılık verin.

Sık sık “Bu sıcakta vallahi işiniz zor” diyip vahlananlar olacak. Onlara “Vallahi size de helal olsun, o sıcaklarda sizin işiniz de zor olacak” diye takılın. (Tamam, tamam çok kötücül oldu, o kadarını yapmayın bari)

O kadar saat aç kaldıktan sonra tam sofra başına oturmuşken “Ama öyle çeşit çeşit yemeklerle oruç açılmaz” diye bir de takva dersi verenleri ise o taze patlıcanla, biberle yapılmış çömlekteki yaz güvecinden aldığınız ilk lokmadan sonra hatırlamayacaksınız bile.

Ağzınızın suyunu sildiyseniz devam edebiliriz.

Televizyonlardaki “muhabbetle kalın”lı, “değerli hocam”lı, altın varaklı programlardan, laik gazetelerin hidayet promosyonlarından, “Kabe’nin yolları bölük bölüktür” kıvamındaki Ramazan sayfalarından, “oruçlu adam dehşet saçtı” haberlerinden uzak durun.

İlahi Taraf geldi, batıl zail oldu.

Bizzat Allah için tuttuğunuz orucunuzla aranıza, Çanakkale’de cepheye gidiyormuş telaşesinde oruca hazırlık tavsiyeleri veren doktorları, orucu neyi bozup neyin bozmadığı konusundaki örnek vakaları artık ancak bilim kurgunun konusu olabilecek fıkıhçıları sokmayın.

İftar sofralarında kolektif oyuna, sahur sofralarında taktiğe, teravih için seçilen camide hatim indirilip indirilmediğine aman dikkat.

Geriye kalıyor 15 saatlik bir açlık. Bu yazıyı okurken bile 2 dakikası geçiverdi baksanıza.

Yeis yok. Yapamam, edemem yok. Yeşil sahanın ortasında omuz omuza verip birbirimize söz veriyoruz. Nefs İdman Yurdu Spor olarak yeni oruç sezonuna hazırız. Bu sezon gözümüzü kupaya diktik. Kadir Gecesi gülen taraf inşallah biz olacağız.

Haydi göreyim sizi. Ama bir zahmet iftardan sonra..."

(Quelle: www.taraf.com.tr)

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Wer hat Angst vor den Islamisten?

am Montag, 09 Juli 2012. Gepostet in Islam, Fundamentalismus, Weltpolitik

Hier einige Auszüge eines provozierenden und gelungenen Beitrags von Jan Ross auf Zeit-Online über die (nicht nur) westliche Angst vor den Islamisten in den arabischen Ländern, die spätestens mit der Wahl des Muslimbruders Mursi zum ägyptischen Staatschef grundsätzlich problematisiert werden muss. Es liegt an der westlichen Öffentichkeit bei ihrer Auseinandersetzung mit der islamischen Welt über ihren Schatten zu springen und feinere, aber dringend nötige Differenzierungen vorzunehmen. Islamismus ist nicht mehr gleich Islamismus.

Ross selbst diskutiert in diesem Zusammenhang die Frage, warum der Westen religiöse Prediger mehr fürchtet als putschende Generäle, und weist unter Vergleich mit Entwicklungen der Sozialdemokraten in Deutschland auf das bereits absehbare Wandlungspotenzial des Islamismus hin.

Eines ist klar geworden: Das Phänomen des Islamismus hat eine breite Basis in der islamischen Welt, jedoch weniger in seinen radikalen Formen. Es liegt an den religiösen und lange entmündigten Muslimen die Konzpete von politischem Islam, Demokratie, säkularem Staatswesen, und lokalen Traditionen einer systematischen Neubetrachtung zu unterziehen, denn in nicht allzu ferner Zukunft werden sie selbst die volle Verantwortung für die Politik ihrer Länder tragen. Die Türken haben diese Erfahrung gemacht - und gesehen, dass sie noch einen langen und wenig berechnbaren Weg vor sich haben. Es folgen nun einige Auszüge aus dem Beitrag von Jan Ross mit meiner Empfehlung den gesamten Artikel zu lesen:

"...Es gibt keinen Weg zur Demokratie in den arabischen Ländern, der am politischen Islam vorbeiführt. Demokratie heißt nun einmal Volksherrschaft, und wenn das Volk mehrheitlich oder zu großen Teilen kulturell und religiös konservativ ist, dann muss das in seinen Wahlentscheidungen und in der Politik seiner Repräsentanten zur Geltung kommen. Es ist falsch und gefährlich, diese Tendenzen zu ignorieren oder zu unterdrücken. Als den algerischen Islamisten 1991 von einem putschenden Militär ihr Wahlsieg gestohlen worden war, folgte ein langer, barbarisch blutiger Bürgerkrieg...

Man darf die Lern- und Anpassungsfähigkeit der islamistisch geprägten Politiker nicht unterschätzen. Auch sie leben nicht mehr im Jahr 1979, als in Teheran der prowestliche Schah gestürzt wurde und der Ajatollah Chomeini seine Gottes- und Schreckensherrschaft errichtete. Nirgendwo in der arabischen Welt gilt heute das Mullah-Regime noch als Vorbild und Erfolgsgeschichte, auch bei den Muslimbrüdern und ihren Gesinnungsfreunden nicht...

Die allmähliche Zivilisierung radikaler Ideologien kennt Europa aus seiner eigenen Geschichte. August Bebel, den die deutsche Sozialdemokratie als ihren Gründervater verehrt, hat bis an sein Lebensende nicht offiziell mit dem dogmatischen Marxismus gebrochen. Noch 1903 erklärte er: »Ich will der Todfeind dieser bürgerlichen Gesellschaft und Staatsordnung bleiben, um sie in ihren Existenzbedingungen zu untergraben, und sie, wenn ich kann, beseitigen.« Da war die SPD faktisch schon eine reformerisch-parlamentarische Partei. Nur hat sie erst später die Kraft gefunden, ausdrücklich von ihrer Klassenkampfdoktrin Abschied zu nehmen...

Die modernen Islamisten machen jetzt ihre ersten Erfahrungen mit der Macht – und die Welt macht die ersten Erfahrungen mit der Macht dieser Islamisten. Auf Demokratie und Menschenrechte und, in Ägypten, auf den Frieden mit Israel haben sie sich verpflichtet; daran sind sie gebunden, und daran soll man sie messen. Wachsam, aber nicht feindselig..."

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