andalusian.de

Deutsches, Türkisches und Islamisches
  • andalusian-Blog
  • Über mich

Bildung

Vorbereitung auf das Leben in der Fabrik

am Mittwoch, 08 Februar 2012. Gepostet in Bildung, Identität, Erziehung

"Indem sie in der Schule schlecht sind und 'versagen', bereiten sie sich auf das Leben vor, dass sie in der Fabrik erwartet."

Mit diesem Satz fasste eine Erziehungswissenschaftlerin das Ergebnis von Studien des Sozialforschers Paul Willis aus den 70ern zu Kindern der Arbeiterschicht in England zusammen. Er hatte darin festgestellt, dass das widerständige Verhalten dieser Kinder in der Schule einhergeht mit einer Identifikation mit der Kultur der Arbeiterschicht und einer damit korrespondierenden Auflehnung gegen den schulischen Druck zur Anpassung an die etablierte Mittelschicht. Parallel zur Überzeugung dieser Mittelschicht fremd und nicht für die Schule geschaffen zu sein fand sich bei ihnen ein an der Arbeiterkultur ausgerichtetes Männlichkeitsideal und die hoffnungsvolle Aussicht in der Fortführung der Biografie ihrer Väter ebenfalls auf eigenen Füßen zu stehen und Familien gründen zu können.

Weiterlesen | View Comments (1)

Von Goethe, Wulff und Sarrazin

am Sonntag, 16 Januar 2011. Gepostet in Bildung, Islamkritik, Koran, Denker

Sarrazin: Wulff verharmlost Goethes kritisches Islambild

Thilo Sarrazin hat mit einem Beitrag in der Weihnachtsausgabe der FAZ mit seinen Kritikern und Gegnern in Politik und Medien abgerechnet. Dabei trat gleich in zwei Passagen ein bislang an der Sarrazin-Debatte unbeteiligter Name auf: Johann Wolfgang von Goethe. Hier wird der Dichter zweimal in Stellung gegen Sarrazins Gegener gebracht – zum einen gegen die „deutschen Inquisitoren“, die sein Buch auf den Index gesetzt hätten, zum anderen gegen den Bundespräsidenten Wulff wegen seinen angeblich den Islam verharmlosenden Berufungen auf Goethe. In beiden Kontexten bezieht sich Sarrazin explizit auf das poetische Spätwerk des Dichters, nämlich den West-östlichen Divan. Während im ersteren Fall die Gesinnung der Inquisitoren durch ein Divan-Zitat entlarvt werden soll, steht im letzteren Fall eine Richtigstellung von Goethes Haltung zum Islam im Vordergrund. Denn Wulff habe aufgrund fehlender eigener Bildung auf seiner Türkeireise doch ein Goethe-Zitat so verwendet, dass man dem Dichter eine verharmlosende, oder gar positive Haltung zum Islam hätte unterstellen können.

Wulff hatte in seiner Begrüßungsrede auf einem Kammerkonzert in der Istanbuler Irenenkirche folgende – laut Sarrazin nur scheinbar versöhnliche – Zeilen aus dem Divan zitiert:

„Gottes ist der Orient!

Gottes ist der Okzident!

Nord- und südliches Gelände

Ruht im Frieden seiner Hände.“

Sarrazin ist empört über eine derart verantwortungslose Verwendung von Goethe-Zitaten und schlägt vor, man solle doch Wulff „Goethes ‚West-östlichen Divan‘ schenken, damit er nicht mehr verharmlosend daraus zitiert.“ Die von ihm mittlerweile verachtete Staatsspitze habe also nicht nur sein Buch nicht gelesen, sondern auch Goethe nicht verstanden. Das soll wohl bedeuten, dass Goethe in Wirklichkeit ein Vorläufer der heutigen Islamkritiker war, und schon damals das wusste, was man heute leider nicht mehr sagen darf, nämlich dass der Islam letztlich eine totalitäre Bedrohung für die christlich-abendländische Zivilisation darstelle. Goethe soll dies zu einer Zeit verstanden haben, in der der Zerfall des Osmanischen Reiches bereits in vollem Gange war und die Kolonialisierung der islamischen Welt durch europäische Großmächte gerade seine ersten Vorboten aussandte. Dazu hätte man in der Tat sehr „hellsichtig“ sein müssen.

Aber mit einem bloßen Hinweis auf diese Umstände zur Zeit Goethes ist Sarrazins islamkritisches Goethebild gewiss noch nicht widerlegt. Immerhin wartet Sarrazin mit deftigen Goethe-Zitaten auf, die in nichts dem heutigen Ton entschiedener Islamkritiker nachstehen. So zitiert Sarrazin aus Goethes „Noten und Abhandlungen zu besserem Verständnis des West-östlichen Divans“ die Anmerkung, die Religion der Muslime lasse „ihren Bekenner nicht aus einer dumpfen Beschränktheit heraus“. Knapp, knackig, politisch inkorrekt – was will man mehr? Außerdem schreibe Goethe ja auch: „Der Stil des Koran ist seinem Inhalt und Zweck gemäß streng, groß, furchtbar“. Ein erschütterndes Ergebnis also. Der Koran: furchtbar! Der islamische Glaube: dumpfe Beschränktheit! Und damit scheint die Schlacht auch schon geschlagen: Sarrazin hat Wulff peinlichster Unkenntnisse bezüglich Goethes Haltung zum Islam überführt. Schenkt also Wulff einen Divan! Denn, so Sarrazin: „von der totalitären Gefahr dieser Religion [des Islams] verstand er [Goethe] vor zweihundert Jahren mehr als heute die Redenschreiber unseres Bundespräsidenten.“

Weiterlesen | View Comments (5)

Die Kinder des Korans

am Samstag, 25 Dezember 2010. Gepostet in Bildung, Islam, Integration, Menschenrechte, Identität, Islamkritik, Koran, Islamisches Recht, Islamisches Leben, Geschlechter

1. Vom Anfang aller Dinge

Der Koran ist das heilige Buch des Islams. Und sein Studium ist eine äußerst lohnenswerte Sache. Als ich als Schüler eines Tages über mein Taschengeld hinaus Geld für einige neue C64-Monatsmagazine benötigte, unterbreitete ich meinem Vater einen perfiden Deal: Ich bot ihm an den Ayat-al Kursi, das ist der Thronvers des Korans, auf arabisch auswendig zu lernen – wenn ich dafür mit einer irdischen Belohnung seinerseits rechnen durfte. Etwas verwirrt sagte er zu, und nach zwei Stunden konnte ich den relativ langen Vers auswendig. Überhaupt memorierte ich auch sonst die Suren, die man für verschiedenste Gebete benötigte, am liebsten daheim in Eigenarbeit – und für gewöhnlich ohne irdische Entlohnungen. Wenn man viele Suren im Original auswendig konnte, dann erlangte man nicht nur die Anerkennung der Erwachsenen, sondern auch das Wohlgefallen Gottes.

Weiterlesen | View Comments (1)

Die Kinder des Korans 2: Erste Gehversuche mit dem Koran

am Samstag, 25 Dezember 2010. Gepostet in Bildung, Islam, Türken, Koran, Islamisches Leben

Innerlich von der Integrität des Korans überzeugt entschied ich mich in den nächsten Jahren dazu, den augenscheinlichen Skandalen der mir heiligen Schrift nachzugehen. Schließlich waren sich doch Feind und Freund wenigstens darin einig, dass der Koran die höchste Instanz im Islam darstellt. Das Brett, das ich da bohren wollte, entpuppte sich jedoch als dicker als gedacht. Mein Projekt drohte schon zu Beginn daran zu scheitern, dass kaum ein Muslim um mich herum, gleichgültig wie gebildet oder religiös er war, über Korankenntnisse verfügte, die merklich über das Wissensniveau meiner ambitionierten Grundschullehrerin hinausgingen. Selbst in den Koranschulen stand damals wie heute die unmittelbare Bedeutung der studierten Koranpassagen nicht auf dem Programm. Hüben wie drüben dient der Koran in erster Linie als kanonischer Text des arabischsprachigen Gottesdienstes und als Gegenstand vorzüglicher Rezitationskunst.

Weiterlesen | View Comments (1)

Zum Essay "Vom Dualismus und dem Kalifen Umar"

am Freitag, 08 Oktober 2010. Gepostet in Bildung, Islam, Integration, Identität, Islamkritik

Vor fast drei Jahren nahm ich mit meinem Essay "Vom Dualismus und dem Kalifen Umar" am Studierendewettbewerb des Bundesinnenministeriums teil. Auf diesen Wettbewerb bin ich damals durch einen Hinweis von Michael Blume im Verteiler der Christlich-Islamischen-Gesellschaft (CIG) aufmerksam geworden. Er selbst hatte dort schon einmal einen Preis gewonnen und wollte die Leser der Rundmail dazu einladen es selbst auch zu versuchen. Das Thema des Jahres lautete anlässlich der vom damaligen Bundesinnenminister Wolfgang Schäuble initiierten Deutschen Islamkonferenz "Muslime in Deutschland - Deutsche Muslime". In einer Nacht-und-Nebel-Aktion schrieb ich meinen ersten an die Öffentlichkeit gerichteten Text über den Islam in Deutschland zusammen.  Letztlich gewann ich in der Kategorie Essays/Reportagen einen dritten Preis. Diesen Text habe ich jetzt an dieser Stelle eingestellt. Eine Pointe hierbei: Es war ein Christ, der mich auf die Idee brachte über Muslime zu schreiben. Vielen Dank, Michael!

Weiterlesen | Leave Comment

Vom Dualismus und dem Kalifen Umar

am Freitag, 08 Oktober 2010. Gepostet in Bildung, Islam, Integration, Identität, Islamkritik

I. Deutschland retten – aber vor was?

Plötzlich legte der Seminarleiter eine Folie mit einer vollständig in Burka gehüllten Frau auf. Unter dem Gewand streckte sie ihre Hand heraus und dem Betrachter bohrte sich der Anblick ihres vestümmelten Daumens ins Auge. Die Taliban hatten ihn abgeschlagen, weil sie ihn lackiert hatte. Übergroß, geradezu bedrohlich ragte das Bild von der geschundenen Frau über meinen Kopf. In der vorigen Woche hatte ich im Weltreligionenseminar ein Einführungsreferat über islamische Theologie und Mystik gehalten. Heute sollte ich zum Thema Mann und Frau im Islam referieren - und dies war nun die unerwartete Stimulanzie dazu. Lange hatte ich mir Gedanken darüber gemacht, wie ich die Koranverse zum Thema systematisieren kann, um anschließend einige traditionelle und zeitgenössische Interpretationen vorzustellen. Das erfreuliche Ergebnis sollte sein, dass der Koran durchaus in einem sehr emanzipatorischen Sinne ausgelegt werden kann. Und nun dieses deplazierte Foto, das von mir offensichtlich einige Betroffenheitsbekundungen abverlangte.

Weiterlesen | View Comments (1)

Ich will aufs Gymnasium!

am Dienstag, 17 August 2010. Gepostet in Bildung, Integration

Vom 9.5.2010

Kürzlich unterhielt ich mich mit einem Hochschullehrer für Pädagogik und einigen seiner Studenten über die Bildungschancen von Kindern mit Migrationshintergrund. Dabei kam das Gespräch auf die Grundschulempfehlung, die für den weiteren Werdegang eines Kindes im dreigliedrigen Schulsystem in Baden-Württemberg, ja für seine gesamte Zukunft eine entscheidende Rolle spielt. Er bestätigte meine Beobachtung, dass sehr vielen türkischen Kindern, die den nötigen Notenschnitt für den Sprung auf das Gymnasium besitzen, aufgrund äußerst zweifelhafter pädagogischer Erwägungen doch nur eine Realschulempfehlung ausgesprochen wird.

Weiterlesen | View Comments (1)

Wie man sich Osmanen heranzieht

am Dienstag, 17 August 2010. Gepostet in Bildung, Identität, Erziehung, Türken

Vom 7.1.2010

Der Unterricht bei Frau Rieger* an der städtischen Realschule hat gerade begonnen. Und wie die vor wenigen Wochen eingeschulten Fünftklässler am lauten und bestimmten Tonfall der Deutsch- und Geschichtslehrerin, die zugleich Schulleiterin ist, erkennen können, gibt es zuvor etwas Wichtiges zu klären. In die Richtung von Fatih blickend fängt Frau Rieger an:

„Bevor wir anfangen will ich etwas sagen. Sei dir über einige Sachen im Klaren, Fatih. Diese wären, dass ich gesehen habe, dass du in den Pausen die Mädchen belästigst und schlägst. Du kannst dieses Verhalten in der Türkei bei euren Frauen an den Tag legen. Aber mit deutschen Mädchen und Frauen kannst du nicht so umgehen wie mit türkischen Frauen.”

Völlig verwirrt widerspricht Fatih den Beschuldigungen, doch gegen diese mutige Kulturkämpferin, die dem Türken endlich klar machen will, dass hier nicht türkische, sondern deutsche Gepflogenheiten gelten, ist nicht anzukommen. Die Situation endet mit einer Ankündigung von Strafmaßnahmen bei wiederholtem Fehlverhalten und einem weinenden Fünftklässler, der zum ersten Mal einige längst fällige Worte über den fundamentalen Unterschied zwischen den beiden Kulturen, in denen er groß wird, belehrt wird.

Weiterlesen | View Comments (1)

Suche
andalusian-Themen
  • Allgemeines
  • Arif
  • Bildung
  • Christentum
  • Denker
  • Erziehung
  • Fundamentalismus
  • Geisterstunde
  • Geschlechter
  • Identität
  • Inspirationen
  • Integration
  • Islam
  • Islamkritik
  • Islamisches Leben
  • Islamisches Recht
  • Judentum
  • Koran
  • Koranische Kosmologie
  • Kunst
  • Kurzgeschichte
  • Menschenrechte
  • Musik
  • Philosophie
  • Sinn des Lebens
  • Terrorismus
  • Theologie
  • Türkçe
  • Türkei
  • Türken
  • Weltpolitik
  • Wissenschaft
feed-image

Copyright © 2009 ---.
All Rights Reserved.

Joomla template created with Artisteer.