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Integration

Interview (mit mir) im Deutschlandradio über die Islamkonferenz und Integration

am Donnerstag, 19 April 2012. Gepostet in Integration, Islam

Anlässlich der Islamkonferenz vom 19. April 2012 war ich in der Sendung "Ortszeit" im Deutschlandradio Kultur mit einem Interview u. a. zu den Themen Kauder ("Islam gehört nicht zu Deutschland"), Islamkonferenz, Salafiten und Frauenrechten zu hören - aus meiner Sicht ein kleines Brainstorming zu diversen Themen. Und: Nicht, dass ich ansonsten langsam sprechen würde, aber da es viel zu sagen gab, habe ich mich bemüht besonders schnell zu sprechen, mal sehen wer da mithält :)

Die Zusammenfassung des Interviews findet ihr hier und das Interview hier.

Ich hatte bereits auf meinem Blog einen Text zum Desinteresse der Muslime an der Islamkonferenz verfasst, der auch auf dem Blog von Jörg Lau von der Zeit diskutiert wurde.

Von meinen Lesern würde ich zudem gerne Folgendes wissen (gerne auch per Mail unter Diese E-Mail-Adresse ist gegen Spambots geschützt! JavaScript muss aktiviert werden, damit sie angezeigt werden kann. ): Welche muslimischen Leser kennen die Islamkonferenz? Was halten sie von ihren Ziele und Themen? Was haltet ihr überhaupt von der Veranstaltung - und warum? Was wünscht ihr euch von ihr? Angesprochen von meiner Frage mögen sich vor allem die "Normalos" unter den Muslimen fühlen, die sich ansonsten nicht gerne zu diesen Themen äußern.

Nachtrag (eben erfahren): Eine sehr lesenswerte und anregende Meinung zur Islamkonferenz und vor allem zur Zukunft des innerislamischen Diskurses in Deutschland findet ihr bei Serdar Güneş, der damit übrigens am selben Tag wie ich einen Auftritt im Deutschlandradio Kultur hatte

(@Serdar: Wenn wir inşallah mal Rentner sind, gründen wir ein eigenes Radio und beschallen dann mit unseren Meinungen, Diskussionen und Lieblingssongs rund um die Uhr die Welt, ok? Wer sonst noch mitmachen will, möge sich melden...).

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Grußbotschaft des Bundespräsidenten zum Ramadanfest

am Dienstag, 13 September 2011. Gepostet in Integration, Islamisches Leben

Für alle, die es nicht mitbekommen haben - dies war die Grußbotschaft unseres Bundespräsidenten Christian Wulff zum diesjährigen Ramadanfest vor zwei Wochen:

„Wer dieses Jahr den Ramadan begangen hat, musste oft große Kraft aufbringen: weil die Fastenzeit in einen Sommer fiel, dem ein ganz besonderer Frühling vorausgegangen war, der arabische Frühling. Seine Stürme haben die Welt verändert.

Aus Gesprächen mit Muslimen in Deutschland weiß ich: Vielen ist das religiöse Innehalten schwer gefallen angesichts der aufwühlenden Berichte aus Nordafrika, die uns Tag für Tag erreichen. Einerseits wecken die jungen Demokratiebewegungen immense Hoffnungen und den Wunsch, beim Neubeginn dabei zu sein. Andererseits wachsen auch die Sorgen um Angehörige und Freunde, die in der alten Heimat für die Freiheit ihr Leben riskieren. Deshalb werden die Iftar-Essen 2011 nicht überall so ausgelassen sein können wie in anderen Jahren.

Umso mehr wünsche ich allen, die das Fest des Fastenbrechens feiern, dass Ihnen diese Stunden im Kreis der Familie neue Zuversicht schenken. Und ich hoffe, dass auch nach Ende des Ramadan eine seiner wichtigsten Botschaften in unsere Gesellschaft ausstrahlt: das aufmerksame Miteinander, die Bereitschaft zum Geben und zum eigenen Verzicht.

Ich bin voller Hochachtung für jeden, der sich in diesem Geist, mit Mut und Menschlichkeit in die Gemeinschaft einbringt. Viele Muslime tun das immer wieder aufs Neue und fördern damit auch den Zusammenhalt in Deutschland. Der 30. August ist eine gute Gelegenheit, dafür Danke zu sagen!“

Herzlichen Dank, Herr Wulff!

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Von den Grenzen der Toleranz und des Aushaltbaren

am Sonntag, 11 September 2011. Gepostet in Integration, Menschenrechte, Türkei, Erziehung, Geschlechter

"Warum kleiden die sich nicht so, wie jede andere Frau hier auch? Das ist ja nicht auszuhalten. Und soll mir bloß keiner sagen, dass die diese Kleidung bei dieser Hitze freiwillig tragen. Schau dir doch mal ihre Ehemänner und Söhne an: Kurze Hosen, T-Shirts. Und die Frau? Eingehüllt in Stoff, kaum mehr zu erkennen. Was soll das bedeuten? Will man uns damit unterstellen, dass wir jede Frau anspringen würden, die sich nicht so kleidet? Ich meine, es ist mir ja egal, wenn die bei sich in ihrer Heimat so herumlaufen wollen – aber man könnte sich doch wenigstens im Ausland etwas der Umgebung anpassen. Außerdem findet man eine solche Kleidungsvorschrift gar nicht im Koran. Und es gibt doch so viele andere Muslime, die die Kleidungsgebote viel liberaler auslegen. Warum bestehen sie also auf dieser Kleidung? Ich hab’s: Wahrscheinlich wollen sie provozieren, alle Aufmerksamkeit auf sich ziehen.

Ich glaube, ich weiß, was mich am meisten daran stört: Früher konnte man hier kaum eine Frau so bekleidet sehen. Heute hat das inflationäre Ausmaße angenommen und es scheinen immer mehr zu werden – wie soll ich das zuordnen? Es ist doch eindeutig, dass mit dieser Kleidung der restlichen Gesellschaft unterstellt wird, dass sie unmoralisch sei, und dass sich alle Frauen, die sich nicht so kleiden wie sie, als Lustobjekte anbieten. Frechheit. Ich meine: Wir stehen ganz klar für Freiheit in Glaubens- und Lebensfragen. Deren Kultur hingegen steht offensichtlich für das genaue Gegenteil. Und diese Kleidung ist der deutlichste Beleg dafür, dass diese Kultur die Frau komplett von der Außenwelt abschirmen und mundtot machen will. So wird es wohl sein.“

Diese Gedanken stammen nicht von einem der gewohnten Türkenhasser oder Moslemverachter.

Sie stammen vielmehr von mir.

Sie drängten sich mir nach und nach in Fetzen aus meinen tieferen Bauchregionen auf, als ich auf dem Sultanahmet-Platz in Istanbul völlig überraschend in allen Ecken komplett in Schwarz gehüllte Frauen mit Gesichtsschleiern sah, die nur durch einen schmalen Augenschlitz blicken konnten. Manchmal war dieser Schlitz noch zusätzlich von einer Sonnenbrille bedeckt. Ich fühlte mich stellenweise regelrecht bedroht, da keine Gesichtszüge zu erkennen waren, sondern nur noch schwarze Umrisse, scheinbar zu Schatten verkommene Reste eines Menschen. Vor einigen Jahren bekam ich so etwas in meinem geliebten Istanbul nicht zu sehen. Überhaupt kannte ich Gesichtsschleier fast ausschließlich aus den Medien. So blickte ich nun als befremdeter türkischsstämmiger Tourist in der Türkei wieder auf die einheimischen türkischen Frauen, die teils ganz gewöhnliche Kopftücher trugen, und teils locker oder gar sommerlich gekleidet waren. Das war die Leitkultur hier, der gewohnte Anblick, so wie es also eigentlich sein sollte.

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Darf sich ein Muslim Juden und Christen zu Freunden nehmen?

am Montag, 15 August 2011. Gepostet in Integration, Christentum, Islamkritik, Koran, Fundamentalismus, Islamisches Recht, Islamisches Leben, Judentum

In meiner Grundschulzeit waren alle Nationalitäten in meinem Freundeskreis vertreten: Deutsche, Italiener, Spanier, Portugiesen – allesamt Klassenkameraden, mit denen wir vormittags auf dem Pausenhof herumrannten und nachmittags entweder am C64 saßen und Giana Sisters spielten oder draußen die Gegend unsicher machten. Türken waren nahezu keine vorhanden. Mein bester Freund war ein Italiener. Er stand mir mit Fäusten bei, als mich zwei deutsche Klassenkameraden fast täglich auf dem Schulweg verprügelten – ich hatte ihren Zorn auf mich gezogen, als ich ihnen unüberlegt erzählt hatte, dass Türken viel mutiger seien als Deutsche. Einer von ihnen hat mich zwanzig Jahre später zu seiner Hochzeit eingeladen. Gelegentlich war ich bei dem Italiener daheim zu Gast beim Abendessen. Oft schlenderten wir vor Sonnenuntergang über die Felder und unterhielten uns über die Heimatstädte unserer Eltern oder über unsere Traumberufe. Er wollte damals Architekt werden und ich Arzt.

Meine Eltern schätzten meinen guten Kontakt zu meinen Klassenkameraden und ich hätte nicht gedacht, dass ich damit jemandes Missfallen erregen könnte – bis ich eines Tages von einem älteren Türken, der sich mit dem in den 90ern aufsteigenden politischen Islam in der Türkei identifizierte, etwas zu hören bekam, was mir das Blut in den Adern gefrieren ließ:

„Du kannst mit diesen Leuten nicht befreundet sein – denn im Koran steht: Nehmt euch nicht die Juden und Christen zu Freunden. Sie sind einander Freunde.“

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Nicht schweigen, sondern reden über die deutsch-türkisch-islamische Identität (im Deutschlandradio Kultur)

am Donnerstag, 17 März 2011. Gepostet in Integration, Identität, Islamisches Leben

Am 17. März war ich mit folgendem Beitrag im Politischen Feuilleton im Deutschlandradio Kultur zu lesen und zu hören:

Deutschlandweit entstehen Lehrstühle für islamische Theologie und Islamunterricht wird als ordentliches Lehrfach eingeführt. Während dessen streiten sich unsere Spitzenpolitiker in regelmäßigen Abständen darüber, ob denn der Islam nun ein Teil deutscher Kultur sei oder nicht. Eigentlich sollte die Frage heute eher lauten, in welchem Sinne, und weniger, ob er ein Teil Deutschlands ist.

Wer verneint, dass der Islam hierzulande dazugehört, beschwört meist eine Leitkultur oder eine kulturelle Identität, in der allein Platz für urdeutsche und christliche, keinesfalls aber für muslimische Elemente ist. Gleichzeitig wird die Rolle des Islams bei Integrationsproblemen oft maßlos überschätzt. Die Botschaft lautet: Ohne Islam wäre alles viel besser in Deutschland. Eine solche Botschaft bleibt freilich nicht folgenlos.

Nicht nur religiöse, sondern auch liberale und säkulare Muslime empören sich und suchen zunehmend Halt in ihrer vermuteten eigenen kulturellen Identität. Unter dem Eindruck der Integrationsdebatte festigt sich auch bei ihnen der Eindruck, dass der Islam die Grenze zwischen Deutschen und beispielsweise Türken markiere. Aber ist das wirklich so?

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Gedanken zu Necla Kelek

am Dienstag, 08 März 2011. Gepostet in Integration, Islamkritik

Bei der Lektüre von Patrick Bahners "Die Panikmacher", einer lesenswerten Streitschrift gegen die namhaften Islamkritiker im öffentlichen Diskurs, bin ich wieder neugierig auf meine Aufzeichnungen zu Necla Keleks "Die fremde Braut" geworden, die ich vor einigen Jahren für mein eigenes Archiv angefertigt hatte. Ich will hier künftig das eine oder andere davon kommentiert veröffentlichen. Ich hoffe, dass weder Necla Kelek, noch ihre Sympathisanten so etwas persönlich nehmen. Eine öffentliche und derart einflussreiche Person wie Kelek muss Kritik aushalten - und Necla Kelek hat darin mittlerweile beste Erfahrung und kann darin durchaus als Vorbild dienen.

Damals, als ich ihr Buch las, war ich tief beeindruckt vom Mut und der Selbstlosigkeit Keleks, aber zugleich auch zutiefst enttäuscht von ihrer radikalen Islamfeindlichkeit und ihrer Entschlossenheit den Islam und die Kultur der Muslime ohne jedes Wenn und Aber zu dämonisieren.

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Was tun bei S-Bahn-Prügeleien zwischen Punks und Kanaken? (für Fortgeschrittene)

am Montag, 21 Februar 2011. Gepostet in Integration, Türken, Kurzgeschichte, Islamisches Leben, Arif

Neulich stieg Arif an einem freitag Abend in die Stuttgarter S-Bahn und ärgerte sich über laute Jugendliche, die sich in der Bahn mit diversen Alkoholika vollaufen ließen – trotz des ausgeschriebenen Verbots von Alkoholkonsum in öffentlichen Verkehrsmitteln. In seinem Rucksack schleppte er schon den ganzen Tag ein Buch über kulturelle Identität und seinen Laptop mit sich herum, auf dem er in freien Minuten Texte über Identitätsfragen schrieb. Nach dem Umsteigen stand er am Ende eines vollen S-Bahn-Wagens. Auf den einander zugewandten Sitzmöglichkeiten auf der linken und rechten Seite des Zuges wechselten sich von Haltestelle zu Haltestelle junge Fahrgäste ab.

Zuletzt hatte sich ein korpulenter Punk mit zwei Mädchen auf die linke Bankreihe gesetzt. Arif dachte sich, dieser Punk hätte gut als Ausstellungsstück in die aktuelle Ausstellung in der Stuttgarter Staatsgalerie über Menschenbilder aus verschiedenen den Jahrhunderten gepasst. Interessiert zählte er seine Gesichtspiercings und studierte seinen ehrwürdigen, in Violett- und Rosatönen schillernden Irokesenschnitt. Auf seinem Rücken prangte ein großer Aufnäher, auf dem ein Hakenkreuz abgebildet war, das in einen Mülleimer geworfen wurde. Der Punk hieß Marcel – und war betrunken genug, dass ihm nicht auffiel, dass Arif ihn von der Seite musterte.

Beim nächsten Halt sollte sich die gegenüberliegende Bankreihe ebenfalls füllen. Herein kamen drei junge Südländer mit Halsketten und sportlichem Outift und. Erst dachte Arif, das sind bestimmt Türken, bis er bei zweien, nämlich Özgür und Murat, Halskettenanhänger mit Kurdistanumrissen erblickte. Aha. Kurden waren das also. Sie konnten aber sicher auch Türkisch. Der dritte der Runde hieß Zamir und hatte kurzes blondes Haar. Weiter hinten saß noch ein Italiener names Alfonso, der später noch eine Rolle spielen wird. Özgür und Zamir setzten sich auf die rechte Bankreihe.

Und was tat Murat?

Na, was wohl!

Er stellte sich genau in die Mitte des Wagens, griff nach zwei Halteschlaufen an der Decke – und begann Klimmzüge zu machen. Eins, und zwei, und drei, und vier… Marcel und die beiden Mädchen auf der einen, Zamir und Özgür auf der anderen Seite sahen dem Treiben zu. „Ein Überzeugungskanake durch und durch - wenn das mal gut geht“, dachte sich Arif.

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Die Kinder des Korans

am Samstag, 25 Dezember 2010. Gepostet in Integration, Islam, Menschenrechte, Identität, Bildung, Islamkritik, Koran, Islamisches Recht, Islamisches Leben, Geschlechter

1. Vom Anfang aller Dinge

Der Koran ist das heilige Buch des Islams. Und sein Studium ist eine äußerst lohnenswerte Sache. Als ich als Schüler eines Tages über mein Taschengeld hinaus Geld für einige neue C64-Monatsmagazine benötigte, unterbreitete ich meinem Vater einen perfiden Deal: Ich bot ihm an den Ayat-al Kursi, das ist der Thronvers des Korans, auf arabisch auswendig zu lernen – wenn ich dafür mit einer irdischen Belohnung seinerseits rechnen durfte. Etwas verwirrt sagte er zu, und nach zwei Stunden konnte ich den relativ langen Vers auswendig. Überhaupt memorierte ich auch sonst die Suren, die man für verschiedenste Gebete benötigte, am liebsten daheim in Eigenarbeit – und für gewöhnlich ohne irdische Entlohnungen. Wenn man viele Suren im Original auswendig konnte, dann erlangte man nicht nur die Anerkennung der Erwachsenen, sondern auch das Wohlgefallen Gottes.

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Die Kinder des Korans 1: Vom Anfang aller Dinge

am Samstag, 25 Dezember 2010. Gepostet in Integration, Islam, Identität, Koran

Der Koran ist das heilige Buch des Islams. Und sein Studium ist eine äußerst lohnenswerte Sache. Als ich als Schüler eines Tages über mein Taschengeld hinaus Geld für einige neue C64-Monatsmagazine benötigte, unterbreitete ich meinem Vater einen perfiden Deal: Ich bot ihm an den Ayat-al Kursi, das ist der Thronvers des Korans, auf arabisch auswendig zu lernen – wenn ich dafür mit einer irdischen Belohnung seinerseits rechnen durfte. Etwas verwirrt sagte er zu, und nach zwei Stunden konnte ich den relativ langen Vers auswendig. Überhaupt memorierte ich auch sonst die Suren, die man für verschiedenste Gebete benötigte, am liebsten daheim in Eigenarbeit – und für gewöhnlich ohne irdische Entlohnungen. Wenn man viele Suren im Original auswendig konnte, dann erlangte man nicht nur die Anerkennung der Erwachsenen, sondern auch das Wohlgefallen Gottes.

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Die Kinder des Korans 5: Die Lebenserfahrung als Leitlinie

am Samstag, 25 Dezember 2010. Gepostet in Integration, Islam

Solche Möglichkeiten des Verstehens sind für eine theoretische Aufarbeitung des Islams in der Neuzeit ebenso von Bedeutung wie zur Ablehnung untragbarer Lesarten von Fanatikern und unreflektierten Fundamentalisten. Vor allem zeigen sie die zunehmende Praxis einer innerislamischen kritischen Vernunft auf, die im Einklang mit islamischen Glaubensaxiomen die Offenbarung selbst nicht in Frage stellt, aber sie im Lichte heutiger Verhältnisse neu zu erschließen sucht – und das ist nicht wenig.

Die Ansätze solcher Lesarten reichen zu großen Teilen in die islamische Tradition zurück. Und für mich waren sie hilfreich um jenseits der Auseinandersetzung mit Wortlaut-Fundamentalismen und differenzierungsunwilliger Islamkritik das eigentlich substanzielle Thema des Korans nicht aus dem Blick zu verlieren, nämlich das intime Verhältnis zwischen Gott, Mensch und Kosmos.

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Wie islamfeindlich sind die Deutschen wirklich?

am Samstag, 16 Oktober 2010. Gepostet in Integration, Islamkritik

In großen Teilen der muslimischen Bevölkerung machen sich aufgrund der immer schonungsloseren Debatte über die Muslime Deutschlands Enttäuschung und Unsicherheit breit. Zwei repräsentative Studien haben nun Zahlen veröffentlicht, die einen Eindruck von der anwachsenden Islamfeindlichkeit in Deutschland vermitteln sollen. Der ersten von der Friedrich-Ebert-Stiftung (FES) in Auftrag gegebenen Studie zufolge, in der es primär um den Rechtsextremismus in Deutschland ging, würde mehr als die Hälfte der Deutschen eine erhebliche Einschränkung der Religionsausübung für Muslime befürworten. Der anderen von der ARD in Auftrag gegebenen Studie nach wünsche sich jeder dritte Deutsche ein Deutschland ganz ohne den Islam.

Ein Muslim, der all dies unter dem Eindruck der aktuellen Integrationsdebatten zu hören bekommt, könnte naheliegenderweise so denken: "Wenn über die Hälfte der deutschen Bevölkerung mir am liebsten mit staatlicher Gewalt verbieten würde völlig friedlichen religiösen Verpflichtungen nachzugehen - was kann ich dann noch von diesem Land für mich und meine Kinder erwarten? Statt die zunehmende Islamfeindlichkeit zu bekämpfen, dreschen nun auch die Politiker um die Wette auf uns ein. Warum soll ich da nicht auch lieber auf vorsichtige Distanz zu den Deutschen gehen, die offensichtlich außer Verachtung nichts für mich übrig haben, auch wenn ich mir nichts zu schulden kommen lasse?"

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Vor dem Tribunal der Kulturwächter

am Sonntag, 10 Oktober 2010. Gepostet in Integration, Islam, Identität, Islamkritik

Es vergeht mittlerweile kaum eine Woche, in der nicht ein neuer Streit um die Muslime in Deutschland vom Zaun gebrochen wird. Eine der Fragen, die ich mir dabei stelle, lautet: Wie wirken sich diese hoch erregten Debatten eigentlich auf das Verhältnis der Muslime Deutschlands zur Mehrheitsgesellschaft aus? Von vielen muslimischen Bürgern - auch von jenen, die als integriert und säkular gelten - ist in solchen Zeiten zu hören, dass sie sich schon seit langem nicht mehr so türkisch, muslimisch oder einfach nur fremd in Deutschland gefühlt haben. Auch wenn dies emotional nachvollziehbar ist - ist das im Grunde nicht eine Fluchtreaktion? Eine Reaktion, die alles, wofür zahllose Deutsche wie Türken seit Jahrzehnten gemeinsam gearbeitet haben, auf einen Schlag für gescheitert erklärt?

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Zum Essay "Vom Dualismus und dem Kalifen Umar"

am Freitag, 08 Oktober 2010. Gepostet in Integration, Islam, Identität, Bildung, Islamkritik

Vor fast drei Jahren nahm ich mit meinem Essay "Vom Dualismus und dem Kalifen Umar" am Studierendewettbewerb des Bundesinnenministeriums teil. Auf diesen Wettbewerb bin ich damals durch einen Hinweis von Michael Blume im Verteiler der Christlich-Islamischen-Gesellschaft (CIG) aufmerksam geworden. Er selbst hatte dort schon einmal einen Preis gewonnen und wollte die Leser der Rundmail dazu einladen es selbst auch zu versuchen. Das Thema des Jahres lautete anlässlich der vom damaligen Bundesinnenminister Wolfgang Schäuble initiierten Deutschen Islamkonferenz "Muslime in Deutschland - Deutsche Muslime". In einer Nacht-und-Nebel-Aktion schrieb ich meinen ersten an die Öffentlichkeit gerichteten Text über den Islam in Deutschland zusammen.  Letztlich gewann ich in der Kategorie Essays/Reportagen einen dritten Preis. Diesen Text habe ich jetzt an dieser Stelle eingestellt. Eine Pointe hierbei: Es war ein Christ, der mich auf die Idee brachte über Muslime zu schreiben. Vielen Dank, Michael!

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Vom Dualismus und dem Kalifen Umar

am Freitag, 08 Oktober 2010. Gepostet in Integration, Islam, Identität, Bildung, Islamkritik

I. Deutschland retten – aber vor was?

Plötzlich legte der Seminarleiter eine Folie mit einer vollständig in Burka gehüllten Frau auf. Unter dem Gewand streckte sie ihre Hand heraus und dem Betrachter bohrte sich der Anblick ihres vestümmelten Daumens ins Auge. Die Taliban hatten ihn abgeschlagen, weil sie ihn lackiert hatte. Übergroß, geradezu bedrohlich ragte das Bild von der geschundenen Frau über meinen Kopf. In der vorigen Woche hatte ich im Weltreligionenseminar ein Einführungsreferat über islamische Theologie und Mystik gehalten. Heute sollte ich zum Thema Mann und Frau im Islam referieren - und dies war nun die unerwartete Stimulanzie dazu. Lange hatte ich mir Gedanken darüber gemacht, wie ich die Koranverse zum Thema systematisieren kann, um anschließend einige traditionelle und zeitgenössische Interpretationen vorzustellen. Das erfreuliche Ergebnis sollte sein, dass der Koran durchaus in einem sehr emanzipatorischen Sinne ausgelegt werden kann. Und nun dieses deplazierte Foto, das von mir offensichtlich einige Betroffenheitsbekundungen abverlangte.

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Ich will aufs Gymnasium!

am Dienstag, 17 August 2010. Gepostet in Integration, Bildung

Vom 9.5.2010

Kürzlich unterhielt ich mich mit einem Hochschullehrer für Pädagogik und einigen seiner Studenten über die Bildungschancen von Kindern mit Migrationshintergrund. Dabei kam das Gespräch auf die Grundschulempfehlung, die für den weiteren Werdegang eines Kindes im dreigliedrigen Schulsystem in Baden-Württemberg, ja für seine gesamte Zukunft eine entscheidende Rolle spielt. Er bestätigte meine Beobachtung, dass sehr vielen türkischen Kindern, die den nötigen Notenschnitt für den Sprung auf das Gymnasium besitzen, aufgrund äußerst zweifelhafter pädagogischer Erwägungen doch nur eine Realschulempfehlung ausgesprochen wird.

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