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Erziehung

Vorbereitung auf das Leben in der Fabrik

am Mittwoch, 08 Februar 2012. Gepostet in Erziehung, Identität, Bildung

"Indem sie in der Schule schlecht sind und 'versagen', bereiten sie sich auf das Leben vor, dass sie in der Fabrik erwartet."

Mit diesem Satz fasste eine Erziehungswissenschaftlerin das Ergebnis von Studien des Sozialforschers Paul Willis aus den 70ern zu Kindern der Arbeiterschicht in England zusammen. Er hatte darin festgestellt, dass das widerständige Verhalten dieser Kinder in der Schule einhergeht mit einer Identifikation mit der Kultur der Arbeiterschicht und einer damit korrespondierenden Auflehnung gegen den schulischen Druck zur Anpassung an die etablierte Mittelschicht. Parallel zur Überzeugung dieser Mittelschicht fremd und nicht für die Schule geschaffen zu sein fand sich bei ihnen ein an der Arbeiterkultur ausgerichtetes Männlichkeitsideal und die hoffnungsvolle Aussicht in der Fortführung der Biografie ihrer Väter ebenfalls auf eigenen Füßen zu stehen und Familien gründen zu können.

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Von den Grenzen der Toleranz und des Aushaltbaren

am Sonntag, 11 September 2011. Gepostet in Erziehung, Integration, Menschenrechte, Türkei, Geschlechter

"Warum kleiden die sich nicht so, wie jede andere Frau hier auch? Das ist ja nicht auszuhalten. Und soll mir bloß keiner sagen, dass die diese Kleidung bei dieser Hitze freiwillig tragen. Schau dir doch mal ihre Ehemänner und Söhne an: Kurze Hosen, T-Shirts. Und die Frau? Eingehüllt in Stoff, kaum mehr zu erkennen. Was soll das bedeuten? Will man uns damit unterstellen, dass wir jede Frau anspringen würden, die sich nicht so kleidet? Ich meine, es ist mir ja egal, wenn die bei sich in ihrer Heimat so herumlaufen wollen – aber man könnte sich doch wenigstens im Ausland etwas der Umgebung anpassen. Außerdem findet man eine solche Kleidungsvorschrift gar nicht im Koran. Und es gibt doch so viele andere Muslime, die die Kleidungsgebote viel liberaler auslegen. Warum bestehen sie also auf dieser Kleidung? Ich hab’s: Wahrscheinlich wollen sie provozieren, alle Aufmerksamkeit auf sich ziehen.

Ich glaube, ich weiß, was mich am meisten daran stört: Früher konnte man hier kaum eine Frau so bekleidet sehen. Heute hat das inflationäre Ausmaße angenommen und es scheinen immer mehr zu werden – wie soll ich das zuordnen? Es ist doch eindeutig, dass mit dieser Kleidung der restlichen Gesellschaft unterstellt wird, dass sie unmoralisch sei, und dass sich alle Frauen, die sich nicht so kleiden wie sie, als Lustobjekte anbieten. Frechheit. Ich meine: Wir stehen ganz klar für Freiheit in Glaubens- und Lebensfragen. Deren Kultur hingegen steht offensichtlich für das genaue Gegenteil. Und diese Kleidung ist der deutlichste Beleg dafür, dass diese Kultur die Frau komplett von der Außenwelt abschirmen und mundtot machen will. So wird es wohl sein.“

Diese Gedanken stammen nicht von einem der gewohnten Türkenhasser oder Moslemverachter.

Sie stammen vielmehr von mir.

Sie drängten sich mir nach und nach in Fetzen aus meinen tieferen Bauchregionen auf, als ich auf dem Sultanahmet-Platz in Istanbul völlig überraschend in allen Ecken komplett in Schwarz gehüllte Frauen mit Gesichtsschleiern sah, die nur durch einen schmalen Augenschlitz blicken konnten. Manchmal war dieser Schlitz noch zusätzlich von einer Sonnenbrille bedeckt. Ich fühlte mich stellenweise regelrecht bedroht, da keine Gesichtszüge zu erkennen waren, sondern nur noch schwarze Umrisse, scheinbar zu Schatten verkommene Reste eines Menschen. Vor einigen Jahren bekam ich so etwas in meinem geliebten Istanbul nicht zu sehen. Überhaupt kannte ich Gesichtsschleier fast ausschließlich aus den Medien. So blickte ich nun als befremdeter türkischsstämmiger Tourist in der Türkei wieder auf die einheimischen türkischen Frauen, die teils ganz gewöhnliche Kopftücher trugen, und teils locker oder gar sommerlich gekleidet waren. Das war die Leitkultur hier, der gewohnte Anblick, so wie es also eigentlich sein sollte.

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Kann ein Mensch zugleich glauben und zweifeln?

am Samstag, 27 August 2011. Gepostet in Erziehung, Koran, Inspirationen, Islamisches Leben, Theologie

Der Prophet Abraham ist eine der Schlüsselfiguren des Korans und in vielerlei Hinsicht der Prototyp des idealen gottergebenen Gläubigen. Dass dieser Glaube einerseits Ergebenheit (arabisch: islâm) erfordert, bedeutet mitnichten, dass dafür erst die Vernunft aufgeopfert werden müsste. Folgende für mich persönlich sehr bedeutsame Passage im Koran verdeutlicht, dass es weder unerwünscht, noch Sünde ist selbst an die Selbstverständlichkeiten des Glaubens offensiv genau jene Fragen zu richten, die einen - aus welchen Gründen auch immer - beschäftigen (nach Henning/Hofmann - Einfügungen von mir) :

"Und als Abraham sprach: 'Mein Herr, zeige mir, wie du die Toten lebendig machst!',

sprach er [Gott]: 'Glaubst du etwa noch nicht?'

Er [Abraham] sagte: 'Doch! Aber ich möchte in meinem Herzen ganz sicher sein...." (2:260)

Dies als beruhigender Hinweis an all jene, die sich als gläubig verstehen, aber zugleich offene Fragen oder Anflüge von Zweifeln innerhalb ihres Glaubens haben, die ihnen als Zeichen eines schwachen Glaubens vorkommen und sie deswegen unglücklich machen - und als Warnung an all jene, die versuchen geraden den jungen Fragenden ein schlechtes Gewissen für ihre legitime Neugier zu machen. Wenn selbst der Prophet Abraham, der im Koran als gutes Vorbild für die Muslime gilt, seinen Herren und Schöpfer respektvoll, aber ohne Umschweife dazu auffordert seinem Herzen Sicherheit (oder: Befriedigung) durch - in diesem Fall - empirische Erkenntnis zu schenken, dann kann es auch uns nicht verwehrt sein genau dort gezielt Nachforschungen anzustellen, wo wir Fragen haben und das Bedürfnis nach Klärung und Sicherheit verspüren. Ich will im Übrigen nicht behaupten, dass Abraham Zweifel im heutigen Wortsinn hatte, sondern nur, dass seine Frage an Gott eine Verwandschaft hat mit der fragenden Stimme im Gläubigen, die bei dem einen öfter, bei dem anderen seltener auftaucht und nach Antworten sucht. Ob man diese Fragen als Zweifel bezeichnen will, ist aus meiner Sicht eine Frage der Definition und daher nicht so interessant. Mir geht es hier um etwas anderes: Die Suche nach einer Einheit von Herz und Verstand ist zu wertvoll, als dass sie aufgrund mangelnder Unterstützung von außen vorzeitig abgebrochen werden sollte. Andererseits kann man als Gläubiger bei dieser Suche wiederum Beistand im Glauben suchen, oder wie es in zwei prägnanten koranischen Gebeten heißt:

"Mein Herr! Mehre mein Wissen!" - "rabbî zid nî 'ilmâ" (20:114)

"Mein Herr! Gib mir Urteilskraft und vereinige mich mit den Rechtschaffenen" - "rabbî hablî hukman va alhiqnî bis-salihîn" (26:83)

In diesem Sinne...

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Wie man sich Osmanen heranzieht

am Dienstag, 17 August 2010. Gepostet in Erziehung, Identität, Türken, Bildung

Vom 7.1.2010

Der Unterricht bei Frau Rieger* an der städtischen Realschule hat gerade begonnen. Und wie die vor wenigen Wochen eingeschulten Fünftklässler am lauten und bestimmten Tonfall der Deutsch- und Geschichtslehrerin, die zugleich Schulleiterin ist, erkennen können, gibt es zuvor etwas Wichtiges zu klären. In die Richtung von Fatih blickend fängt Frau Rieger an:

„Bevor wir anfangen will ich etwas sagen. Sei dir über einige Sachen im Klaren, Fatih. Diese wären, dass ich gesehen habe, dass du in den Pausen die Mädchen belästigst und schlägst. Du kannst dieses Verhalten in der Türkei bei euren Frauen an den Tag legen. Aber mit deutschen Mädchen und Frauen kannst du nicht so umgehen wie mit türkischen Frauen.”

Völlig verwirrt widerspricht Fatih den Beschuldigungen, doch gegen diese mutige Kulturkämpferin, die dem Türken endlich klar machen will, dass hier nicht türkische, sondern deutsche Gepflogenheiten gelten, ist nicht anzukommen. Die Situation endet mit einer Ankündigung von Strafmaßnahmen bei wiederholtem Fehlverhalten und einem weinenden Fünftklässler, der zum ersten Mal einige längst fällige Worte über den fundamentalen Unterschied zwischen den beiden Kulturen, in denen er groß wird, belehrt wird.

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