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Koran

Von Goethe, Wulff und Sarrazin

am Sonntag, 16 Januar 2011. Gepostet in Koran, Bildung, Islamkritik, Denker

Sarrazin: Wulff verharmlost Goethes kritisches Islambild

Thilo Sarrazin hat mit einem Beitrag in der Weihnachtsausgabe der FAZ mit seinen Kritikern und Gegnern in Politik und Medien abgerechnet. Dabei trat gleich in zwei Passagen ein bislang an der Sarrazin-Debatte unbeteiligter Name auf: Johann Wolfgang von Goethe. Hier wird der Dichter zweimal in Stellung gegen Sarrazins Gegener gebracht – zum einen gegen die „deutschen Inquisitoren“, die sein Buch auf den Index gesetzt hätten, zum anderen gegen den Bundespräsidenten Wulff wegen seinen angeblich den Islam verharmlosenden Berufungen auf Goethe. In beiden Kontexten bezieht sich Sarrazin explizit auf das poetische Spätwerk des Dichters, nämlich den West-östlichen Divan. Während im ersteren Fall die Gesinnung der Inquisitoren durch ein Divan-Zitat entlarvt werden soll, steht im letzteren Fall eine Richtigstellung von Goethes Haltung zum Islam im Vordergrund. Denn Wulff habe aufgrund fehlender eigener Bildung auf seiner Türkeireise doch ein Goethe-Zitat so verwendet, dass man dem Dichter eine verharmlosende, oder gar positive Haltung zum Islam hätte unterstellen können.

Wulff hatte in seiner Begrüßungsrede auf einem Kammerkonzert in der Istanbuler Irenenkirche folgende – laut Sarrazin nur scheinbar versöhnliche – Zeilen aus dem Divan zitiert:

„Gottes ist der Orient!

Gottes ist der Okzident!

Nord- und südliches Gelände

Ruht im Frieden seiner Hände.“

Sarrazin ist empört über eine derart verantwortungslose Verwendung von Goethe-Zitaten und schlägt vor, man solle doch Wulff „Goethes ‚West-östlichen Divan‘ schenken, damit er nicht mehr verharmlosend daraus zitiert.“ Die von ihm mittlerweile verachtete Staatsspitze habe also nicht nur sein Buch nicht gelesen, sondern auch Goethe nicht verstanden. Das soll wohl bedeuten, dass Goethe in Wirklichkeit ein Vorläufer der heutigen Islamkritiker war, und schon damals das wusste, was man heute leider nicht mehr sagen darf, nämlich dass der Islam letztlich eine totalitäre Bedrohung für die christlich-abendländische Zivilisation darstelle. Goethe soll dies zu einer Zeit verstanden haben, in der der Zerfall des Osmanischen Reiches bereits in vollem Gange war und die Kolonialisierung der islamischen Welt durch europäische Großmächte gerade seine ersten Vorboten aussandte. Dazu hätte man in der Tat sehr „hellsichtig“ sein müssen.

Aber mit einem bloßen Hinweis auf diese Umstände zur Zeit Goethes ist Sarrazins islamkritisches Goethebild gewiss noch nicht widerlegt. Immerhin wartet Sarrazin mit deftigen Goethe-Zitaten auf, die in nichts dem heutigen Ton entschiedener Islamkritiker nachstehen. So zitiert Sarrazin aus Goethes „Noten und Abhandlungen zu besserem Verständnis des West-östlichen Divans“ die Anmerkung, die Religion der Muslime lasse „ihren Bekenner nicht aus einer dumpfen Beschränktheit heraus“. Knapp, knackig, politisch inkorrekt – was will man mehr? Außerdem schreibe Goethe ja auch: „Der Stil des Koran ist seinem Inhalt und Zweck gemäß streng, groß, furchtbar“. Ein erschütterndes Ergebnis also. Der Koran: furchtbar! Der islamische Glaube: dumpfe Beschränktheit! Und damit scheint die Schlacht auch schon geschlagen: Sarrazin hat Wulff peinlichster Unkenntnisse bezüglich Goethes Haltung zum Islam überführt. Schenkt also Wulff einen Divan! Denn, so Sarrazin: „von der totalitären Gefahr dieser Religion [des Islams] verstand er [Goethe] vor zweihundert Jahren mehr als heute die Redenschreiber unseres Bundespräsidenten.“

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Die Kinder des Korans

am Samstag, 25 Dezember 2010. Gepostet in Koran, Islam, Integration, Menschenrechte, Identität, Bildung, Islamkritik, Islamisches Recht, Islamisches Leben, Geschlechter

1. Vom Anfang aller Dinge

Der Koran ist das heilige Buch des Islams. Und sein Studium ist eine äußerst lohnenswerte Sache. Als ich als Schüler eines Tages über mein Taschengeld hinaus Geld für einige neue C64-Monatsmagazine benötigte, unterbreitete ich meinem Vater einen perfiden Deal: Ich bot ihm an den Ayat-al Kursi, das ist der Thronvers des Korans, auf arabisch auswendig zu lernen – wenn ich dafür mit einer irdischen Belohnung seinerseits rechnen durfte. Etwas verwirrt sagte er zu, und nach zwei Stunden konnte ich den relativ langen Vers auswendig. Überhaupt memorierte ich auch sonst die Suren, die man für verschiedenste Gebete benötigte, am liebsten daheim in Eigenarbeit – und für gewöhnlich ohne irdische Entlohnungen. Wenn man viele Suren im Original auswendig konnte, dann erlangte man nicht nur die Anerkennung der Erwachsenen, sondern auch das Wohlgefallen Gottes.

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Kommen Nichtmuslime in die Hölle? (1) Religionszugehörigkeit als Heilskriterium

am Donnerstag, 30 Dezember 2010. Gepostet in Koran, Islam, Christentum, Sinn des Lebens, Judentum

Akif Şahin hat auf seinem Blog einen Text zur Frage gepostet, ob Nichtmuslime in das Paradies, oder die Hölle eingehen werden. Sein Text war ein Anlass für mich selbst einen Kommentar zu dieser Frage zu verfassen, den ich auch hier einstellen möchte. Ich schrieb:

Lieber Akif,

du wirfst die Frage auf, ob Nichtmuslime in die Hölle oder in das Paradies kommen, und beantwortest die Frage mit einer Definition, die du meinst anhand der islamischen Quellen eindeutig belegen zu können:

„Wer das Anliegen (Dawa) unseres geehrten Propheten Muhammad (saw) gehört, seine Einladung zum Islam vernommen, und Zeuge des von ihm versendeten Lichtes geworden ist, und aufgrund seiner Sturheit, den Islam als auch den Glauben an Allah nicht akzeptiert, seine Ohren zuhält, ja, diese Personen werden in die Hölle kommen.“

Du beziehst dies insbesondere auch auf die Europäer, die den Islam ablehnen, und nennst als Grund dafür, dass diese durch Medien etc. schon zu Genüge auf den Islam aufmerksam geworden seien. Abschließend lädst du deine Leser dazu ein ihre eigene Meinung oder Kritik an deiner Auffassung zu formulieren, wofür ich dir sehr dankbar bin.

Gerne nehme ich das an und formuliere mal paar Gedanken dazu. Ich vertrete eine etwas andere Position als du zu dieser Frage. Ich gebe zu, dass diese Gedanken nicht von sehr vielen Muslimen geteilt werden, und dass sie viel umfassender diskutiert werden müssten, als auf diesem Raum möglich ist. Dennoch habe ich mittlerweile den Eindruck, dass für diese Sichtweise insgesamt mehr Argumente sprechen, als für die geläufige und von dir dargestellte Position.

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Die Kinder des Korans 1: Vom Anfang aller Dinge

am Samstag, 25 Dezember 2010. Gepostet in Koran, Islam, Integration, Identität

Der Koran ist das heilige Buch des Islams. Und sein Studium ist eine äußerst lohnenswerte Sache. Als ich als Schüler eines Tages über mein Taschengeld hinaus Geld für einige neue C64-Monatsmagazine benötigte, unterbreitete ich meinem Vater einen perfiden Deal: Ich bot ihm an den Ayat-al Kursi, das ist der Thronvers des Korans, auf arabisch auswendig zu lernen – wenn ich dafür mit einer irdischen Belohnung seinerseits rechnen durfte. Etwas verwirrt sagte er zu, und nach zwei Stunden konnte ich den relativ langen Vers auswendig. Überhaupt memorierte ich auch sonst die Suren, die man für verschiedenste Gebete benötigte, am liebsten daheim in Eigenarbeit – und für gewöhnlich ohne irdische Entlohnungen. Wenn man viele Suren im Original auswendig konnte, dann erlangte man nicht nur die Anerkennung der Erwachsenen, sondern auch das Wohlgefallen Gottes.

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Die Kinder des Korans 2: Erste Gehversuche mit dem Koran

am Samstag, 25 Dezember 2010. Gepostet in Koran, Islam, Türken, Bildung, Islamisches Leben

Innerlich von der Integrität des Korans überzeugt entschied ich mich in den nächsten Jahren dazu, den augenscheinlichen Skandalen der mir heiligen Schrift nachzugehen. Schließlich waren sich doch Feind und Freund wenigstens darin einig, dass der Koran die höchste Instanz im Islam darstellt. Das Brett, das ich da bohren wollte, entpuppte sich jedoch als dicker als gedacht. Mein Projekt drohte schon zu Beginn daran zu scheitern, dass kaum ein Muslim um mich herum, gleichgültig wie gebildet oder religiös er war, über Korankenntnisse verfügte, die merklich über das Wissensniveau meiner ambitionierten Grundschullehrerin hinausgingen. Selbst in den Koranschulen stand damals wie heute die unmittelbare Bedeutung der studierten Koranpassagen nicht auf dem Programm. Hüben wie drüben dient der Koran in erster Linie als kanonischer Text des arabischsprachigen Gottesdienstes und als Gegenstand vorzüglicher Rezitationskunst.

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Die Kinder des Korans 3: Innere Zusammenhänge im Koran

am Samstag, 25 Dezember 2010. Gepostet in Koran, Menschenrechte, Islamkritik, Islamisches Recht, Geschlechter

Doch was steht denn nun „wirklich“ in Sure x, Vers y? Immerhin ist trotz dem Gesagten nicht zu leugnen, dass alle heutigen Islamkonzepte, einschließlich der problematisch aromatisierten, in irgendeiner Form auch auf den Koran referieren. Die wegweisende Einsicht für mich lautete wohl: Das Verhältnis zwischen Theorie und Praxis unter Muslimen ist viel zu komplex, um jedes praktische Problem im Umfeld des Islams als Abbild von Verhältnissen im Koran erklären zu können. So führen viele Muslime sogar den Koran selbst als Korrektiv von so mancher islamisch geglaubten Haltung und Praxis an. Beispielsweise betonen zeitgenössische Koranexegeten und Islamgelehrte wie Süleyman Ateş oder Hayrettin Karaman, dass Todesstrafen für Abtrünnige und verheiratete Ehebrecher dem Wortlaut des Korans widersprechen und somit abzulehnen sind – und stellen sich damit gegen weit verbreitete Auffassungen im klassischen islamischen Recht. Dabei verstehen sich viele dieser reformorientierten Gelehrten oft nicht einmal als Reformer.

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Die Kinder des Korans 4: Der historische Kontext des Korans

am Samstag, 25 Dezember 2010. Gepostet in Koran, Islam, Menschenrechte, Islamkritik, Islamisches Recht

Dies führt uns zu einem weiteren natürlichen Kontext der Koranverse, nämlich zu ihrem historischen Hintergrund. Bis man als Laie auf diesen stößt, vergeht in der Regel viel Zeit, da er dem Text nicht immer unmittelbar entnommen werden kann. Dafür ermöglicht er Antworten auf eine Reihe von Fragen, die textimmanent schwer bis gar nicht zu beantworten wären. Denn der Koran spricht nicht nur in eine sehr spezielle historische Situation hinein, sondern artikuliert sich zwangsweise auch in den Kategorien der vorislamischen Verhältnisse auf der arabischen Halbinsel. So erklären sich viele Muslime z. B. die Tatsache, dass der Koran die Sklaverei humanisiert, aber nicht grundsätzlich verboten hat, durch historische Gegebenheiten, die kein nachhaltiges Verbot ermöglicht hätten. Die gewiesene Richtung zur Sklavenbefreiung sei aber relativ klar – daher entspräche es durchaus den Intentionen der Religion die Sklaverei gänzlich abzuschaffen. Warum – so könnte man nun fragen – sollte man nicht auch bei anderen Themen so argumentieren können? Die kritische Frage dabei lautet, wie weit man den historischen Kontext des Korans über die Unmittelbarkeit seiner wörtlichen Aussagen stellen darf (oder will).

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Vom reflektierten Urteilen

am Dienstag, 17 August 2010. Gepostet in Koran, Denker, Inspirationen

Vom 23.10.2009

“Verkünde also Freude jenen Meiner Diener, welche der Rede zuhören und sich dann an das Beste davon halten…” (39:17-18)

Ich gebe im Folgenden einen Auszug aus einer Abhandlung eines der weniger bekannten, aber zugleich hellsten Köpfe der islamischen Geschichte wieder. In diesem kurzen Auszug arbeitet dieser aus dem oben zitierten Koranvers eines der meiner Meinung nach weitreichendsten und schönsten erkenntnisleitenden Prinzipien aus:

“Die Grammatik ist der Prosa und die Metrik der Poesie als ein zuverlässiges und geeichtes Richtmaß zugeordnet; dabei ist die Grammatik von allgemeinerer Geltung, denn sie umfasst zugleich die Prosa und die Poesie. Weiterhin ist die Rede in beiden Gattungen der Ausdruck eines Gedankens, den der Redende im Sinn hat. Wenn nun die Gedanken zu einem logischen Schluss zusammengesetzt werden, so bejahen sie entweder einen Gedanken, oder verneinen ihn. Die Logik und ihre Kriterien wurden als Maßstäbe für dieses Zusammensetzen festgelegt…

Unter diesen Disziplinen (Grammatik, Metrik, Logik) wird nun aber die Logik (als Wissenschaft der gültigen Schlüsse) auf Aristoteles zurückgeführt, von dessen Meinungen und Überzeugungen manches, wie man bemerkte, nicht mit dem Islam übereinstimmt, weil er sie aus der Spekulation (d. h. aus dem reinen Vernunftgebrauch) und nicht aus der Religion heraus gewonnen hat. Zudem pflegten die Griechen und Römer zu seiner Zeit (d. h. im vierten Jahrhundert v. Chr.) die Götzenbilder und die Gestirne zu verehren.

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