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Kurzgeschichte

Der japanische Keks

am Sonntag, 20 Mai 2012. Gepostet in Kurzgeschichte, Philosophie

Es kam mit der Morgenpost: ein ganz normal aussehendes Paket in braunem Packpapier und verschnürt mit derber Doppelschnur. Es unterschied sich in nichts von den Tausenden anderer Pakete, wie sie die Postboten tagtäglich austragen. „Danke nochmals“, winkte Harald Winkler im Schlafanzug dem Postboten nach. Wahrscheinlich war dies das Paket aus Amerika mit den Science-Fiction-Romanen. Harald hatte wieder einmal die erste Vorlesung des Tages verschlafen. Mit zerzaustem Haar und saurem Magen stapfte er mit dem Paket unter seinem Arm die Treppen hoch und überlegte sich, von wem er heute den Aufschrieb kopieren könnte. Seit Monaten schon sperrte er sich abends ab 18 Uhr in sein Zimmer ein und wälzte Bücher über Bücher. Mal ging es um Orbitaltheorie, mal um Zeitreisen und dann wieder um das Schicksal und den freien Willen. Nur wenige Gäste durften sein Zimmer sehen, das aussah wie eine wackelige Halde von Büchern, Skizzen und unlesbar bekritzelten Zetteln. „Der Harald geht mal wieder die Welt retten!“, spotteten seine Komilitonen manchmal, wenn dieser sich schon bald verabschiedete. Dann arbeitete er – so wie gestern - bis Morgendämmerung und verschlief am nächsten Tag nicht selten.

Harald kochte Kaffee auf und sah sich das Paket nun näher an. Doch was war das? Es stammte gar nicht aus Amerika, sondern aus Japan. Aber wer sollte ihm etwas aus Japan schicken? Er sah auf den Absender, rieb sich erschrocken die Augen und stammelte: „Ach du Scheiße!“ Wie versteinert stand er da. Aber seine Brust bebte. Zögernd verschwand er mit dem Paket an seiner fernsehenden Mutter vorbei in seinem Zimmer. Mit einem mulmigen Gefühl im Bauch warf er nochmals einen Blick auf den Absender des Pakets: Tatsächlich. Harald Winkler. Das zackige Gekrakel war eindeutig seine Handschrift. War das vielleicht ein Scherz seiner Komilitonen? Aber diese waren gerade alle in Prüfungsvorbereitungen. Außerdem wussten sie gar nicht, was genau Harald abends trieb.

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Was tun bei S-Bahn-Prügeleien zwischen Punks und Kanaken? (für Fortgeschrittene)

am Montag, 21 Februar 2011. Gepostet in Kurzgeschichte, Integration, Türken, Islamisches Leben, Arif

Neulich stieg Arif an einem freitag Abend in die Stuttgarter S-Bahn und ärgerte sich über laute Jugendliche, die sich in der Bahn mit diversen Alkoholika vollaufen ließen – trotz des ausgeschriebenen Verbots von Alkoholkonsum in öffentlichen Verkehrsmitteln. In seinem Rucksack schleppte er schon den ganzen Tag ein Buch über kulturelle Identität und seinen Laptop mit sich herum, auf dem er in freien Minuten Texte über Identitätsfragen schrieb. Nach dem Umsteigen stand er am Ende eines vollen S-Bahn-Wagens. Auf den einander zugewandten Sitzmöglichkeiten auf der linken und rechten Seite des Zuges wechselten sich von Haltestelle zu Haltestelle junge Fahrgäste ab.

Zuletzt hatte sich ein korpulenter Punk mit zwei Mädchen auf die linke Bankreihe gesetzt. Arif dachte sich, dieser Punk hätte gut als Ausstellungsstück in die aktuelle Ausstellung in der Stuttgarter Staatsgalerie über Menschenbilder aus verschiedenen den Jahrhunderten gepasst. Interessiert zählte er seine Gesichtspiercings und studierte seinen ehrwürdigen, in Violett- und Rosatönen schillernden Irokesenschnitt. Auf seinem Rücken prangte ein großer Aufnäher, auf dem ein Hakenkreuz abgebildet war, das in einen Mülleimer geworfen wurde. Der Punk hieß Marcel – und war betrunken genug, dass ihm nicht auffiel, dass Arif ihn von der Seite musterte.

Beim nächsten Halt sollte sich die gegenüberliegende Bankreihe ebenfalls füllen. Herein kamen drei junge Südländer mit Halsketten und sportlichem Outift und. Erst dachte Arif, das sind bestimmt Türken, bis er bei zweien, nämlich Özgür und Murat, Halskettenanhänger mit Kurdistanumrissen erblickte. Aha. Kurden waren das also. Sie konnten aber sicher auch Türkisch. Der dritte der Runde hieß Zamir und hatte kurzes blondes Haar. Weiter hinten saß noch ein Italiener names Alfonso, der später noch eine Rolle spielen wird. Özgür und Zamir setzten sich auf die rechte Bankreihe.

Und was tat Murat?

Na, was wohl!

Er stellte sich genau in die Mitte des Wagens, griff nach zwei Halteschlaufen an der Decke – und begann Klimmzüge zu machen. Eins, und zwei, und drei, und vier… Marcel und die beiden Mädchen auf der einen, Zamir und Özgür auf der anderen Seite sahen dem Treiben zu. „Ein Überzeugungskanake durch und durch - wenn das mal gut geht“, dachte sich Arif.

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Kurzgeschichte: Der Langstreckenläufer

am Freitag, 24 September 2010. Gepostet in Kurzgeschichte, Sinn des Lebens

10.9.2009 von Hakan Turan.

Der Langstreckenläufer ist eine Kurzgeschichte, die ich zu einer sehr belastenden Zeit im Studium geschrieben habe und die vielleicht dem Bedürfnis erwachsen ist zu verstehen, wozu ich mich eigentlich Tag und Nacht abmühe, und was davon wirklich die Mühe wert ist. Sie handelt von Ehrgeiz und Endlichkeit und wühlt mich persönlich immer wieder neu auf. Im Grund geht es in der Geschichte um Unmöglichkeiten und um die besonders hartnäckige Unmöglichkeit diese Unmöglichkeiten als solche anzuerkennen, ehe sie einem über den Kopf wachsen. Mittlerweile glaube ich jedoch, dass das Ende der Geschichte eigentlich ein positives ist. Auf die Idee zu dieser Parabel bin ich übrigens durch den Song “The Loneliness of the Long Distance Runner” aus Iron Maidens “Somewhere in Time” gekommen. Wie ich später erfahren habe, haben Iron Maiden den schönen Titel ihres Songs wiederum der gleichnamigen Erzählung von Allan Sllitoe aus dem Jahre 1959 entnommen.

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Der Langstreckenläufer

am Freitag, 08 Oktober 2010. Gepostet in Kurzgeschichte, Sinn des Lebens

I.

Sein Herz pochte nahezu im Takt mit seinem Lauf. Jahrelang hatte er sich auf diesen Wettkampf vorbereitet, der eben mit dem Startschuss eröffnet wurde. Seine Bewunderung für die Ausdauer und Entschlossenheit der Langstreckenläufer hatte sich im Laufe der Zeit in eine regelrechte Besessenheit verwandelt. Einst hieß es noch „Laufen hält gesund“, und man konnte sich mit ihm viel über die Vitalität, die so ein intensiver Sport mit sich bringt, unterhalten. Aufmerksame Zeitgenossen wussten jedoch zu berichten, dass er in den letzten Tagen viel weniger als sonst redete. Wenn man ihn darauf ansprach, verwies er stets auf sein mentales Training. Nur unter Dauerbeschuss mit vielen Fragen konnte einer seiner Bewunderer ihm ein bruchstückhaftes Bekenntnis entreißen: „Ich habe bislang Unerreichtes vor. Schaut mir morgen zu und seht, was Laufen heißt.“ Die bewundernden, ja ehrfurchtvollen Blicke der Zuschauer waren das, was ihn am meisten antrieb. Alle Muskeln und Hirnareale arbeiteten heute für einen beispiellosen Sieg. Und in Wirklichkeit war jede noch so lange Distanz kurz. Die Mitstreiter um ihn herum würde er alle schon bald hinter sich lassen. Er hatte nicht jahrelang gearbeitet und seinen Körper allen erdenklichen Torturen unterzogen um hier über einen zweiten oder dritten Platz zu spekulieren. Er wusste, er würde gewinnen, mit erhobenen Armen durch das Ziel stürmen. Seine Stirn wurde geziert von Schweißperlen, die manchmal sanft seine Wangen herunterliefen. Unermessliches Glück – das war es, was er seit langem suchte und in diesem Wettkampf zu finden hoffte.

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Kurzgeschichte: Das neue Freibad

am Freitag, 24 September 2010. Gepostet in Kurzgeschichte

7.9.2009 von Hakan Turan

Die Kurzgeschichte Das neue Freibad handelt von Freundschaft, Leichtsinn und grundsätzlichen Unterschieden in der Beurteilung dessen, was das Leben lebenswert macht. Auf die Idee zu dieser Geschichte bin ich gekommen, als einige mir sehr teure Menschen auf Wege gerieten, auf denen sie viel Gesundheit und wertvolle Jahre verloren haben, und sich auch von ihren besten Freunden nichts mehr sagen ließen. Zu groß war ihre Angst etwas in diesem kurzen Leben zu verpassen. Für das zweifelhafte Glück brachten sie große Opfer - zu große, wenn es nach mir ginge. Aber: Sie konnten sich Gott sei Dank wieder gut erholen…

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Das neue Freibad

am Freitag, 08 Oktober 2010. Gepostet in Kurzgeschichte, Sinn des Lebens

Es war an einem grauen Samstag. Seit Wochen schon verfinsterteten schwere Gewitterwolken den Himmel über Stuttgart. Doch Felix spürte, dass  es nicht das Wetter war, das ihn so unruhig machte. Es musste ein Augenblick der Unachtsamkeit gewesen sein, in dem etwas Fremdes in die Straßen Stuttgarts gedrungen war. Felix vermochte es nicht zu benennen. Doch er konnte fühlen wie es mittlerweile begann an seinen Kräften zu zehren. Außer ihm schienen die Stuttgarter aber glücklicher denn je zu sein. Ganze Gruppen von Jugendlichen und Erwachsenen zogen selbst bei Sturm und Regen tanzend und singend durch die Straßen - ohne einen ersichtlichen Grund. Felix schien immun gegen jeden Anflug dieser neuen Laune zu sein. Dabei hatte er allen Grund glücklich zu sein. Herr Ruwen, der Chef der Marketingabteilung, hatte ihm vor zwei Tagen die Verantwortung für ein internationales Projekts übergeben, was eine  besondere Ehrung für einen Neuling wie ihn war.
Doch heute saß Felix grübelnd am Frühstückstisch, als ihn das plötzliche Läuten der Hausklingel in die Realität zurückholte.

„Hi, Felix!“,

strahlte ihn sein alter Kumpel Florian durchnässt vom Regen an.

„Endlich mal wieder jemand, auf den man sich freut!“,

begrüßte ihn Felix.

Beim Frühstück redeten sie über Felix' neuen Auftrag und über Florians Verlobte bis sein Handy klingelte.

„Hallo Corinna... Ja, ich machen heute den Eröffnungssprung im Freibad... Ja, das Wetter ist ideal... Die Veranstalter erwarten an die tausend Leute... Grüß die anderen von mir. Bis dann.“ 

Felix musterte Florian mit fragenden Augen.

„Was für eine Freibaderöffnung?“ 

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