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Menschenrechte

Kommentar zum Friedensprozess zwischen dem türkischen Staat und der PKK (Deutschlandradio Kultur)

am Dienstag, 19 März 2013. Gepostet in Menschenrechte, Türkei, Terrorismus

Heute erschien im Politischen Feuilleton im Deutschlandradio Kultur folgender Kommentar von mir zu den aktuellen Friedensverhandlungen zwischen dem türkischen Staat und der kurdisch-nationalistischen PKK. Anlass zu diesem Kommentar ist das aktuelle Newroz-Fest zu Frühlingsbeginn, das in der Türkei vor allem für die Kurden von Bedeutung ist, und die für Donnerstag angekündigte Verlesung einer Erklärung Öcalans, von der man erwartet, dass sie den Rückzug der terroristisch aktiven PKK aus den Grenzen der Türkei einläuten wird. Wer den Kommentar nachhören mag, klicke hier. Ab Donnerstag wird sich zeigen, wieviel von den Hoffnungen bleibt. Ich möchte später noch einiges hierzu schreiben. Et voilà:

Die Türken beginnen, ihren Frieden mit den Kurden zu machen, und die Kurden mit den Türken - das könnte die Botschaft des diesjährigen Newroz-Festes zum Frühlingsbeginn sein.

Türken und Kurden suchen schon lange den Weg für ein friedliches Miteinander, haben aneinander gelitten, sich gegenseitig enttäuscht und immer wieder neuen Anlauf genommen. Doch diesmal könnte es gelingen, weil Recep Tayyip Erdoğan, Ministerpräsident in Ankara, und sein Gegenspieler Abdullah Öcalan, inhaftierter Chef der kurdischen PKK, einige mutige und politisch riskante Schritte aufeinander zu gemacht haben.

Seit ihrer Gründungszeit tolerierte die türkische Republik die Minderheit der Kurden - jedoch unter der Bedingung, dass sie ihre kurdische gegen eine türkische Identität tauschen. Kurdische Sprache und Kultur wurden bis vor wenigen Jahren noch gewaltsam unterdrückt, Organisationen und Parteien verboten. Noch in den 90ern wurden mutmaßliche Helfer der PKK in Staatsgefängnissen gefoltert, ganze Dörfer evakuiert und vernichtet.

Viele Türken erfuhren aus den Medien nur vom Terror kurdischer Rebellen, nicht jedoch vom Ausmaß des großen Leids der Kurden.

Von 1978 an hatte sich der Konflikt zugespitzt, als sich die PKK gründete, um für ein autonomes Kurdengebiet im Südosten der Türkei zu kämpfen. Politisch brisant war dies auch deswegen, weil in den benachbarten Regionen Irans, Iraks und Syriens ebenfalls Kurden leben, die an Autonomie interessiert waren. Die PKK verübte seitdem Terroranschläge auf staatliche und bisweilen auch zivile Ziele in der Türkei, und ging drastisch gegen Kritiker aus kurdischen Kreisen vor.

Doch nach 30 Jahren des Krieges und über 40.000 Toten hat sich einiges verändert. Abdullah Öcalan, der Chef der PKK, sitzt zu lebenslanger Freiheitsstrafe verurteilt im türkischen Gefängnis. Und Recep Tayyip Erdoğan, Vorsitzender der konservativen Partei für Gerechtigkeit und Aufschwung (AKP) ist seit zehn Jahren ein starker, zuweilen reformfreudiger Premierminister, der die Assimilation der Kurden verurteilte, ganz so, wie er die Versöhnung mit anderen Minderheiten einleitete.

Und er hatte damit Erfolg. Mittlerweile wählt mehr als die Hälfte der kurdischen Landsleute, selbst in kurdisch-dominierten Gebieten, die Regierungspartei AKP. Sie wurde der prokurdischen Partei für "Frieden und Demokratie" (BDP), die der PKK nahesteht, zur Gegnerin und Rivalin.

Und nicht nur das. Seit dem Jahre 2011 verhandelt der Staat mit der PKK - neuerdings sogar vor den Augen der Öffentlichkeit. Dies war für die Türkei ein außerordentlicher Tabubruch. Seit kurzem dürfen Öcalan auch Oppositionspolitiker der BDP besuchen. Sie überbrachten der PKK Friedenspläne ihres inhaftierten Führers. Darauf ließ die PKK türkische Geiseln frei, was als Zeichen des Aussöhnungswillens der Rebellen verstanden wurde.

Kritiker unterstellen Erdoğan, die Gespräche mit Öcalan zielten auch darauf ab, kurdische Abgeordnete für den Plan zu gewinnen, ein Präsidialsystem einzuführen. Jedenfalls geben sich Politiker der Regierungspartei wie der kurdischen Opposition größte Mühe die übliche Polemik zu vermeiden, positive Signale zu senden und die jeweilige Basis vom neuen Kurs zu überzeugen.

Beiden Seiten scheint klar zu sein, dass ein Scheitern der Friedensverhandlungen zu einem noch brutaleren Krieg führen würde. Demgegenüber könnte die Botschaft zum Newroz-Fest sein, dass die PKK einem Waffenstillstand zustimmt und sich vollständig aus der Türkei zurückzieht, während die Kurden im Lande endlich als vollwertige Bürger mit eigener kultureller Identität behandelt werden. Das wäre ein Meilenstein für die Türkei.

In diesem Sinne bleibt nur, einen frohen Frühlingsanfang zu wünschen: nevruzunuz kutlu olsun - newroz pîroz be!

 

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Gedanken zu Sure 4, Vers 34, oder: Ist die muslimische Ehefrau ihrem Mann untergeordnet? (Teil 1)

am Freitag, 13 April 2012. Gepostet in Menschenrechte, Islam, Koran, Islamisches Recht, Geschlechter

1 Einstieg: Patriarchale und emanzipatorische Lesarten von 4:34

Sure 4, Vers 34 des Korans gilt sowohl in muslimischen wie nichtmuslimischen Kreisen als die zentrale Koranpassage, die dem Mann in der Ehe eine Vorrangstellung gegenüber der Frau einräumt und ihm zudem eine Durchsetzungsrecht zuspricht, das nach gängiger Auffassung als letzten Schritt auch die Möglichkeit zu einer gemäßigten körperlichen Züchtigung einschließt. In diesem Beitrag möchte ich sowohl diese Vorrangsstellung des Mannes als auch das daraus abgeleitete Durchsetzungsrecht im Lichte von 4:34 diskutieren und zunächst ausgehend vom Koranvers selbst, dann unter Einbezug historischer Kontexte zeigen, wie diese patriarchalen Strukturen mittels Analyse ihrer Voraussetzungen auch im Rahmen des islamischen Glaubens überwunden bzw. entschärft werden können.

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Gedanken zu Sure 4, Vers 34, oder: Darf ein muslimischer Mann seine Ehefrau schlagen? - Was die islamische Tradition, das ZIF, Ömer Özsoy und Hayrettin Karaman dazu zu sagen haben (Teil 2)

am Donnerstag, 26 April 2012. Gepostet in Menschenrechte, Islam, Islamkritik, Islamisches Recht, Geschlechter

3) Zugänge zu 4:34 im Hinblick auf die Thematik ehelicher Gewalt

Unser Zwischenfazit lautete: Sure 4, Vers 34 macht die Vorrangstellung des Mannes in der Ehe von praktischen Bedingungen abhängig, am offensichtlichsten von seiner aktuellen Ernährerrolle für seine Frau. Da diese Bedingung hier und heute als weitgehend oder zumindest potenziell überholt gelten kann, wäre es nur eine Konsequenz der inneren Logik von 4:34 auch das aus dem Ernährerstatus gefolgerte Durchsetzungsrecht des Mannes einschließlich eines eventuellen Züchtigungsrechts als hier und heute nicht anwendbar anzusehen.

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Gedanken zu Sure 4, Vers 34, oder: Männer und Frauen gemeinsam für ein humaneres Geschlechterverhältnis (Teil 3)

am Donnerstag, 26 April 2012. Gepostet in Menschenrechte, Islam, Geschlechter

In den beiden Texten dieser Reihe habe ich die Auslegung des Koranverses 4:34 diskutiert, der als wichtigste Grundlage zur Begründung eines hierarchischen patriarchalen Rollenverhältnisses von Mann und Frau im Kontext des islamischen Rechts gilt. Ich habe vesucht zu zeigen, dass der Vers eine Vorrangsstellung des Mannes in der Ehe von Bedingungen abhängig macht. Die Essenz dieser Bedinungen ist die absolute Versorgerrolle des Mannes, von der die Frau existenziell abhängt. Da diese Bedingung nicht als statisch vorausgesetzt werden kann, und in unseren modernen Wissens- und Informationsgesellschaften ohnehin neue Anforderungen an Erwerbsfähigkeit und Familienverantwortung gestellt werden, habe ich gefolgert, dass auch die Voraussetzungen des Patriarchats unter den Bedingungen einer modernen Bildungsgesellschaft nicht mehr gegeben sind. Ich habe dazu auf einige zeitgenössische Stimmen, und auf entsprechende Ansätze in der islamischen Tradition hingewiesen. Ich glaube bis auf Weiteres, dass diese Auslegung vernünftig, gültig und im Sinne des Koranautors ist.

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Gedanken zu Sure 4, Vers 34: Über das Verhältnis von Islam und Grundgesetz (Teil 4)

am Freitag, 27 April 2012. Gepostet in Menschenrechte, Islam, Islamkritik, Islamisches Leben, Geschlechter, Theologie

Jeglicher Versuch einer Reform islamischer Praxis, und sei sie noch so gut begründet, ist stets begleitet von einer Reihe weiterer Diskussionen. Eine davon hat ihre Wurzeln in muslimischen Kreisen - sie artikuliert die Befürchtung, dass jede emanzipatorische Neubestimmung islamischer Praxis letztlich auf eine völlig Angleichung an die westliche Moderne hinausläuft. Die andere Diskussion hat ihre Wurzeln in der Integrationsdebatte - sie fordert, dass die islamische Theologie in gewisser Weise nach Maßgabe des Grundgesetzes umgeschrieben werden muss. Im Folgenden möchte ich in wenigen Sätzen zeigen, dass diese Diskussionen beiderseits oft am eigentlichen Kern der Sache vorbeigehen. Genaugenommen will ich die Themen hier nur kurz anschneiden.

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Einspruch, verehrter Rat der Ulema! – Eine Polemik anlässlich des Weltfrauentags

am Sonntag, 01 April 2012. Gepostet in Menschenrechte, Islamkritik, Fundamentalismus, Islamisches Leben, Geschlechter

Pünktlich zum Weltfrauentag standen in zwei muslimischen Ländern zwei wichtige politische Stellungnahmen zur Lage der Frauen im Mittelpunkt. Die eine ist ein Gesetz der türkischen Regierung zur Bekämpfung von Gewalt gegenüber Frauen. Der Gesetzestext ist erfreulich eindeutig: „Der Gewalt gegenüber Frauen begegnet man am häufigsten innerhalb der Familie. Dabei nimmt diese physische und psychologische Formen an, aber auch die Form wirtschaftlicher Vorenthaltung und sexueller Gewalt.“ Und: „Gewalt gegenüber Personen ist eine Menschenrechtsverletzung.“ Ferner: „Es gehört zu den Verantwortungen des Staates die Gleichheit von Mann und Frau herzustellen und die Menschenrechte der Frau unter Schutz zu stellen.“ Ein Gesetz, unterschrieben von überwiegend praktizierenden Muslimen und vom türkischen Parlament einstimmig angenommen - begründet unter Verweis auf universelle Menschenrechte, die nicht nachträglich durch Verweis auf scheinbar religiöse Prinzipien unterhöhlt werden. Der aufgeführte Maßnahmenkatalog ist umfangreich und beinhaltet Präventiv- wie Interventionsmaßnahmen und thematisiert ausführlich den Schutz der Frau ebenso wie die Verfolgung gewalttätiger und –bereiter Männer. Beeindruckt hat mich das Problembewusstsein und die Eindeutigkeit des Gesetzes, dessen Botschaft zusammengefasst so lauten könnte: Wir haben ein echtes Problem mit ehelicher Gewalt und unsere Aufgabe ist es diese ohne Wenn und Aber zu bekämpfen. Man darf zurecht erwarten, dass dies einen Wendepunkt im türkischen Umgang mit dem Problem des entarteten orientalischen Patriarchats darstellt. Bravo!

Fast zeitgleich hat der afghanische Präsident Karzai ein Edikt des die Regierung beratenden Gelehrtenrats veröffentlicht und bestätigt, das zwar noch nicht juristisch bindend ist, aber offensichtlich die weitere Richung der afghanischen Frauenpolitik vorgibt. Offensichtlich zielt letztere auf eine Aussöhnung mit den Taliban ab. In Pragraph 5 heißt es, dass „die heilige Religion des Islam“ - im Unterschied zu anderen Zivilisationen und Gesellschaften in Vergangenheit und Gegenwart - der Frau „bürgerliche und soziale Rechte“ und „menschlichen Wert und Ehre zugesprochen“ habe. Nach einer Auflistung einiger dieser Rechte kommen jedoch eifrige „Aber“s: Laut den eindeutigen Versen aus Sure 4 (Verse 1 und insbesondere 34) sei der Mann „primär“ und die Frau „sekundär“. Das Tätigen von Aussagen, die diesen Koranversen widersprechen, sei zu vermeiden. Selbstverständlich verbiete die Scharia auch das Schlagen von Frauen – außer wenn ein aus Sicht der Scharia legitimer Grund vorläge. Diese Gründe seien im Koran genannt.

Die Botschaft lautet also: Liebe Muslime und Musliminnen, macht eucht nichts vor. Euer Heiliges Buch hat den Mann der Frau vorgezogen. Darum darf der Mann seine Frau bei legitimen Gründen durchaus schlagen. Da der Koran all dies eindeutig geregelt hat und heilig ist, obliegt es euch zu diesen Dingen zu schweigen.

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Hat der Terrorist Merah etwas mit dem Islam zu tun?

am Freitag, 23 März 2012. Gepostet in Menschenrechte, Islamkritik, Terrorismus, Weltpolitik

Jörg Lau hat auf seinem Blog auf einen guten und fundierten Text von Muhammad Sameer Murtaza hingewiesen, in dem er auf die Notwendigkeit hinweist, den schändlichen Terroranschlag in Toulouse auf jüdische Kinder und einen Lehrer nicht einfach mit der Bemerkung abzutun, dass dies mit dem Islam an sich nichts zu tun habe. Vielmehr sei es auch nötig selbstkritisch nach jenen Stimmen im Islam zu suchen, die als Rechtfertigung für Mörder wie den Terroristen Muhammad Merah dienen. Hier mein eigener kurzer Kommentar zu Laus Text:

"Das hat nichts mit dem Islam zu tun. Man kann es nicht mehr hören…

Hier wurde etwas anderes ausagiert, und das hat eben wohl etwas mit dem Islam zu tun."
(Zitat von Jörg Lau)

Das sehe ich auch so - ich halte es ebenfalls für eine äußert oberflächliche Art des Umgangs mit ideologisch motivierter Gewalt. Dabei kann ich den Ansatz "Das hat nichts mit dem Islam zu tun" aber auch gut verstehen: Er soll deeskalierend wirken und die muslimische Mehrheit in Schutz vor Generalverdacht nehmen. Diese Sorge ist völlig berechtigt und verdient Respekt. Wenn der Begriff Islam im Diskurs schlicht "Islam der muslimischen Mehrheit in Deutschland" meint, würde ich dem Satz sogar zustimmen.

Wenn man jedoch unter Islam einen theologischen Ausgangspunkt versteht, von dem sich auch teils heikle Ideologien ableiten, dann ist die Feststellung, dass man es sich nicht so einfach machen darf, richtig.

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Erdoğans Dschihad für den Laizismus (und seine Probleme)

am Dienstag, 20 September 2011. Gepostet in Menschenrechte, Christentum, Türkei, Weltpolitik

Der säkulare und liberale Kolumnist Şahin Alpay bringt in seiner heutigen Kolumne in der Zaman auf den Punkt, worin das politische Kapital der Türkei für die Zukunft des Mittleren Ostens liegt, nämlich im Angebot eines Staatsmodells, das demokratisch und religionsfreundlich, aber zugleich säkular ist. Laizismus wird in diesem Text übrigens ebenso wie in den (stellenweise konfusen) Äußerungen des Premierministers im Sinne eines solchen religionsfreundlichen aber säkularen Staates verstanden, und nicht in der üblichen Bedeutung eines (restriktiven) Laizismus.

Alpay weist am Ende seines Textes auf den entscheidenden Schwachpunkt von Erdoğans Engagament hin: Die Türkei ist noch nicht so weit, dass sie anderen Ländern besten Gewissens Vorlesungen in Sachen demokratischer Staatsführung halten kann. Zugleich ist jedoch zu bedenken, dass sich die Türkei in den letzten Jahren um eine Aufwertung bis Gleichstellung der nichtmuslimischen Minderheiten bemüht, d.h.: die Richtung der Entwicklung ist gut. Gemessen an den Standards europäischer Demokratie sind diese Entwicklungen nichts, worauf man wirklich stolz sein könnte, zumal diese in einer echten Demokratie selbstverständlich sein sollten und meistens noch nicht einmal abgeschlossen sind. Im Vergleich zur restriktiven Minderheitenpolitik der alten Türkei, deren Hauptschmiede säkulare Nationalisten waren, und in Anbetracht der tief verankerten Vorurteile großer Teile der türkischen Bevölkerung gegenüber ihren Minderheiten sind dies jedoch beachtliche und innenpolitisch riskante Schritte (vgl. folgende Links). Es sind also die historisch-kulturellen und politischen  Voraussetzungen der Türkei, in deren Kontext von beachtlichen Fortschritten gesprochen werden kann.

Hier einige Beispiele: Die einst enteigneten nichtmuslimischen Stiftungen erhalten große Teile ihrer einstigen Güter zurück (hier, hier und hier), Nichtmuslime werden vom türkischen Außenminister explizit dazu aufgefordert sich um staatliche Stellen in der türkischen Botschaft zu bewerben (Kommentar hier), die griechisch-orthodoxe Gemeinde durfte zum ersten Mal seit über 80 Jahren wieder Gottedienste im historischen Sumela-Kloster abhalten (hier und hier) und es sollen rechtliche Schritte gegen Verhetzung der Minderheiten eingeleitet werden (hier). Dies sind Schritte, die jeder Demokrat unterstützen muss, wenn er von der Türkei zurecht noch viel mehr Schritte in Richtung Demokratisierung verlangt.

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Von den Grenzen der Toleranz und des Aushaltbaren

am Sonntag, 11 September 2011. Gepostet in Menschenrechte, Integration, Türkei, Erziehung, Geschlechter

"Warum kleiden die sich nicht so, wie jede andere Frau hier auch? Das ist ja nicht auszuhalten. Und soll mir bloß keiner sagen, dass die diese Kleidung bei dieser Hitze freiwillig tragen. Schau dir doch mal ihre Ehemänner und Söhne an: Kurze Hosen, T-Shirts. Und die Frau? Eingehüllt in Stoff, kaum mehr zu erkennen. Was soll das bedeuten? Will man uns damit unterstellen, dass wir jede Frau anspringen würden, die sich nicht so kleidet? Ich meine, es ist mir ja egal, wenn die bei sich in ihrer Heimat so herumlaufen wollen – aber man könnte sich doch wenigstens im Ausland etwas der Umgebung anpassen. Außerdem findet man eine solche Kleidungsvorschrift gar nicht im Koran. Und es gibt doch so viele andere Muslime, die die Kleidungsgebote viel liberaler auslegen. Warum bestehen sie also auf dieser Kleidung? Ich hab’s: Wahrscheinlich wollen sie provozieren, alle Aufmerksamkeit auf sich ziehen.

Ich glaube, ich weiß, was mich am meisten daran stört: Früher konnte man hier kaum eine Frau so bekleidet sehen. Heute hat das inflationäre Ausmaße angenommen und es scheinen immer mehr zu werden – wie soll ich das zuordnen? Es ist doch eindeutig, dass mit dieser Kleidung der restlichen Gesellschaft unterstellt wird, dass sie unmoralisch sei, und dass sich alle Frauen, die sich nicht so kleiden wie sie, als Lustobjekte anbieten. Frechheit. Ich meine: Wir stehen ganz klar für Freiheit in Glaubens- und Lebensfragen. Deren Kultur hingegen steht offensichtlich für das genaue Gegenteil. Und diese Kleidung ist der deutlichste Beleg dafür, dass diese Kultur die Frau komplett von der Außenwelt abschirmen und mundtot machen will. So wird es wohl sein.“

Diese Gedanken stammen nicht von einem der gewohnten Türkenhasser oder Moslemverachter.

Sie stammen vielmehr von mir.

Sie drängten sich mir nach und nach in Fetzen aus meinen tieferen Bauchregionen auf, als ich auf dem Sultanahmet-Platz in Istanbul völlig überraschend in allen Ecken komplett in Schwarz gehüllte Frauen mit Gesichtsschleiern sah, die nur durch einen schmalen Augenschlitz blicken konnten. Manchmal war dieser Schlitz noch zusätzlich von einer Sonnenbrille bedeckt. Ich fühlte mich stellenweise regelrecht bedroht, da keine Gesichtszüge zu erkennen waren, sondern nur noch schwarze Umrisse, scheinbar zu Schatten verkommene Reste eines Menschen. Vor einigen Jahren bekam ich so etwas in meinem geliebten Istanbul nicht zu sehen. Überhaupt kannte ich Gesichtsschleier fast ausschließlich aus den Medien. So blickte ich nun als befremdeter türkischsstämmiger Tourist in der Türkei wieder auf die einheimischen türkischen Frauen, die teils ganz gewöhnliche Kopftücher trugen, und teils locker oder gar sommerlich gekleidet waren. Das war die Leitkultur hier, der gewohnte Anblick, so wie es also eigentlich sein sollte.

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Wohin mit Geert Wilders? Oder: Koranische Prinzipien zum Umgang mit Provokationen und Beleidigungen des Islams

am Samstag, 04 Juni 2011. Gepostet in Menschenrechte, Islamkritik, Koran, Fundamentalismus, Islamisches Recht, Islamisches Leben, Weltpolitik

Aus aktuellem Anlass (Freispruch des Anti-Islamers Geert Wilders - ein anregender Kommentar von Serdar Güneş dazu hier) habe ich diesen Text nach oben gezogen. Et voilà:

 

"Und wenn du jene siehst, welche über unsere Botschaft spöttisch reden,
dann kehre dich von ihnen ab, bis sie ein anderes Gespräch beginnen..." (6:68)

"Das Gute und das Böse sind fürwahr nicht gleich.
Wehre (das Böse) mit Besserem ab,
und schon wird der, zwischen dem und dir Feindschaft war,
dir wie ein echter Freund werden.
Aber dies geschieht nur denjenigen, die standhaft sind,
ja nur Menschen von besonderer Begnadung." (41:34-36)

"Und Diener des Erbarmers sind diejenigen,
welche auf Erden bescheiden auftreten;
wenn die Ahnungslosen sie [provozierend] anreden,
entbieten sie ihnen den Friedensgruß (qâlû salâmâ)." (25:63)

Diese und weitere Koranverse widerlegen die von vielen Islamisten und Islamkritikern artikulierte Behauptung, dass der Koran keine Feindesliebe kenne und zudem einen unversöhnlichen, oder gar harten Kurs gegen Beleidigungen des Islams vorschreibe. Die Vertreter dieser Position behaupten unter Berufung auf Stimmen aus der islamischen Tradition, dass Toleranzverse wie die obigen mansûkh, d. h. in ihrer Gültigkeit von späteren (Kriegs-)Versen aufgehoben worden seien. Diese Auffassung erweist sich bei einem zweiten gündlicheren Blick auf den Koran als nicht zwingend, vielfach sogar als grundlegend falsch.

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Erdoğans Versprechungen: Demokratie und Freiheit für alle Lebensweisen und Minderheiten in der Türkei

am Mittwoch, 15 Juni 2011. Gepostet in Menschenrechte, Türkei, Weltpolitik

Recep Tayyip Erdoğans AKP hat zum dritten Mal in Abfolge einen überragenden Wahlsieg errungen, diesmal mit einem Stimmanteil von sage und schreibe 50%. Jeder zweite Türke hat die AKP gewählt, davon 73% offensichtlich aufgrund der weitflächigen Modernisierung des Landes. Dabei ist es jedoch zu keiner Zweidrittelmehrheit gekommen, ja es reicht nicht einmal um auf eigene Faust ein Referendum herbeizuführen um eine allein von der AKP ausgebrütete Verfassung zu erlassen. Die AKP ist zur Zusammenarbeit mit den Oppositionsparteien verdammt. Und das ist auch gut so. 

Unten präsentiere ich eine Übersetzung der zentralen Passagen aus Erdoğans viel beachteter Rede am Wahlabend, die auch als dritte Balkonrede bezeichnet wurde, da der Premierminister sich zum dritten Mal nach einem Wahlerfolg vom Balkon des Parteigebäudes an die Öffentlichkeit wandte. In seiner Rede machte Erdoğan deutlich, was das türkische Volk und die Welt in den kommenden vier Jahren von der neuen Regierung zu erwarten hat. Er sparte dabei nicht mit visionären, progressiven und außerordentlich versöhnlichen Tönen. Erdoğan hat damit die Latte, an der sich seine künftige Politik messen lassen muss, extrem hoch angesetzt - eine Rückname seiner Klage gegen Ahmet Altan wegen Beleidigung wäre einer der ersten Schritte um zu zeigen, wie ernst es ihm mit seinen Versprechungen ist.

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Der Fluch der Ehre

am Samstag, 12 März 2011. Gepostet in Menschenrechte, Türkei, Islamisches Recht, Musik, Geschlechter

Der 2004 verstorbene türkische Rockmusiker Cem Karaca ist neben Barış Manço eine der wichtigsten Vertreter des Anadolu Rock. Er zählt zu meinen absoluten Favoriten der türkischen populären Musik. Durch seine gesellschaftskritischen, witzigen und tiefgründigen Texte heben sich seine Lieder wohltuend vom Niveau des immer einfältiger werdenden türkischen Pop ab. Die junge türkische Rockband Kurban hat vor einigen Jahren einen Klassiker von Cem Karaca, wie ich finde, gelungen gecovert. Bei dem Stück handelt es sich um Namus Belası, was  ungefähr als Der Fluch der Ehre übersetzt werden kann. Das Stück behandelt eine der finstersten Erscheinungsformen des alttürkischen Ehrbegriffs, nämlich die sogenannten Ehrenmorde und die damit verbundene Spirale der Gewalt. Ich habe einen Clip samt Text und Übersetzung am Ende des Beitrags eingestellt.

Die konservative AKP-Regierung um Erdoğan war die erste überhaupt in der Geschichte der türkischen Republik, die die bis dahin oft stillschweigend hingenommene Gewalt gegenüber Frauen und Mädchen zu einem öffentlichen Thema gemacht hat. Unter ihr kam es nicht nur zu umfassenden statistischen Erhebungen der Dunkelziffern, sondern auch zu einer deutlichen Verschärfung des Strafrechts hinsichtlich der Ehrenmorde. Seit 2005 ist die Familienehre als Motiv kein strafmildernder Umstand mehr. Auf Ehrenmorde steht nunmehr kategorisch lebenslange Haft. Welchen Einfluss dieser wichtige Schritt auf die Praxis hatte, ist jedoch ungewiss. Von einem durchschlagenden Erfolg kann im Moment jedenfalls noch keine Rede sein.

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Die letzte Enthauptung durch die Guillotine in Europa

am Sonntag, 20 Februar 2011. Gepostet in Menschenrechte

Kürzlich habe ich mit meiner Frau den unterhaltsamen Film "Adèle und das Geheimnis des Pharaos" angeschaut, in dem es unter anderem um einen wiederbelebten Flugsauerier und einen ebensolchen Pharao ging. In einer Szene dieses Films wird der zum Tode durch die Guillotine verurteilte Wissenschaftler Esperandieu im letzten Moment durch den tatkräftigen Einsatz von Adèle und dem Pterodaktylus vor dem Fallbeil gerettet. Der verwirrte Henker ist aber so ungeschickt und stolpert während der unerwarteten Rettungsaktion selbst unter das Fallbeil - naja, und den Rest kann man sich ja denken...

Nach dem Film stellte ich mir dann die Frage, wann eigentlich die letzte Enthauptung in Europa durch die Guillotine stattfand. Noch im zweiten Weltkrieg? Vor hundert Jahren? Oder vor hundertfünfzig Jahren?  Immerhin ist das doch eine ziemlich archaische und blutige Art Menschen hinzurichten - mal abgesehen davon, dass Hinrichtungen in der Regel ohnehin mehr moralische und juristische Probleme aufwerfen, als sie wirklich lösen oder beseitigen. Zumindest die Europäer müssten dies spätestens seit dem zweiten Weltkrieg endgültig hinter sich gebracht haben, dachte ich mir...

Ein Blick in Wikipedia ergab ein frappierendes Ergebnis: Die letzte Enthauptung durch die Guillotine fand am 25. Februar 1977 in Marseille statt, und zwar um 4:40 Uhr morgens im Marseiller Gefängnis Les Baumettes. Ein Revisionsantrag war abgelehnt worden, und auch der damalige französische Staatspräsident Valéry Giscard d'Estain hatte eine Umwandlung der Todesstrafe in lebenslange Haft verweigert. So wurde der unter anderem wegen Mordes Verurteilte zum letzten Hingerichteten in Westeuropa, und zum letzten mit dem Fallbeil hingerichteten Menschen weltweit.

Im Jahr 1977,

nebenan in Frankreich,

gute 30 Jahre nach der Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte aus dem Jahre 1948,

also zu einer Zeit, zu der alle heute über 33 Jahre alten Menschen schon auf der Welt waren...

Ich weiß nicht, wie es euch geht, aber ich muss mich zwingen, um es zu glauben.

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Die Kinder des Korans

am Samstag, 25 Dezember 2010. Gepostet in Menschenrechte, Islam, Integration, Identität, Bildung, Islamkritik, Koran, Islamisches Recht, Islamisches Leben, Geschlechter

1. Vom Anfang aller Dinge

Der Koran ist das heilige Buch des Islams. Und sein Studium ist eine äußerst lohnenswerte Sache. Als ich als Schüler eines Tages über mein Taschengeld hinaus Geld für einige neue C64-Monatsmagazine benötigte, unterbreitete ich meinem Vater einen perfiden Deal: Ich bot ihm an den Ayat-al Kursi, das ist der Thronvers des Korans, auf arabisch auswendig zu lernen – wenn ich dafür mit einer irdischen Belohnung seinerseits rechnen durfte. Etwas verwirrt sagte er zu, und nach zwei Stunden konnte ich den relativ langen Vers auswendig. Überhaupt memorierte ich auch sonst die Suren, die man für verschiedenste Gebete benötigte, am liebsten daheim in Eigenarbeit – und für gewöhnlich ohne irdische Entlohnungen. Wenn man viele Suren im Original auswendig konnte, dann erlangte man nicht nur die Anerkennung der Erwachsenen, sondern auch das Wohlgefallen Gottes.

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Die Kinder des Korans 3: Innere Zusammenhänge im Koran

am Samstag, 25 Dezember 2010. Gepostet in Menschenrechte, Islamkritik, Koran, Islamisches Recht, Geschlechter

Doch was steht denn nun „wirklich“ in Sure x, Vers y? Immerhin ist trotz dem Gesagten nicht zu leugnen, dass alle heutigen Islamkonzepte, einschließlich der problematisch aromatisierten, in irgendeiner Form auch auf den Koran referieren. Die wegweisende Einsicht für mich lautete wohl: Das Verhältnis zwischen Theorie und Praxis unter Muslimen ist viel zu komplex, um jedes praktische Problem im Umfeld des Islams als Abbild von Verhältnissen im Koran erklären zu können. So führen viele Muslime sogar den Koran selbst als Korrektiv von so mancher islamisch geglaubten Haltung und Praxis an. Beispielsweise betonen zeitgenössische Koranexegeten und Islamgelehrte wie Süleyman Ateş oder Hayrettin Karaman, dass Todesstrafen für Abtrünnige und verheiratete Ehebrecher dem Wortlaut des Korans widersprechen und somit abzulehnen sind – und stellen sich damit gegen weit verbreitete Auffassungen im klassischen islamischen Recht. Dabei verstehen sich viele dieser reformorientierten Gelehrten oft nicht einmal als Reformer.

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