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Terrorismus

Kommentar zum Friedensprozess zwischen dem türkischen Staat und der PKK (Deutschlandradio Kultur)

am Dienstag, 19 März 2013. Gepostet in Terrorismus, Menschenrechte, Türkei

Heute erschien im Politischen Feuilleton im Deutschlandradio Kultur folgender Kommentar von mir zu den aktuellen Friedensverhandlungen zwischen dem türkischen Staat und der kurdisch-nationalistischen PKK. Anlass zu diesem Kommentar ist das aktuelle Newroz-Fest zu Frühlingsbeginn, das in der Türkei vor allem für die Kurden von Bedeutung ist, und die für Donnerstag angekündigte Verlesung einer Erklärung Öcalans, von der man erwartet, dass sie den Rückzug der terroristisch aktiven PKK aus den Grenzen der Türkei einläuten wird. Wer den Kommentar nachhören mag, klicke hier. Ab Donnerstag wird sich zeigen, wieviel von den Hoffnungen bleibt. Ich möchte später noch einiges hierzu schreiben. Et voilà:

Die Türken beginnen, ihren Frieden mit den Kurden zu machen, und die Kurden mit den Türken - das könnte die Botschaft des diesjährigen Newroz-Festes zum Frühlingsbeginn sein.

Türken und Kurden suchen schon lange den Weg für ein friedliches Miteinander, haben aneinander gelitten, sich gegenseitig enttäuscht und immer wieder neuen Anlauf genommen. Doch diesmal könnte es gelingen, weil Recep Tayyip Erdoğan, Ministerpräsident in Ankara, und sein Gegenspieler Abdullah Öcalan, inhaftierter Chef der kurdischen PKK, einige mutige und politisch riskante Schritte aufeinander zu gemacht haben.

Seit ihrer Gründungszeit tolerierte die türkische Republik die Minderheit der Kurden - jedoch unter der Bedingung, dass sie ihre kurdische gegen eine türkische Identität tauschen. Kurdische Sprache und Kultur wurden bis vor wenigen Jahren noch gewaltsam unterdrückt, Organisationen und Parteien verboten. Noch in den 90ern wurden mutmaßliche Helfer der PKK in Staatsgefängnissen gefoltert, ganze Dörfer evakuiert und vernichtet.

Viele Türken erfuhren aus den Medien nur vom Terror kurdischer Rebellen, nicht jedoch vom Ausmaß des großen Leids der Kurden.

Von 1978 an hatte sich der Konflikt zugespitzt, als sich die PKK gründete, um für ein autonomes Kurdengebiet im Südosten der Türkei zu kämpfen. Politisch brisant war dies auch deswegen, weil in den benachbarten Regionen Irans, Iraks und Syriens ebenfalls Kurden leben, die an Autonomie interessiert waren. Die PKK verübte seitdem Terroranschläge auf staatliche und bisweilen auch zivile Ziele in der Türkei, und ging drastisch gegen Kritiker aus kurdischen Kreisen vor.

Doch nach 30 Jahren des Krieges und über 40.000 Toten hat sich einiges verändert. Abdullah Öcalan, der Chef der PKK, sitzt zu lebenslanger Freiheitsstrafe verurteilt im türkischen Gefängnis. Und Recep Tayyip Erdoğan, Vorsitzender der konservativen Partei für Gerechtigkeit und Aufschwung (AKP) ist seit zehn Jahren ein starker, zuweilen reformfreudiger Premierminister, der die Assimilation der Kurden verurteilte, ganz so, wie er die Versöhnung mit anderen Minderheiten einleitete.

Und er hatte damit Erfolg. Mittlerweile wählt mehr als die Hälfte der kurdischen Landsleute, selbst in kurdisch-dominierten Gebieten, die Regierungspartei AKP. Sie wurde der prokurdischen Partei für "Frieden und Demokratie" (BDP), die der PKK nahesteht, zur Gegnerin und Rivalin.

Und nicht nur das. Seit dem Jahre 2011 verhandelt der Staat mit der PKK - neuerdings sogar vor den Augen der Öffentlichkeit. Dies war für die Türkei ein außerordentlicher Tabubruch. Seit kurzem dürfen Öcalan auch Oppositionspolitiker der BDP besuchen. Sie überbrachten der PKK Friedenspläne ihres inhaftierten Führers. Darauf ließ die PKK türkische Geiseln frei, was als Zeichen des Aussöhnungswillens der Rebellen verstanden wurde.

Kritiker unterstellen Erdoğan, die Gespräche mit Öcalan zielten auch darauf ab, kurdische Abgeordnete für den Plan zu gewinnen, ein Präsidialsystem einzuführen. Jedenfalls geben sich Politiker der Regierungspartei wie der kurdischen Opposition größte Mühe die übliche Polemik zu vermeiden, positive Signale zu senden und die jeweilige Basis vom neuen Kurs zu überzeugen.

Beiden Seiten scheint klar zu sein, dass ein Scheitern der Friedensverhandlungen zu einem noch brutaleren Krieg führen würde. Demgegenüber könnte die Botschaft zum Newroz-Fest sein, dass die PKK einem Waffenstillstand zustimmt und sich vollständig aus der Türkei zurückzieht, während die Kurden im Lande endlich als vollwertige Bürger mit eigener kultureller Identität behandelt werden. Das wäre ein Meilenstein für die Türkei.

In diesem Sinne bleibt nur, einen frohen Frühlingsanfang zu wünschen: nevruzunuz kutlu olsun - newroz pîroz be!

 

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Merahs Terrorhintergründe oder: Steht im Koran, dass Ungläubige zu töten sind?

am Donnerstag, 29 März 2012. Gepostet in Terrorismus, Islam, Islamkritik, Koran

Hier meine sehr kurze Stellungnahme zur These, dass angebliche koranische Aufrufe zur Tötung von Nichtmuslimen die Gründe dafür seien, warum Terroristen wie Mohammed Merah morden (mit Links zu weiterführenden Texten von mir).

Ein Leser kommentierte auf Zeit-Online:

"Auch, wenn es fürchterlich unpopulär sein mag, muss es in Zeiten von vor Erklärungswut und Deutungseifer immer länger werdenden Artikeln,  erlaubt sein, ganz unspektakulär festzustellen: Dass Ungläubige getötet werden sollen, diese Aufforderung ist klar und unmissverständlich im Koran nachzulesen. Aber diese Tatsache ist vermutlich viel zu einfach und zu 'wenig hilfreich', als dass die geistigen Überflieger und Entschlüsseler der großen Zusammenhänge so einen banalen Einwurf akzeptieren würden."

Meine Antwort: Diese Behauptung ist nicht nur einfach, sondern auch falsch.

1) Von allen "Tötungsaufrufen" im Koran lässt sich zeigen, dass diese ausschließlich unter der Prämisse eines tätlichen oder unmittelbar bevorstehenden Angriffs von außen formuliert sind. Selbst in der "radikalsten" Sure 9 findet man diesen Hinweis, wenn es da heißt: "Wollt ihr nicht gegen Leute kämpfen, die ihre Eide [d.h. Friedensverträge mit den Muslimen] gebrochen haben und vorhatten, den Gesandten zu vertreiben, wobei sie zuerst gegen euch (mit Feindseligkeiten) anfingen?" (9:13) Noch viel deutlicher ist dies in anderen Suren, in denen der Krieg thematisiert wird. Der größere textuelle Kontext des Korans verbietet also die von Islamgegnern und muslimischen Fanatikern vorgeschlagene "Koranauslegung" im Sinne eines totalen Krieges gegen "Ungläubige".

2) Das Argument, dass die früheren Friedensverse von den späteren Kriegsversen abrogiert (d. h. abgelöst) worden seien, ist weit verbreitet, funktioniert jedoch nicht. Denn auch die späteren Kriegsverse haben (vgl. 1) einen konkreten textuellen oder historischen Kontext, der einer Auslegung im Sinn eines "totalen Krieges" im Wege steht. Während Muslime dies so verstehen, versuchen Islamkritker uns weiszumachen, dass die Muslime den Islam falsch verstünden, und dass die "Deutung" von Merah und co. die eigentlich islamische sei.

3) Texte haben bei aller Brisanz keine kausale Wirksamkeit, auch wenn sie als heilig gelten. Es ist die vom sozialen Kontext anerkannte, autoritative Deutung, die den meisten Gläubigen als Kern ihrer Religion gilt. Von daher ist es sinnvoller radikale Kreise zu bekämpfen statt ein (durchaus auslegungsbedürftiges) heiliges Buch, das von den wenigsten seiner Anhänger im Sinne Merahs verstanden wird.

4) Die wenigsten Muslime studieren den Korantext. Noch viel weniger radikalisieren sich auf diese Weise. Außerdem wird selbst in Koranschulen nur Koranrezitation und keine gründliche Exegese (Koranauslegung) gelehrt. Darum gehen Argumente der Art "Sure x, Vers y" zur Erklärung von Gewalt und Terror im Namen des Islams in den meisten Fällen ins Leere.

5) Zugegeben: Die Radikalen zitieren gerne Stellen aus dem Koran, scheinbar rein, ohne jede Interpretation. Jedoch ist bereits die gezielte Auswahl einer Hand voll Verse unter Unterschlagung der unmittelbar benachbarten mäßigenden Passagen eine "Interpretation", d. h. im Fall von Merah und Konsorten: eine Verdrehung des eigentlichen Sinnes.

6) Jeder, der den Islam für "schuldig" am Terror erklärt, muss auch erklären, warum Terror im Namen des Islams fast ausschließlich mit bestimmten Richtungen im Islam verknüpft ist (Teile des Wahhabismus/Salafismus) - und warum die Hauptopfer dieser Terroristen wiederum andere Muslime sind. Spätestens hier endet die alleinige Erklärungskraft der Ursachen Koran/Islam, und der soziale und politische Kontext der Täter, der freilich auch radikal-islamische Komponenten haben kann, muss analysiert werden. Und wer sich weigert den gewaltbereiten Fanatiker vom friedlich praktizierenden Muslim zu unterscheiden, hat womöglich gar kein Interesse daran die Terroristen einzukreisen. Denn sie sind erfahrungsgemäß der beste Vorwand um pauschal und kostenlos gegen alle Muslime zu hetzen.

7) Merah hat durchaus etwas mit dem Islam zu tun, und zwar ungefähr soviel wie Anders Breivik mit der Islamkritik, oder wie mordende Neonazis mit Patriotismus.

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Hat der Terrorist Merah etwas mit dem Islam zu tun?

am Freitag, 23 März 2012. Gepostet in Terrorismus, Menschenrechte, Islamkritik, Weltpolitik

Jörg Lau hat auf seinem Blog auf einen guten und fundierten Text von Muhammad Sameer Murtaza hingewiesen, in dem er auf die Notwendigkeit hinweist, den schändlichen Terroranschlag in Toulouse auf jüdische Kinder und einen Lehrer nicht einfach mit der Bemerkung abzutun, dass dies mit dem Islam an sich nichts zu tun habe. Vielmehr sei es auch nötig selbstkritisch nach jenen Stimmen im Islam zu suchen, die als Rechtfertigung für Mörder wie den Terroristen Muhammad Merah dienen. Hier mein eigener kurzer Kommentar zu Laus Text:

"Das hat nichts mit dem Islam zu tun. Man kann es nicht mehr hören…

Hier wurde etwas anderes ausagiert, und das hat eben wohl etwas mit dem Islam zu tun."
(Zitat von Jörg Lau)

Das sehe ich auch so - ich halte es ebenfalls für eine äußert oberflächliche Art des Umgangs mit ideologisch motivierter Gewalt. Dabei kann ich den Ansatz "Das hat nichts mit dem Islam zu tun" aber auch gut verstehen: Er soll deeskalierend wirken und die muslimische Mehrheit in Schutz vor Generalverdacht nehmen. Diese Sorge ist völlig berechtigt und verdient Respekt. Wenn der Begriff Islam im Diskurs schlicht "Islam der muslimischen Mehrheit in Deutschland" meint, würde ich dem Satz sogar zustimmen.

Wenn man jedoch unter Islam einen theologischen Ausgangspunkt versteht, von dem sich auch teils heikle Ideologien ableiten, dann ist die Feststellung, dass man es sich nicht so einfach machen darf, richtig.

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Damascenus vs. Nadschidus oder: Könnte ein Christ je morden?

am Sonntag, 27 Februar 2011. Gepostet in Terrorismus, Christentum, Islamkritik, Fundamentalismus, Weltpolitik

Der aus dem Islam zum Christentum konvertierte Araber Mark Gabriel schreibt in seinem Buch „Motive islamischer Terroristen“ (2007) über den Unterschied zwischen christlichen und islamischen Fundamentalisten:

„Fundamentalistische Christen bilden keine Terrorzellen oder bombardieren Zivilisten, weil Jesus ihnen in dieser Richtung kein Vorbild gegeben hat.“ (S. 164)

Muslimische Fundamentalisten hingegen täten dies selbstverständlicherweise schon – denn sie hätten ja ein heiliges Buch, das zu einem „völlig anderen Lebensstil“ (S. 164) aufrufe als die Bibel.

Das klingt so unschuldig und so überzeugend, dass man vor Rührung schon fast mitkonvertieren möchte. Reibt man sich nach der ersten Entzückung jedoch die Augen, und macht sich die Mühe mal genauer hinzuschauen, dann fällt dieses verklärte Weltbild auch schon in sich zusammen. Da viele Gegner des Islams der felsenfesten Überzeugung sind, dass heutzutage unter den Religionen nur die islamische einen Nährboden für Gewalt bieten kann, muss ich hier leider doch etwas weiter ausholen. Aber es ist zu einem guten Zweck.

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An meinen fehlgeleiteten Bruder Bekkay

am Dienstag, 17 August 2010. Gepostet in Terrorismus, Islam, Menschenrechte, Fundamentalismus

Vom 27.9.2009

Heute sind Bundestagswahlen und ich werde wählen gehen. Und obwohl ich mich innerlich nicht auf deine Drohbotschaft an das deutsche Volk einlassen wollte, verspüre ich doch das dringende Bedürfnis ein paar Dinge loszuwerden, bevor ich meinen Stimmzettel in die Wahlurne einwerfe.

Als ich kürzlich in der Bahn-Station auf den Zug wartete, las ich mir die an die Wand projizierten neuesten Nachrichten durch, bis ich auf dein Gesicht stieß. Inmitten von deutschen Bürgern, die wohl zu großen Teilen von der Arbeit auf dem Weg zu ihren Familien waren, las ich mir da beschämt durch, wie du im Namen meiner Religion stellvertretend für eine Gruppe fanatischer Sektierer namens al-Qaida Deutschland Bedinungungen für die Wahl diktierst. Ginge vom Wahlergebnis nicht aus, dass Deutschland seine Truppen aus Afghanistan abziehen würde, dann müsse Deutschland mit Anschlägen rechnen. Auch wenn mir meine muslimischen Freunde immer wieder davon abraten mir die Laune mit den Verlautbarungen religiöser Fanatiker aus den Reihen meiner eigenen Religion zu verderben, gab ich auch diesmal noch am selben Abend der Versuchung nach und hörte mir an, was du zu sagen hast.

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