Antwort auf islamkritische Einwände gegen "Darf sich ein Muslim Juden und Christen zu Freunden nehmen?" (1)
am Sonntag, 18 September 2011. Geschrieben in Islamkritik, Islamisches Leben, Koran
Mein vor ca. 4 Wochen veröffentlichter Text "Darf sich ein Muslim Juden und Christen zu Freunden nehmen?" ist über 800 mal angeklickt worden. Wie erwartet habe ich für ihn neben Zuspruch auch Kritiken erhalten. Und wie ich bereits vermutet hatte, kam eine grundsätzliche Kritik an meinem Ergebnis, dass es kein islamisch-religiöses Hindernis für eine Freundschaft mit Nichtmuslimen gibt, nicht von muslimischer, sondern von islamkritischer Seite. Beim Verfassen einer Antwort auf ein dahingehendes Posting des Mitbloggers Micheal merkte ich, dass diese schon fast zu lang für einen Kommentar wird. Darum habe ich daraus einen Text gemacht. Folgender Text bezieht sich unmittelbar auf "Darf sich ein Muslim Juden und Christen zu Freunden nehmen" und auf Micheals ersten Kommentar dazu. Et voilá:
Grüß dich Micheal,
hier einige kritische Anmerkungen meinerseits zu einigen deiner durchaus diskussionswürdigen Kritikpunkten. Der Übersichtlichkeit zuliebe habe ich meine Antwort thematisch gegliedert und zitiere dabei jeweils aus deinem ersten Kommentar. Leider muss ich erst mit einer Kritik an deinem Stil beginnen.
1. Kritik an deiner Diskurshaltung und Zurückweisung deines Psychologismus
Du schreibst:
„Mal wieder ein zum scheitern verurteilter Versuch den Islam, so wie er in Koran und Sunna steht, zwanghaft ins schöne zu interpretieren. „
Ich habe einen langen Text mit einer ganzen Reihe von Argumenten verfasst, die anhand eines populären Beispiels (Juden und Christen als Freunde) zeigen, dass der Koran als religiöse Orientierungsquelle kein Hindernis für ein friedliches und freundschaftliches Miteinander in einer pluralistischen Gesellschaft darstellt. In deiner Replik bist du – bis auf eine Ausnahme – leider auf keines meiner Argumente direkt eingegangen, sodass ich nicht weiß, inwieweit du diese verstanden hast. Wie soll ich da sicher gehen können, dass du ausgerechnet die in jeder Hinsicht viel komplexeren Quellen Koran und Sunna verstanden haben sollst?
Das alleinige Zitieren von Wortlauten ist für eine Erkenntnis darüber, was der Gesamttext nun eigentlich will, wertlos – das war eine meine zentralen Thesen. Jeder, der über den normativen und universalisierbaren Gehalt des Korans spricht, muss detailliert Rechenschaft über seine zugrundeliegende Herangehensweise ablegen können. Diese sollte auf einem Wissen über Struktur und Auslegungsgeschichte des Korans basieren. Dann kann man auch ertragreich über problematische Aspekte diskutieren. Eben dies versuche ich in meinen Texten. Ich würde von deiner Kritik mehr profitieren, wenn du direkter meine konkreten Argumente angreifst und entkräftest, statt einfach isolierte Gegenargumente aufzuführen. Noch hast du nichts von dem widerlegt, was ich geschrieben habe. Ein selbstgefälliger Ton ändert daran auch nichts.
„Frei nach dem Motto, der Islam darf keine schlechte religöse Ideologie sein…“
Der Islam ist, so wie die meisten Muslime einschließlich mir ihn verstehen, auch keine schlechte religiöse Ideologie, sondern eine sinnstiftende, moralische, spirituell tiefgründige und rational vertretbare religiöse Weltanschauung. Das sage ich vermutlich nicht aus einer frühkindlicher Indoktrination heraus, wie du mir offensichtlich unterstellst (bist du ein telepathisch veranlagter Tiefpsychologe, oder so etwas?), sondern aus langjähriger Erfahrung mit der Theorie und Praxis eines reflektierten, modernefähigen Islam.
Natürlich hat der Islam in Theorie und Praxis auch problematische Bereiche. Aber die meisten von diesen sehen von innen anders und weniger kompliziert aus als aus der Außenperspektive. Vielleicht solltest du etwas mehr mit der Möglichkeit rechnen, dass das, was du als Islam „so wie er in Koran und Sunna“ steht bezeichnest, sich grundsätzlich von dem unterscheidet, was wir als Islam „so wie er in Koran und Sunna steht“ verstehen. Ich respektiere deine Sichtweise und versuche sie zu verstehen, nicht zuletzt, weil ich mich für islamkritische Argumente interessiere – jedoch kommen wir nur dann wirklich weiter, wenn du meine bzw. unsere Sichtweise als authentisch und als nicht weniger seriös und durchdacht anerkennst als deinige.
Freilich gibt es heute eine Reihe schlechter religiöser Ideologien innerhalb des Islams (so wie auch innerhalb der Islamkritik). Jedoch sehe ich es nicht ein, warum ich bei der Diskussion meines Islamverständnisses in jedem zweiten Satz darauf hinweisen sollte, dass es ja auch schlechte Auslegungen des Islam gibt. Lieber formuliere ich meine eigene Position.
„…und nur einer der krampfhaft das Positive sucht, weil es einfach nicht sein kann das er von klein auf mit etwas gar nicht so Tollem indoktriniert wurde, kann diese klare Ansagen nicht verstehen…“
Lieber Micheal, genau dies ist der bornierte Ton, in dem man kein Gespräch führen kann. Du psychologisierst, statt wie gesagt auf Argumente einzugehen. Vergleiche dazu meine Überlegungen zur Geltung und Genese von Argumente, die ich im fünftenTeil meines Textes vorgestellt habe. Ich möchte meine Gedanken zu Geltung und Genese von Argumenten hier nicht nochmals wiederholen. Das dort Geschrieben gilt. Also lassen wir das Psychologisieren und Gedankenlesen und unterhalten uns lieber über Argumente und Hermeneutiken.
„Das Umfeld und die Freunde beeinflussen eine Menschen, so wie dich Hakan, du bist anders als welche die im tiefsten türkisch/islamischen Ghetto in Berlin Kreuzberg groß geworden sind...“
Sorry, eine solche Auszeichnung als „Ausnahme“ lehne ich ab. Es müssen nicht erst Massen von Türken schlecht sein, damit woanders ein Türke auch mal etwas Vernünftiges gesagt haben darf. Die Probleme in Kreuzberg sagen zudem recht wenig über den Islam, aber recht viel über die soziale und politische Verfasstheit Berlins aus. In Stuttgart haben wir eine viel positivere Konstellation. Aber ich akzeptiere deine Aussage, dass das Umfeld einen Menschen entscheiden prägt – auch den Islamkritiker, der gelernt hat in disjunkten Kulturen und Ideologien zu denken, und darauf zu bestehen den Islam nicht nach dem historisch vermittelten Sinn, sondern nach eigens ausgewählten Wortlauten des Korans zu beurteilen. Das ist alles nicht originell. All das findest du ausführlich in meinen Text diskutiert.
„Würdest du den Islam objektiv betrachten, dann wüsstest du das…“
Wenn ich den Islam ohenhin nicht objektiv betrachte, meine Ansicht auf frühkindlicher Indoktrination beruht, und der Islam überhaupt nur eine schlechte religiöse Ideologie ist, der nur „Schöndeuter“ etwas Positives abgewinnen können, dann muss die Islamkritik sich natürlich nicht auf Argumente von Muslimen und Islamkennern einlassen. Stimmt's? Der radikale Flügel der Islamkritik, dem du wohl nicht angehörst, kann dann in Ruhe weiter gegen den Islam hetzen und Hass auf die Muslime verbreiten. Ich rate zur Vorsicht, auf wessen Brot du da Butter schmierst (türkische Redewendung).
So, das war jetzt genug Polemik, kommen wir auf deine Argumente:
2. Kritik an deiner Glasklarheitstheorie
„…den Islam, so wie er in Koran und Sunna steht…“
„Dieser Vers ist glasklar…“
Es gibt aus einer Reihe von erkenntnistheoretischen, historischen, linguistischen, hermeneutischen und exegetischen Gründen keinen abrufbaren „Islam, so wie er in Koran und Sunna steht“ – ausnahmslos jeder Islam ist eine Auslegung. Wir können uns daher nur über Islaverständnisse unterhalten. Schon alleine die Auswahl bestimmter Verse zur Begründung von etwas ist eine Auslegung. Ebenso die Hierarchisierung der Quellen, die Frage nach der Universalität, nach Authentizität der Überlieferungen, nach Symbolik, nach historischen und textuellen Kontexten…
Bereits das bloße Lesen der Verses „Verrichtet euer Gebet“ und eine Auslegung in dem Sinne, dass Muslime ihr rituelles Gebet verrichten sollen, ist eine Interpretation (idschtihâd) – so ist zumindest die islamische Gelehrsamkeit mit dem Koran umgegangen. Von wegen Glasklarheit also…
All das habe ich aber schon in meinem Text geschrieben. Lies einfach nochmals meinen Exkurs zur islamischen Rechtsmethodologie. Dort findest du eine sehr kurze und exemplarische Demontage der „Glasklarheitstheorie“, wie sie von einfältigen Wortlautfundamentalisten und sie kopierenden Islamkritikern behauptet wird…
3. Antwort auf deinen islamkritischen „Surenpingpong“
Im Prinzip habe ich die Antwort auf deine folgenden Koranzitate bereits in meinem Text vorweggenommen. Ich verweise insbesondere nochmals darauf, dass ich die Koranverse nicht als für sich selbst stehenden Aussagen betrachte, sondern in einen kohärenten, logischen Gesamtkontext stelle und dabei versuche diejenigen Fundamentalprinzipien auszumachen, die die anderen koranischen Aussagen am besten zusammenfassen, implizieren und erklären. Fundamental ist dabei die Beachtung textueller und historischer Kontexte. Da der Koran stets als eine konkrete Antwort auf eine konkrete Situation zu Zeiten des Propheten hin formuliert ist, können einzelne Sätze nicht ohne eine gute Begründung universalisiert werden. Sonst erzeugt man zahllose Widersprüche im Koran, die der kontextualisierende Ansatz nicht mehr hat.
Ich erwarte von dir nun nicht, dass du meine kohärentistische Synthese anerkennst – jedoch müsste der „objektive“ Islamkritiker, sofern er gut informiert ist, eingestehen, dass der Koran bei praktisch allen umstrittenen Themen zumindest mal widersprüchliche Wortlaute aufweist (wie ich mit diesen scheinbaren Widersprüchen umgehe, habe ich erklärt). Diese erste Widersprüchlichkeit des Korans ist ein wichtiges Thema der klassischen Koranexegese und ein weiteres Argument gegen eine „Glasklarheit“ des Korans.
Ich hatte in meinem Text gezeigt, dass der Koran, wenn er in seinem eigenen Gesamtkontext verstanden wird, keinen Anlass dazu gibt Freundschaften mit Nichtmuslimen auszuschließen. Um die Fruchtbarkeit meines Ansatzes zu zeigen, möchte ich dennoch auf die folgenden Kritiken eingehen.
„Noch interessanter ist aber Vers 5:55:
‚Eure Freunde sind EINZIG Allah und sein Gesandter UND DIE GLÄUBIGEN, die das Gebet verrichten und die Zakat zahlen und Gott allein anbeten.‘
Dieser Vers ist glasklar, nur Allah, Mohammed und Muslime sind Freunde, denn Christen oder Juden zahlen bekanntlich keine Zakat."
Nein, nicht einmal dieser Vers ist „glasklar“ (s.o.). Koranauslegung besteht nicht aus einer Auflistung von Wortlauten. Zunächst einmal: Jeder, der den Koran näher studiert hat, weiß, dass der Koran auch die religiöse Praxis der Propheten und Gläubigen vor dem Islam (Ismael, Abraham, Isaak, Jakob, Luqman, Moses, Jesus etc.) als das Zahlen der Zakat und das Verrichtens des Gebets beschreibt (14:37-40, 19:54-55, 21:72-72, 31:17, 20:11-14, 19:29-31). Und er meint damit eben nicht genau die Form, wie sie vom Propheten Mohammed gelehrt wurde, was ja ein Anachronismus wäre. Im Gegenteil: Durch solche Hinweise soll der Islam gerade in die abrahamitische Tradition integriert werden. Dies nur um zu verdeutlichen, dass sich das „Gebet und Fasten“ im von dir zitierten Vers nicht als Abgrenzungskritierium von den anderen Religionen (zumindest den monotheistischen) eignet.
Dennoch bezieht sich die Gruppe derer, die laut Wortlaut des genannten Verses zum „Freund“ genommen werden dürfen, sicherlich auf die Muslime, was aus der koranischen Sprachkonvention „sein Gesandter und die Gläubigen“ folgt. Aber wie ich im Exkurs in meinem Text gezeigt hatte: Selbst ein universell formulierter Wortlaut ist noch kein immer und überall verbindliches Urteil. Was hältst du eigentlich von der dort beschriebenen takhsîs-Thematik?
Noch ein wichtiger Hinweis: Ich hatte in meinem Text unter 1) ausführlich dargestellt, dass walî nicht unmittelbar als Freund im alltäglichen Sinn verstanden werden kann. Darauf bist du leider nicht eingegangen - wohl weil du über eine „glasklare“ Koranübersetzung verfügst. Aber sei’s drum. Gehen wir im Folgenden für einen Moment mal davon aus, dass walî wirklich als Freund im alltäglichen Sinne verstanden werden kann. (Ich mache dies, um eine immanente Kritik an deinem Argument zu formulieren.)
Aus diesem Vers würde dennoch nicht folgen, dass nur Muslime zu Freunden genommen werden dürfen. Denn: Wie ich in meinem Text unter 3) ausführlich erläutert habe, erfolgt die Abgrenzung in der genannten Passage wahrscheinlich nicht von Juden und Christen generell, sondern von Juden und Christen, die den Islam verspotten (5:57). Dazu hätte ich gerne eine Stellungnahme deinerseits. Der von dir angeführte Vers 5:55 („nur Muslime zu Freunden nehmen“) wäre dann als stilistisch motivierter Kontrapunkt d. h. Gegenpol in diesem speziellen Kontext zu verstehen, und nicht als endgültiges Ausschlusskriterium. Das hieße, dass die in dieser Passage genannten Alternativen, nicht alle in der Praxis denkbaren Fälle abdecken, so wie dies kaum eine Koranpassage tut. Diese Erklärung – drastisch anmutende Koranpassagen behandeln nie alle möglichen Fälle – ist keine „Schöndeutung“, sondern kann wohl begründet werden, nämlich durch:
a) Konsistenz: Wenn 5:55 bedeuten würde, dass man sich nur Muslime zu Freunden nehmen darf, dann stünde dies in klarem Widerspruch zum Beginn der Sure, wo Muslimen gestattet wird Jüdinnen und Christinnen zu heiraten. Das habe ich in meinem Text ausführlich thematisiert. Ferner würde eine solche Deutung in keinster Weise mit der medinensischen Passage 60:8-9 konsistent gemacht werden können, in der ja erklärt wird, dass nur Freundschaften mit Nichtmuslimen verboten sind, die die Muslime aktiv bekämpfen.
b) Vergleichbare koranische Passagen: In Sure 32:4 heißt es „Außer Ihm [also Gott – HT] habt ihr weder einen ‚Freund‘ (walî), noch einen Fürsprecher“. Nach deiner Logik müsste aus diesem Vers folgen, dass Muslime sich niemand anderen außer Gott zum Freund nehmen dürften, also auch keine Muslime. Wenn dies jedoch hier nicht folgt – und es folgt natürlich nicht – dann folgt aus 5:55 auch nicht, dass sich Muslime keine Nichtmuslime zum Freund nehmen dürften.
Lassen wir nun wieder die wahrscheinlich ohnehin falsche Bedingung fallen, dass walî Freund bedeutet, wie es in vielen Übersetzungen vereinfacht heißt. Dafür sprechen viele Argumente (siehe mein Text). Der Begriff walî ergibt meistens deutlich mehr Sinn, wenn man ihn als „Beschützer“ versteht. In diesem Kontext würde dann 32:4 auch eine sinnvollere Aussage ergeben, nämlich: „Außer Ihm [Gott – HT] habt ihr keinen Beschützer.“ Und übertragen auf die Verse 5:55 und 5:57 würden diese dann ebenfalls nicht mehr direkt zur Freundschaftsthematik passen.
Du schreibst:
„Andere Verse und damit der wichtige Kontext sagen ähnliches:
4:144 ‚O ihr, die ihr glaubt, nehmt euch keine Ungläubigen zu Freunden anstelle der Gläubigen. Wollt ihr Allah offenkundige Beweise gegen euch selbst geben?‘“
Ja, der Kontext ist sehr wichtig – aber du argumentierst, soweit ich das sehe, im Unterscheid zu mir weitgehend kontextfrei. Natürlich haben solche Verse immer historische wie textuelle Kontexte. Diese Kontexte machen (mir zumindest) plausibel, warum der Koran manchmal Gläubige und Ungläubige als unversöhnliche Gruppen direkt gegenüberstellt, während er sie einige Passagen später dann wieder versöhnlich auftreten lässt. Viele dieser Passagen wurden nämlich unter Bedingungen eines konkreten militärischen Konfliktzustandes formuliert – die Aussage von 4:144 ist schlicht und ergreifend, dass die Muslime ihre militärisch bedrohte Gemeinschaft nicht an den Feind verraten sollen. Der Vers wäre so treffender übersetzt: „Nehmt euch nicht die Ungläubigen zu Beschützern anstelle der Gläubigen“ (s.o.). Eine Seite zuvor findet man zudem wieder eine differenziertere Aussage: „Wenn ihr hört, dass Leute nicht an die Zeichen Gottes glauben und sie VERSPOTTEN, dann sitzt nicht mit ihnen, solange sie nicht zu einem anderen Gespräch übergehen.“ (4:140). Selbst hier gilt offensichtlich das Prinzip: Wer den Islam nicht öffentlich verspottet, mit dem kann sich der Moslem also doch zusammensetzen und einen Tee trinken. Wenn das schon vor 1400 in Medina im Kriegszustand galt, dann wird das heute in einer pluralistischen, per Verfassung befriedeten Gesellschaft erst recht gelten dürfen. (Diese Argumente sind zugegebenerweise etwas weltfremd und konstruiert und hier nur deswegen wichtig, weil es um die nicht ganz unerhebliche Frage geht: "Könnte ein Muslim zugleich nach dem Koran leben und ein integriertes, aktives Mitglied der deutschen Gesellschaft sein?" - darum meine etwas übertriebene Detailgenauigkeit).
Betrachten wir redundanterweise noch den von dir genannten Vers 3:28:
"Die Gläubigen sollen sich nicht die Ungläubigen anstatt der Gläubigen zu Freunden [bzw. Beschützer – HT] nehmen. Wer das tut, hat keine Gemeinschaft (mehr) mit Allah. Anders ist es, wenn ihr euch vor ihnen wirklich fürchtet. (In diesem Fall seid ihr entschuldigt.) Allah warnt euch vor sich selber. Bei ihm wird es (schließlich alles) enden."
Dass auch dieser Vers in einer Atmosphäre des Konflikts formuliert wurde, zeigt sich z. B. in 3:21: „Siehe, jene, die nicht an Gottes Zeichen glauben und die Propheten wiederrechtlich töten und von den Menschen ermorden, wer immer ihnen Rechtschaffenheit befiehlt – ihnen verkünde schmerzliche (jenseitige) Strafe.“
Du schreibst ferner:
„…sogar bei der eigenen Familie soll man auf den Unglauben reagieren:
9:23 "O die ihr glaubt, nehmt nicht eure Väter und eure Brüder zu Freunden, wenn sie den Unglauben dem Glauben vorziehen. Und die von euch sie zu Freunden nehmen - das sind die Ungerechten."
Abgesehen davon, dass walî bzw. der Plural awliyâ nach wie vor nicht einfach als Freund verstanden werden kann: Die Verse von Sure 9 eigenen sich am allerwenigsten zum kontextlosen Zitieren, da diese fast vollständig unter Kriegsbedingungen, in denen sich auch Familienmitglieder gegenüber standen, formuliert wurde. Man kann solche Verse somit in kaum einer Hinsicht auf unsere Situation heute übertragen. Ein Beweis dafür findet sich unmittelbar im Text, z. B. in 9:12-13: „...sie haben euch zuerst angegriffen…“ (wa hum bada'ûkum awwala marra).
Um wieder dem Argument zuliebe zuzuspitzen: Mich hat in Deutschland bislang niemand physisch angegriffen (außer einmal mein späterer Kumpel in der Grundschule, gegen den mir wiederum ein Christ zur Hilfe eilte – siehe mein Text). Und wenn mich jemand wegen meines Glaubens tätlich angreifen würde, dann stünde der deutsche Staat und das Gros der Gesellschaft ohnehin auf meiner Seite, und nicht auf der Seite des Angreifers. Auch dies war im historischen Kontext von Sure 9 anders, wie dir jeder halbwegs kundige Koranexeget erklären kann.
Ohne Witz: Hier in Stuttgart ist alles voller freundlicher Schwaben, mit denen ich sehr gerne zusammenarbeite, und von denen ich viel lerne. Ich bin sicher, dass diese mich nicht angreifen wollen, wie es die eingeschworenen mekkanischen Gegner des Propheten und ihre Verbündeten taten, um die es in Sure 9 geht. Warum soll ich mir da also von kontextlosen Zitaten aus der (zugegebenerweise recht kriegerischen) Sure 9 mein gut glauntes Islamverständnis ausreden lassen?
Ja: Ich verstehe mich mit diesen Leuten blendend - das ist doch klasse! So soll es doch sein! Und das liegt nicht daran, dass ich den Koran nicht ernst nehmen, nicht kennen, oder nicht intensiv studieren würde. Nein: Das Verhältnis Koran-Muslim ist grundsätzlich anders als du glaubst (siehe z. B. hier oder hier). Meine Position zur Freundschaftsfrage habe ich vor vielen Jahren geklärt. Seitdem habe ich mich viel und intensiv mit allen kritischen Themen im Kontext Koran befasst - und dabei sind mir weder die Nichtmuslime unsympathischer geworden, noch der Islam. Wie das geht? Auf meinem Blog versuche ich zu erklären, wie das geht. Der Koran versteht sich nicht als fertige Anleitung für das Leben. Er ist eine historisch verortete Offenbarung, in der sich Grundsätzliches mit rein historische Bedingtem und völlig Kontigentem mischt. Das zu trennen ist gute islamische Tradition. Und dazu bedarf es der Vernunft - die Vernunft, zu deren Gebrauch auch der Koran aufruft. Von daher kann von einer Islamwidrigkeit rationaler Zugänge zum Islam keine Rede sein.
Und nochmals zu deinem Vers: Wo der Islam selbst die Ehe mit Nichtmuslimen billigt, macht es keinen Sinn aus historisch klar situierten Versen wie 9:23 ableiten zu wollen, dass ein Moslem nichtmuslimischen Familienmitgliedern gegenüber feindlich gestimmt sein müsse.
Und zu deinem Einwand, dass die christliche Ehefrau eines Muslims islamisch gesehen ohnehin kaum Einfluss geltend machen könnte: Es war, ist und bleibt die Mutter, die die Kinder am nachhaltigsten prägt. Das war zu Zeiten Mohammeds nicht anders als heute. Er wusste dies sehr wohl – es gibt zahlreiche Hadithe zum hohen Stellenwert der Mutter. Zu glauben, dass eine christliche Mutter aufgrund eines Patriarchats keinen nennenswerten Einfluss auf die Haltungen des Mannes und der Kinder haben könnte, halte ich für ausgesprochen realitätsfern.
Trotz all den Konfliten zu den Frühzeiten des Islams, die sich heute im Koran wiederspiegeln: Dem Islam lag es nie an einer grundsätzlichen Segregation von Andersgläubigen. Eine Angst vor den Argumenten des Anderen ist dem Kern des Islams fremd. Muslime haben, nicht zuletzt in Anlehnung an den Propheten selbst, nie die argumentative Konfrontation mit Andersgläubigen gescheut, ja haben auf dieser Basis sogar Wissenschaften entwickelt (z. B. die Kalam-Theologie).
4. Fazit
Du siehst also: Ich halte meine Argumente für gut und kann in deinen Kritiken nichts erkennen, das mir neu wäre oder gar etwas von dem hier Gesagten auch nur im Ansatz widerlegen würde. Ob sie dich überzeugen, wage ich zu bezweifeln. Aber ich würde mir doch wünschen, dass du versuchst meine Sichtweise als Ganzes nachzuvollziehen, und dann diese immanent kritisiert, bevor du nun die nächsten fünf Koranverse auflistest, die mich widerlegen sollen (eine sachliche Antwort wäre dir jedoch gewiss, wenn auch nicht umgehend).
Meinen Ansatz müsste man schon aus einer konzeptuell anspruchsvolleren Warte angreifen, um ihn zu zerstören. Aber dazu müsste man ihn erst gründlich aufarbeiten. Man könnte z. B. versuchen die offenen und versteckten Prämissen (die es in allen Ansätzen gibt) zu finden und versuchen in diesen einen inneren Wiederspruch nachzuweisen oder sie anderweitig ad absurdum zu führen. Ich weiß nicht, wieviele Islamkritiker überhaupt die Geduld (oder die Kapazität?) für eine solche Aufarbeitung islamisch-hermeneutischer Systeme haben.
Das soll hier wirklich nicht großkotzig klingen (auch wenn es dies tut), aber wenn ich mir die zahllosen "Widerlegungen" des toleranten Islamverständnisses im Internet anschaue, dann halte ich es auch für eine wichtige und gemeinnützige Pflicht klarzustellen, dass diese "Widerlegungen" (und Hetzpamphlete gegen Muslime) Blendwerk sind auf Dauer nur die chronisch Halbgebildeten und Halbstarken unter den Islamkritikern (es gibt aber auch bessere) zufriedenzustellen vermögen...
Zum Abschluss möchte ich nochmals einen Kommtar von mir aus dem Kommentarbereich von "Darf sich ein Muslim Juden und Christen zu Freunden nehmen?" wiedergeben, der eine mögliche Erklärung dafür anbietet, warum der Koran überhaupt vom Motiv des Konflikts mit den anderen Religionen durchzogen ist, und warum dies für uns heute kein Problem darstellen muss:
'Mann muss das vor dem Hintergrund der Entstehungsgeschichte des Islams betrachten. Die Muslime waren in Mekka aufgrund ihres Glaubens nicht mehr willkommen. Die Situation, die bis zu Verfolgung und Folter der Muslime führte, erhöhte die Wahrscheinlichkeit, dass die noch sehr junge und kleine Gemeinde dem Druck nicht mehr standhält und zerfällt. Mekka stand den Muslimen für eine lange Zeit als mächtiger Widersacher gegenüber, der die neue aufrührerische Religion am liebsten vernichtet hätte. Die Religion war neu, die Gemeinde unerfahren, und die Fortexistenz alles andere als gesichert. In diesem Kontext hat der Koran die Muslime zu einer starken Loyalität untereinander und zu einer Distanzierung von allen Kreisen aufgerufen, die in irgendeiner Form strategisch mit Mekka gegen die Muslime kooperierten, oder ihre Feindschaft gegenüber die Muslime kundtaten. Die Verführung dem mächtigen Feind Zugeständnisse zu machen, war nicht zu unterschätzen: Es ist überliefert, dass Muslime in Medina Mekkanern Briefe schrieben, um sie über das weitere Vorgehen der Muslime im Krieg mit Mekka zu informieren. Solche Risiken galt es zu unterbinden.
Da der Grund der Vertreibung der Muslime aus Mekka offensichtlich ihr Glaube war, verwendet der Koran in manchen Passagen das Wort "die Leugner" geradezu synoym mit "die Feinde". Der Gesamtzusammenhang zeigt, dass diese Gleichsetzung allein der Tatsache geschuldet war, dass es eben gerade sie waren, die den Islam bekämpften. Die muslimische Gemeinde beharrte unter der Führung des Propheten jedoch auf ihrer politischen und theologischen Souveränität und ihrer Entschlossenheit gegenüber allen Bedrohungen, was dem Islam einen kämpferischen Charakter verlieh und hinter den polemisch wirkenden Passagen des Koran steht. Bei all dem hat der Koran nicht versäumt zu klären, dass er die generelle Bereitschaft zu Frieden und Freundschaft nicht aufgibt, sondern nur von der Abwesenheit einer militärischen Bedrohung abhängig macht. Das wollte ich in meinen Text ausarbeiten.
In friedlichen, durch Verträge bzw. Verfassungen stabilisierten Zuständen [d. h. im modernen Rechtsstaat und in durch das Völkerrecht geregelten internationalen Beziehungen] entfällt dieser Kontext. Beim Vorliegen dieser Zustände erscheinen manche koranischen Aussagen hier und heute unnötig polemisch, ja feindselig. Sie haben jedoch zu ihrer Zeit eine wichtige Rolle bei der Entstehung des Islams, der Sicherung seiner unabhängigen Fortexistenz und der Schaffung einer souveränen islamischen Identität gespielt. Wenn wir diese Passagen heute nicht in ihren textuellen und historischen Kontexten verstehen, verstehen wir sie falsch.
Mir ist es wichtig herauszuarbeiten, welche normativen Konsequenzen der Koran unter den Bedingungen einer modernen Demokratie wie hier in Deutschland hätte. Diese Bedingungen hier und heute sind nicht im Entferntesten mit denen in Mekka oder Medina zu Zeiten des Propheten vergleichbar. Das Ergebnis ist ausgesprochen positiv und widerlegt die ideologischen Schreckensszenarien.'
Und zu allerletzt nochmals die Koranpassagen, die den gesamten Textbestand des Korans zum Thema „Kontakte mit Nichtmuslimen“ prägnant zusammenfassen und ohne die jede Diskussion zu diesem Thema unvollständig ist (näher Infos siehe mein Text - ein nicht religiöse, sondern rein rationale Diskussion des Themas erfolgt an anderen Stellen):
"Vielleicht lässt Gott zwischen euch und denen von ihnen, die euch feind sind, Freundschaft/Liebe [arab.: mawadda - HT] entstehen. Gott ist mächtig und Gott ist verzeihend, barmherzig.
Gott verbietet euch nicht, gegen die gütig und gerecht zu sein, die euch nicht wegen eures Glaubens bekämpft oder aus euren Häusern vertrieben haben. Gott liebt fürwahr die gerecht Handelnden.
Gott verbietet euch nur, mit denen Freundschaft zu schließen, die euch des Glaubens wegen bekämpft oder euch aus euren Wohnungen vertrieben oder euch aus euren Wohnungen vertrieben oder bei eurer Vertreibung geholfen haben. Wer mit ihnen Freundschaft schließt, tut Unrecht." (60:7-9)
In diesem Sinne: Herzliche Grüße & Selam an Micheal und alle anderen Leserinnen und Leser.
(Ich weiß, dass dieses Thema eigentlich nicht isoliert vom ganzen Rest der Islam- und Integrationsdebatte diskutiert werden sollte. Aber anders ist es mir aus Zeitgründen im Moment leider nicht möglich. Das Weitere – Wahrheitsanspruch und Toleranz, Pluralismus, Säkularität, Rolle von Vernunft und religiösen Quellen etc. – diskutiere ich bei Gelegenheit, d. h. wenn mich wieder die Schreibwut packt.)
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Kommentare (7)
Hallo
Erstmal vielen Danke für die ausführliche Antwort. Hier nun meine Replik, die auch wieder etwas provokativ ausfallen kann, aber nicht respektlos gemeint ist.
"Der Islam ist, so wie die meisten Muslime einschließlich mir ihn verstehen, auch keine schlechte religiöse Ideologie, sondern eine sinnstiftende, moralische, spirituell tiefgründige und rational vertretbare religiöse Weltanschauung."
Der hakanische Islam ist das ganz sicher, der Islam Mohammeds, nachzulesen in Koran und Sunnah, ist es nicht.
"Vielleicht solltest du etwas mehr mit der Möglichkeit rechnen, dass das, was du als Islam „so wie er in Koran und Sunna“ steht bezeichnest, sich grundsätzlich von dem unterscheidet, was wir als Islam „so wie er in Koran und Sunna steht“ verstehen."
Ja das ist das von mir angesprochende Schöninterpretieren von Etwas, was objektiv oft nicht so schön ist, um es vorsichtig zu formulieren. Es ist gut und richtig dass du das tust, nur wieso versuchst du dann trotzdem mit Hilfe von Koran und Sunna eine Argumentation aufzubauen? Ein Argumentation die du objektiv mit diesen Schriften nicht gewinnen kannst, trotzdem versuchst du es. Gleichzeitig sprichst du dann auf recht dreiste Weise von "einfältigen Wortlautfundamentalismus". Nur weil jemand aus einem Verse wie: "O die ihr glaubt! Nehmet nicht die Juden und die Christen zu Freunden..." versteht dass er Christen und Juden nicht zu Freunden nehmen soll. Seltsame Logik, wortwörtlich gilt anscheind nur dann wenn es positiv gewertet werden kann, alles was sich in Koran uns Sunna nicht so nett anhört gilt nicht mehr oder ist ganz anders gemeint. Man könnte dir vorwerfen das du Allahs Botschaft verfälschst oder zumindest nach deinem Gutdünken auslässt, aber diesen Vorwurf kennst du sicher schon.
"jedoch kommen wir nur dann wirklich weiter, wenn du meine bzw. unsere Sichtweise als authentisch und als nicht weniger seriös und durchdacht anerkennst als deinige."
Ich persönlich tue das, aber viel entscheidender ist die Frage ob man diese Sichtweise aus islamischer Sicht als authentisch und seriös anerkennen kann. Und das misst sich nicht zuletzt an der Zustimmung des 0815 Moslems. Im Koran wird mehrfach vor Muslimen gewarndt, die zwar sagen sie wären Muslime, sich aber nicht so verhalten wie der Koran es verlangt. Hakan dein Islam passt ganz sicher wunderbar zum Islamverständnis des LIB von Lamya Kaddor, die haben aber nach eigenen Angaben nur 100 Mitglieder. Die als islamistisch eingestufte Organisation Mili Görüs hat alleine etwa 30 000 Mitglieder in Deutschland. Der 0815 Muslim hat also entschieden, so wie er sich in 1400 Jahren islamischer Geschichte eigentlich immer mehrheitlich gegen Reformer und liberale Kräfte entschieden hat.
"Diese erste Widersprüchlichkeit des Korans ist ein wichtiges Thema der klassischen Koranexegese und ein weiteres Argument gegen eine „Glasklarheit“ des Korans."
Eine gewisse Widersprüchlichkeit ist tatsächlich vorhanden, die Erfahrungen, die Umwelt und das Erlebte prägen und verändern einen Menschen, erst recht über einen Zeitraum von 20 Jahren, wie bei Mohammed. In seinem Fall leider nicht zum besseren. Ich vermute das im Koran angesprochene Abrogationsprinzip, zur Auflösung von Widersprüchen, wird von dir nicht anerkannt oder?
"dass der Koran auch die religiöse Praxis der Propheten und Gläubigen vor dem Islam (Ismael, Abraham, Isaak, Jakob, Luqman, Moses, Jesus etc.) als das Zahlen der Zakat und das Verrichtens des Gebets beschreibt"
Der Koran beschreibt nicht, er behauptet, er behauptet ja auch auch das Jesus in Wahrheit ein Moslem war, welcher mit dem Jesus den die Christen kennen und verehren nichts zu tun hat.
"Wie ich in meinem Text unter 3) ausführlich erläutert habe, erfolgt die Abgrenzung in der genannten Passage wahrscheinlich nicht von Juden und Christen generell, sondern von Juden und Christen, die den Islam verspotten (5:57)"
Den Islam nicht anzunehmen ist quasi schon ein verspotten. Nur Leute die "taub" und "blind" sind, die "nicht begreifen", die daher zu den "Niedrigsten" gehören und "schlimmer als das Vieh sind", tun das.
Dann kommt von dir schon wieder dieser Hinweis, dass die Erlaubnis das muslimische Männer eine Jüdin oder Christin heiraten dürfen irgendetwas mit dem Freundschaftsargument zu tun hat, bzw das das deine Argumentation stützen würde. Mohammed selbst hat eine Jüdin geheiratet, welche aus dem jüdischen Stamm der Banu Quraiza kam, nachdem er alle etwa 700 Männer dieses Stammes köpfen ließ. Sie war eine Kriegsbeute und Freundschaft hat da keine Rolle gespielt. Die im Islam weiter prakzizierte Sklaverei war auch kein Hindernis, auch diese Frauen durfte man heiraten. Hakan du denkst zu sehr im europäischen, aufgeklärten Kontext. Eine Frau galt, und bei vielen gilt sie immer noch, als Besitz.
Dann gehst du ja in deiner wohlwollend interpretierenden Art auf die von mir genannten Verse ein. Dabei sprichst du von einer Atmosphäre des Konflikts, oh ja, ein islamimmanentes Phänom. Es gibt wohl kaum eine Religion die sich so intensiv mit Konflikten, Gewalt und Kriegen beschäftigt wie der Islam. Nicht umsonst gibt es eine ganze Sure die sich "Die Beute" nennt, aber keine die "Der Frieden" heißt. Besonders erwähnt sei in diesem Zusammenhang der Vers 29 der Sure 9.
"Kämpft gegen diejenigen, die nicht an Allah und an den Jüngsten Tag glauben, und die das nicht für verboten erklären, was Allah und Sein Gesandter für verboten erklärt haben, und die nicht dem wahren Glauben folgen - von denen, die die Schrift erhalten haben, bis sie eigenhändig den Tribut in voller Unterwerfung entrichten."
"Und nochmals zu deinem Vers: Wo der Islam selbst die Ehe mit Nichtmuslimen billigt, macht es keinen Sinn aus historisch klar situierten Versen wie 9:23 ableiten zu wollen, dass ein Moslem nichtmuslimischen Familienmitgliedern gegenüber feindlich gestimmt sein müsse."
Nochmal, der Islam billigt nur die Ehe mit nichtmuslimischen FRAUEN, der Vers 23 bezieht sich aber auf BRÜDER und VÄTER. Frauen haben im Islam einen anderen Status, von ihnen geht nicht wirklich eine "Gefahr" aus, weil ein Mann seine Frauen kontrolliert und auch diziplieren kann und darf, wie Sure 4 Vers 34 zeigt.
In deinem Fazitteil gibst du ja indirekt zu das all diese Freundschaftsverbote real sind, sie erfüllen eben einen gewissen Zweck und das nicht nur damals, sondern erst recht heute in einer nicht-muslimischen Umgebung, ein bisschen wie in Mekka vor 1400 Jahren. Das führt leider dazu das der Islam bei vielen seiner Anhänger echte Integration verhindert.
Um deine Argumente nochmal zu untermauern beziehst du dich abschließend auf die relativ kurze Sure 60. Du hast dabei aber ein paar Verse aus dieser Sure vergessen.
"Ihr Gläubigen! Nehmt euch nicht meine und eure Feinde zu Freunden, indem ihr ihnen (eure) Zuneigung zu erkennen gebt, wo sie doch nicht an das glauben, was von der Wahrheit (der Offenbarung) zu euch gekommen ist..." (60:1)
"Ihr habt bereits ein vortreffliches Beispiel an Abraham und denen mit ihm, da sie zu ihrem Volke sprachen: "Wir haben nichts mit euch zu schaffen noch mit dem, was ihr statt Allah anbetet. Wir verwerfen euch. Und zwischen uns und euch ist offenbar für immer Feindschaft und Haß entstanden, bis ihr an Allah glaubt und an Ihn allein"" (60:4)
"O die ihr glaubt, schließt nicht Freundschaft mit einem Volke, dem Allah zürnt; denn sie sind völlig am Jenseits verzweifelt, gerade so, wie die Ungläubigen an denen verzweifelt sind, die in den Gräbern sind. "(60:13)
Hass und Feindschaft bis sie an Allah glauben, bis sie dem "wahren" Glauben folgen und Allah dann nicht mehr erzürnt ist. Das mit der Konvertierung zum Islam spielt in vielen Versen eine große Rolle. Nicht nur Freundschaft hängt davon ab, sondern auch manchmal das überleben.
"Und wenn nun die heiligen Monate abgelaufen sind, dann tötet die Heiden, wo (immer) ihr sie findet, greift sie, umzingelt sie und lauert ihnen überall auf! Wenn sie sich aber bekehren, das Gebet (salaat) verrichten und die Almosensteuer (zakaat) geben, dann laßt sie ihres Weges ziehen! Allah ist barmherzig und bereit zu vergeben." (9:5)
Mit freundlichen Grüßen Michael
Ich "oute" mich hier mal als Mitglied der IGMG der aber ganz gut mit dem "hakanischen" Freundschaftsverständnis leben kann. Was ist denn bitte ein 0815 Muslim :) Einen widersprüchlicheren Begirff kann ich mir gar nicht vorstellen :)
Was ist an dem Begriff so widersprüchlich?
Hallo Hakan und Michael,
trotz der unterschiedlichen Meinung, bedient ihr euch einer ähnlichen Herangehensweise, die meiner Meinung nach in eine Sackgasse führt. Ich versuche meine Beobachtung zu erklären:
Ich stimme Hakan zu, dass es sehr wichtig ist den historischen Kontext der koranischen Passagen zu berücksichtigen.
Ich stimme Michael zu, dass man nicht nach Gutdünken definieren kann, wann Aussagen wörtlich oder metaphorisch verstanden werden bzw. aufgrund eines "identifizierten" historischen Kontext gar als obsolet erachtet werden sollen.
@Michael
Du hattest mich gebeten Koranverse in gleicher Anzahl zu nennen, welche eine Freundschaft erlauben.
Ich denke das führt die Diskussion nicht weiter, denn es genügt ein einziger als allgemein verstandener Vers um 100 kontextspezifische Verse "auszubooten". So habe ich die von Hakan verfolgte Logik verstanden(@Hakan bitte korrigiere mich).
Auf der anderen Seite denke ich aber, dass im Prinzip auch eine einzige Aussage, die vor einer Freundschaft (Vormundschaft/Schutz etc.) warnt, schon ausreicht, um den Boden für Unsicherheit und Misstrauen zu sähen. Immerhin gelten die koranischen Aussagen als Wort Gottes!!
Ich denke, ich wiederhole mich. Trotzdem:
-Es macht keinen Sinn einzelne Verse herauszusuchen, um zu beweisen, dass es sich beim Islam um eine "böse" Ideologie handelt.
-Es macht keinen Sinn einzelne Verse herauszusuchen, diese als historisch überholt zu erklären, um zu beweisen, dass sämtliche Aussagen aus Koran und Hadith unserer heutigen Moral und Ethik gerecht werden.
Die "unschönen" Passagen aus dem Koran sind vor ihrem historischen Kontext zu verstehen.
Genauso sind aber auch die "erfreulichen" Passagen vor ihrem historischen Kontext zu betrachten.
@Hakan: Ich stimme Dir zu, dass es sehr wichtig ist den historischen Kontext der koranischen Passagen zu berücksichtigen. Jedoch gilt der historische Kontext für das Gesamtwerk. Sämtliche Aussagen wurden vor über 1400 Jahren getroffen.
Es bedarf stets der Anstrengung von Gelehrten, um die Regeln für das heutige Zusammenleben und Handeln des Einzelnen festzulegen. Hierzu wenden diese Gelehrte Methoden wie Ijtihad, Nassh&Mansuch, Qias etc an, die wiederum von anderen Gelehrten vor ihnen entwickelt wurden. Es gibt keine göttliche Regieanweisungen, welcher Methodik die Interpretation der koranischen Aussagen folgen soll. Ohne Interpretation gibt es jedoch nur die wörtliche Auslegung.
Als Muslim hat man damit 2 Möglichkeiten:
Entweder versteht man die Aussagen entsprechend der eigenen kognitiven Fähigkeiten (was einer individuellen Interpretation entspricht)
oder man muss sich auf die kognitive Leistung von anderen Menschen verlassen, die sich als befähigt erachten für die Masse der Muslime die richtige Interpretation zu treffen.
Die von Gott bevorzugte Interpretation seiner Aussagen kennt der Mensch nicht.
Ohne menschliche Interpretationsleistung können die Aussagen aus Koran und Sunna damit nicht als Quelle für Werte und Moral herangezogen werden.
Hier stellt sich nun die Frage, wieso soll der Mensch seine Intelligenz dafür verwenden die Rosinen aus einem existierenden Werk herauszupicken anstatt auf der Basis von Vernunft und Humanismus in sich schlüssige Werte zu definieren.
Fazit:
Wenn es Aussagen gibt, die auch heute noch Gültigkeit haben, so ist das schön. Aufgrund der vorhandenen Aussagen, die heute als überholt gelten, verliert das Gesamtwerk jedoch seine Funktion als Quelle für Moral und Ethik.
Wenn ein gläubiger Muslim,sich den Koran von den "Schriftgelehrten" zurückholen will,in eigener Verantwortung und wie es ihm angemessen erscheint,damit verfahren möchte,wer sollte ihn daran hindern?
Warum sollte ein frommer Mensch hinnehmen,dass er seine heilige Schrift x-fach querlesen,diagonal falten und dann blumenreich auffächern sollte,bevor er sich daran erbauen kann? Welcher Mensch,dessen Leben von vielerlei Alltagsverpflichtungen bestimmt wird,könnte,selbst wenn er dazu in der Lage wäre,die Zeit für die "vorschriftsmäßige" Auslegung des Korans aufbringen?
Er hätte also nur die Wahl zwischen der Suche nach eigenem Zugang und der Überantwortung dieses Zugangs an eine kundige Autorität seinen Vertrauens.
Allmählich verstehe ich,wie das Dilemma in vielen Koranschulen auf der ganzen Welt gelöst wird:durch Rezitieren
Nicht nur die Schönheit der Arabischen Sprache,nicht nur Rhythmus und Intonation der koranischen Verse zu erfahren,scheint das Ziel zu sein,sondern einen legitimem "Zugang" zur heiligen Schrift des Islams für Gläubige zu schaffen,die (noch) kein "Expertenwissen" haben.
Der Koran scheint ein großes Rätsel zu sein:Alle Muslime berufen sich auf ihn,obwohl,wie ich annehmen muss,nur wenige sich darin zurechtfinden,viele ihn noch niemals gelesen,geschweige denn,verstanden haben.Einem Gläubigen da ein X für ein U vorzumachen,dürfte somit eine der leichtesten Übungen derer sein,die ganz einfache Zugänge versprechen.
Spätestens dann wird der Koran zu einer gefährlichen Schrift,vor der sich verständlicherweise auch viele fürchten.Vielleicht sollte man den Koran für eine sehr ,sehr lange Zeit einfach "vergessen" und ihm nach dieser sehr ,sehr langen Zeit eine Bedeutung geben,die von den Menschen ,für die er geschaffen wurde,auch verstanden werden kann.
Ich würde mich gerne der Diskussion anschließen. Ich bekomme jetzt aber schon einen heißen Kopf.
Für mich ist das Problem viel größer die große Interpretationsvielfalt des Koran von Gott gegeben zu akzeptieren. Wenn man versucht nur mit Logik an die Sache heranzugehen kommt man gar nicht bis zur Frage "Darf man Christen und Juden ..." Allein schon die Frage an sich gestellt ist für mich verwirrend. Warum steht das überhaupt zur Debatte? Schlimm genug ist es das die meisten, und das meine ich subjektiv, eben daran glauben. Das kann ich eben nicht akzetpieren. Ein Buch was den Leuten nicht das richtige beibringt sondern die Möglichkeit offen lässt aus meiner Sicht auf den falschen Pfad zu gelangen ist kaum dafür geeignet ein "Guide" zu sein.
Die meisten Leute lesen den Kuran ja nicht einmal sondern wissen alles vom Hören-Sagen.
Ich höre auf...
Ich höre auf sonst werd ich noch wütend...
Gott, Allah ist barmherzig und gut... wie könnte er etwas gegen Freundschaften zwischen Juden, Christen und Moslems haben? ... vorausgesetzt, daß es sich um wirkliche Juden, Christen und Moslems handelt die ehrlichen Herzens an Gott glauben... falsche Freunde,also Unläubige im Herzen, Blender, Heuchler, Schmeichler sollte man tatsächlich meiden...
liebe Grüße
Hanipe