Darf sich ein Muslim Juden und Christen zu Freunden nehmen?
am Montag, 15 August 2011. Geschrieben in Christentum, Fundamentalismus, Integration, Islamkritik, Islamisches Leben, Islamisches Recht, Judentum, Koran
In meiner Grundschulzeit waren alle Nationalitäten in meinem Freundeskreis vertreten: Deutsche, Italiener, Spanier, Portugiesen – allesamt Klassenkameraden, mit denen wir vormittags auf dem Pausenhof herumrannten und nachmittags entweder am C64 saßen und Giana Sisters spielten oder draußen die Gegend unsicher machten. Türken waren nahezu keine vorhanden. Mein bester Freund war ein Italiener. Er stand mir mit Fäusten bei, als mich zwei deutsche Klassenkameraden fast täglich auf dem Schulweg verprügelten – ich hatte ihren Zorn auf mich gezogen, als ich ihnen unüberlegt erzählt hatte, dass Türken viel mutiger seien als Deutsche. Einer von ihnen hat mich zwanzig Jahre später zu seiner Hochzeit eingeladen. Gelegentlich war ich bei dem Italiener daheim zu Gast beim Abendessen. Oft schlenderten wir vor Sonnenuntergang über die Felder und unterhielten uns über die Heimatstädte unserer Eltern oder über unsere Traumberufe. Er wollte damals Architekt werden und ich Arzt.
Meine Eltern schätzten meinen guten Kontakt zu meinen Klassenkameraden und ich hätte nicht gedacht, dass ich damit jemandes Missfallen erregen könnte – bis ich eines Tages von einem älteren Türken, der sich mit dem in den 90ern aufsteigenden politischen Islam in der Türkei identifizierte, etwas zu hören bekam, was mir das Blut in den Adern gefrieren ließ:
„Du kannst mit diesen Leuten nicht befreundet sein – denn im Koran steht: Nehmt euch nicht die Juden und Christen zu Freunden. Sie sind einander Freunde.“
Ich antwortete, dies könne doch nicht stimmen – bislang hatte ich vom Islam nur Dinge gehört, die ich schön fand, und meine Religion war mir sehr wichtig. Doch meine Freunde waren es mir auch. Und jeder Versuch mich innerlich von ihnen zu distanzieren brach mir das Herz. Ich erledigte das Thema für mich mit der resignierenden Feststellung, dass meine Freunde zwar Christen sind, dass ich mich mit ihnen aber viel besser verstehe als mit den wenigen türkischen Kindern, die ich damals kannte. Gott würde dafür Verständnis haben, dessen war ich mir sicher. Auch war ich mir sicher, dass irgendwas mit dem mir dargelegten Koranvers nicht so war, wie es mir der sendungsbewusste Bekannte vermittelt hatte. Leider war ich damals noch weit davon entfernt der Sache gründlicher auf den Grund gehen zu können.
Jahre vergingen, doch dieser Vers, der der 51. der fünften Sure war, tönte immer wieder aus verschiedenen Ecken – entweder waren es politisierte Religiöse, die von einem islamischen Staat in der Türkei träumten, unter der türkischen Bevölkerung in Deutschland ihre Pamphlete verteilten und auch in manchen Moscheen Einfluss geltend machten. Oder es waren deutsche Islamgegner, die damit den muslimischen Dialogbefürworter widerlegen wollten, oder zu zeigen versuchten, dass der Islam ein Feind der westlichen Welt sei, und dass ein gläubiger Moslem aus religiösen Gründen niemals mit einem gewöhnlichen Deutschen befreundet sein könne. Somit erübrigte sich für diese auch jeder Versuch Muslime als Bürger und Menschen auf Augenhöhe zu betrachten. Denn in ihren Augen wollten sich die Muslime aus Verachtung gegen die „Ungläubigen“ ja ohnehin nicht in die deutsche Gesellschaft eingliedern. Der zitierte Koranvers reichte ihnen als Beweis. Da musste man nicht auch noch Muslime nach ihrer Meinung fragen.
An dem zitierten Koranvers und den beiden genannten Positionen hat sich seitdem nichts geändert. Was sich aber geändert hat, ist mein Wissen von diesem Vers und dem Koran. Dadurch hatte ich die Möglichkeit selbst eine Position zu entwicklen. Stellvertretend an diesem Beispiel kann man eine Menge genereller Dinge über den Koran und den Islam lernen, die für ein deutschlandgerechtes Islamverständnis von großer Hilfe für mich waren. Ich versuche mal die wichtigsten Schritte und Argumente hierbei wiederzugeben, wobei diese teils logisch unabhängig voneinander sind. Fangen wir mit dem direktesten Zugang an.
1) Philologie oder: Was bedeutet „zum Freund nehmen“ überhaupt?
Mich beruhigte der Fund von deutschsprachigen muslimischen Publikationen, die den Wortlaut des zitierten Verses offen problematisierten. Ich war also nicht der einzige, der über diesen Vers gestolpert war und ihn auf den ersten Blick nicht mit seinen praktischen Gepflogenheiten in Einklang bringen konnte. So wiesen manche deutsche wie türkische Autoren darauf hin, dass der Singular walî des als „Freunde“ übersetzten Wortes awliyâ auch etwas anderes, nämlich „Helfer“, „Beschützer“, „Führer“ oder gar „religiöser Führer“ bedeuten kann. Auch Bedeutungen wie „Vertreter“ oder „religiöser Vertreter“ kamen manchen zufolge in Frage. Demnach sagte der Vers also so etwas aus wie, dass man sich Juden und Christen nicht zu spirituellen Führern nehmen dürfe. Damit konnte ich leben.
Die genannte Deutung machte ich mir in einem zweiten Schritt so plausibel: Ich hatte mir eher schlecht als recht mit einem türkischen Do-it-yourself-Lernbuch das Lesen der arabischen Schrift beigebracht. So konnte ich bestätigen, dass im Vers tatsächlich von awliyâ die Rede war. Da man im Türkischen das Lehnwort evliyâ auch etwa in der Bedeutung von gottesnaher Heiliger verwendet, erschien mir die obige Worterklärung wieder plausibel. Ich möchte hier noch darauf hinweisen, dass türkischen Begriffe wie velî (Elternteil) und mevlâ (Herr) sich von diesem Begriff ableiten und allesamt wieder auf eine Deutung jenseits von „Freund“ im Alltagssinn hindeuten. Hätte mir jemand früh genug den großen interpretatorischen Spielraum bei solch brisanten koranischen Ausdrücken nahegebracht, wäre ich wohl auch selbst darauf gekommen, dass das Wort awliyâ ganz verschiedene, also insbesondere auch für mich weniger problematische Bedeutungen haben kann. Die noch spätere Erkenntnis, dass es im Arabischen für Freund naheliegendere Begriffe wie sadîq oder sâhib (vgl. 53:2) gibt, festigte ebenfalls mein Vertrauen in diese Deutung.
Es waren also philologische Kenntnisse, mit denen man fundamentalistische Totschlagargumente entschärfen konnte.
2) Konsistenz oder: Wieso darf man jemanden, den man nicht zum Freund nehmen darf, heiraten?
Die nächste Entdeckung machte ich, als ich zum ersten Mal eine Übersetzung der gesamten betreffenden Sure las. Dazu muss man wissen, dass eine unmittelbare Koranlektüre nicht der unter Muslimen übliche Weg ist, wenn man sich über den Islam informieren will. Überhaupt erfreut sich die unmittelbare Beschäftigung mit Koranübersetzungen unter Muslimen nach wie vor sehr geringer Beliebtheit, was die frappierende Unkenntnis viele Muslime vom Koran, der ihnen doch heilig ist, erklärt. Jedenfalls war ich bei meiner Koranlektüre noch in der Sure des genannten Verses auf einen weiteren Vers gestoßen, der aus meiner Sicht eine Interpretation im Sinne von „Nehmt Juden und Christen nicht zu Freunden“ unmöglich machte.
Denn in Vers fünf der Sure fünf wird ausdrücklich die Ehe mit Jüdinnen und Christinnen gebilligt – ohne dass ein Glaubenswechsel ihrerseits nötig wäre. Das klassische islamische Recht der Rechtsgelehrten hat diese Norm bestätigt. Wenn nun ein Muslim eine Christin heiraten darf, und somit nicht nur eine christliche Frau zum Lebenspartner, sondern auch noch ihre christliche Familie zu eigenen Verwandten macht, ohne dass ein Glaubenswechsel verlangt ist, dann ist es schon alleine aus logischen Gründen unmöglich eine Freundschaft mit Menschen christlichen Glaubens zu verbieten. Logik! So einfach ist das.
Als ich eines Tages wieder dem islamistischen Eiferer, der an sich ein netter Kerl war, begegnete, konfrontierte ich ihn stolz mit diesem in unruhigen Nächten ausgebrüteten und von mir unbescheiden als genial befundenem Argument. Die Reaktion war herrlich: „Nein, so etwas kommt nur in Frage, wenn die Frau zum Islam übertritt!“ So holte ich eine Koranübersetzung hervor und hielt im Sure fünf unter die Nase (wie es islamkritische Freunde auch gerne bei mir machten). Auch die nächste Antwort war köstlich: „Nein, dieser Übersetzung traue ich nicht!“ Aber ich hatte mich schon hinreichend aus anderen Quellen darüber informiert, dass dies keine Frage der Übersetzung war.
Es war eine einfache Frage der Logik, oder genauer: nach logischer Selbstverträglichkeit, also nach Konsistenz der Koraninterpretation als Ganzes – gepaart mit einer guten Kenntnis sich scheinbar widersprechender Quellen, die sich jedoch in Wirklichkeit gegenseitig auslegten und halfen naheliegende Auslegungen vieldeutiger Passagen zu finden.
3) Kohärenz, oder: Was findet man, wenn man nach größeren Zusammenhängen sucht?
Nun gab es auch muslimische Autoren, die weder an der Übersetzung des Wortes awliyâ als Freunde schraubten, noch versuchten über den Hinweis auf logische Selbstwidersprüche die von mir gewünschte Entschärfung des problematischen Wortlautes quasi zu erzwingen. Sie verwiesen vielmehr darauf, dass in diesem Vers zwar von Christen und Juden die Rede ist, aber nicht von irgendwelchen Christen und Juden, sondern von ganz bestimmten. Nämlich von solchen, die öffentlich den Glauben der Muslime verspotten. Ihr Argument war ganz einfach. Liest man wenige Verse weiter, dann findet man nämlich:
„Nehmt euch keine Freunde von denen, die über euren Glauben spotten und scherzen, sei es von denen, denen die Schrift vor euch gegeben wurde [also Juden und Christen – HT], oder von den Leugnern.“ (5:57)
Dies ist ein ähnlicher Wortlaut wie der aus 5:51, aber hier findet man eine entscheidenden Erläuterung, nämlich, dass man die Verspotter des islamischen Glaubens aus den Reihen der Christen und Juden nicht zum Freunden nehmen soll. Wenn ohnehin alle Juden und Christen zu meiden wäre, dann wäre das zusätzliche Kriterium in diesem Vers überflüssig.
Wenn man also (zusammen mit allen Islamgelehrten) annimmt, dass Koranverse nicht fertige Gesetze darstellen, sondern, dass sie inhaltlich miteinander verwoben sind und sich gegenseitig erklären, dann kann man selbst noch so eindeutig klingende und problematisch anmutenden Verse systemimmanent verständlich machen und dadurch gegebenenfalls entschärfen. Dies entspricht gerade dem Einbezug des siyâq eines Verses, das heißt seines gesamten textuellen Kontextes, wie es bereits in der klassischen Theorie der Koranexegese zum adäquaten Koranverstänis verlangt wird. Wenn man Sure 5:51 und 5:57 als Einheit liest, dann steht da also (rein sinngemäß):
„Nehmt euch nicht Juden und Christen zu Freunden… jene Juden und Christen, die über euren Glauben spotten und scherzen.“
Eine solche Verse verschränkende Lesart ist keine modernistische Erfindung. Um das zu erläutern sei mir hier ein kurzer Ausflug in meine Lieblingswissenschaft unter den klassischen islamischen Wissenschaften gestattet:
Exkurs: Wie die klassische islamische Rechtsmethodologie Freundschaften rettet
Die Methodologie des klassischen islamischen Rechts (usûl al-fiqh) thematisiert ausführlich die Verwendung menschlicher Sprache und analysiert die Weisen von Wortverwendungen. Nicht einmal im „orthodoxesten“ Islam ist Platz für die vulgäre Bulldozerhermeneutik der Islamkritiker, die versuchen uns mit isolierten Koranversen Beulen einzuhämmern.
So wurde im usûl al-fiqh vor über tausend Jahren festgehalten, dass es Begriffe gibt, die via bestimmtem Artikel Universalität implizieren (al-'âmm) wie in unserem Beispiel die Formulierung die Juden und Christen (al-yahûd wa an-nasârâ). Die reine Formulierung scheint zunächst alle Juden in Raum und Zeit zu betreffen, also auch meine christlichen Freunde im Jahre 2011 in Stuttgart. Jedoch – und das kann man nur den einsichtigeren unter den Islamkritikern und religiösen Fundamentalisten klarmachen – kann eine solche formale Universalität semantisch drastisch eingeschränkt werden (takhsîs al-'âmm).
Wie erkennt man so etwas?
Laut den usûl-Gelehrten kann diese Einschränkung durch einen unmittelbaren Hinweis im Vers selbst erkannt werden (al-mukhassis gayr al-mustaqil), oder durch einen unabhängigen Hinweis außerhalb des Verses (al-mukhassis al-mustaqil). Da in unserem Vers 5:51 kein klarer Hinweis im Vers selbst vorzuliegen scheint, suchen wir also weiter nach einem unabhängigen „Umfangseinschränker“ (al-mukhassis al-mustaqil).
Was könnte nun so mächtig sein, das es eine scheinbar universell gemeinte Aussage Gottes einzuschränken vermag? Das sagen die Gelehrten dazu:
a) zwingende Argumente der Vernunft (al-‘aql) – man höre und staune, und bemitleide die Einfalt der Islamkritik!
b) Gewohnheit in der Verwendung des Begriffs (al-‘âda) – dazu muss man von Sprachpragmatik, d. h. der Verwendungsweise von Sprache überhaupt eine gewisse Ahnung haben, z. B. welche ungeschriebenen Regeln der Sprache es in diversen Kontexten gibt.
c) ein anderer rechtlich relevanter Text (an-nass) – also weitere erklärende Koranverse oder gesicherte Hadithe. Das heißt: Man sollte u. a. eine etwaige Ahnung von den restlichen 6347 Versen des Korans haben, ehe man vom universell wirkenden Wortlaut eines Verses auf einen allumfassenden Bedeutungsumfang schließt und seltsame Weltanschauungen formuliert, die der Autor des Korans gar nicht im Sinn hat.
Diese letzteren erklärenden heiligen Texte aus c) können dabei unmittelbar dem zu erklärenden Vers folgen (mawsul) oder sich ganz woanders im Koran befinden (munfasil).
Wenn ich also plausibel machen kann, dass die Formulierung die über euren Glauben spotten und scherzen (alladhîna attakhadhu dînakum huzuwan wa la’iban) aus 5:57 der mukhassis mustaqil (unabhängiger Bedeutungseinschränker) der Formulierung die Juden und Christen von 5:51 ist, dann habe ich eine womöglich gültige Koranauslegung vorgelegt.
Das heißt: Das islamische Offenbarungskonzept setzt eine Sprachphilosophie voraus, in der universell formulierte Wortlaute durch Texte, die an ganz anderen Stellen formuliert worden sind, erklärt und eingeschränkt werden können. Das liegt in der Natur der gesprochenen Sprache und seiner Situationsbezogenheit, die im Offenbarungszeitraum keine grundsätzliche Verständnisschwierigkeit darstellte, da die ersten Adressaten des Korans wussten, um wen oder was es in den Versen ging. Wenn man will, kann man an dieser Stelle auf eine These aus der modernen Koranhermeneutik Bezug nehmen, die erklärt, warum der Koran so viele sich scheinbar widersprechende Formulierungen hat: Weil der Koran nämlich gar nicht als Buch konzipiert ist, sondern als Rede, die sich unmittelbar an einen ganz konkreten Kreis von Hörern richtete, die verstanden, was gemeint war. Unsereiner muss das Gemeinte womöglich mühsam rekonstruieren. Die klassischen Gelehrten sagen dazu, dass die eigentlich verbindlichen Normen des Islams nicht unmittelbar im Text stehen, sondern diesen methodisch entnommen werden müssen (instinbât). Dazu gibt es die klassischen islamischen Wissenschaften. Und es gibt moderne Versuche von Texterschließung, und schlicht und ergreifend die Verstehensregeln der blanken Vernunft. Ich halte sie alle für wichtig und wertvoll.
Verlassen wir nun wieder die klassische Rechtswissenschaft und kommen zum dritten Fazit meiner Suche:
Es war die Forderung nach gegenseitiger logischer Abhängigkeit, also nach Kohärenz, mit der man den einen Vers als Auslegung bzw. Einschränkung eines anderen Verses lesen konnte, insbesondere, wenn die Verse zum selben Abschnitt gehörten und somit als zusammenhängend verstanden werden konnten – allesamt hermeneutische Techniken, die in der klassischen Koranauslegung längst bekannt und systematisiert waren.
4) Reduktion oder: Findet jemand das eigentliche Fundamentalprinzip?
Der Koran behauptet mehrmals von sich in irgendeinem Sinne vollständig und vollkommen zu sein. Das mutet in Anbetracht der sprunghaften und bruchstückartig wirkenden Struktur vieler Suren zunächst vielleicht unverständlich an. Versteht man diese Aussage nicht im Sinne einer islamrechtlichen, sondern einer Art logischer Vollständigkeit, dann erweist sie sich doch als sehr fruchtbar. Unsere Arbeitshypothese würde dann wie in Punkt 3 lauten:
Der Koran enthält bei aller Vielfalt nicht nur einzelne, sich stellenweise ergänzende oder erläuternde Aussagen, sondern diese lassen sich logisch zu einem zusammenhängenden, das heißt kohärenten Sinngefüge zusammenführen.
Die Kohärenz muss der Ausleger selbst herstellen um auf die eigentlichen relevanten Bedeutungen des Koran zu stoßen.
Richtig schön wird ein kohärent gemachtes Gefüge an Sätzen jedoch erst, wenn sich Fundamentalprinzipien ausmachen lassen, die die große Vielfalt auf einfach Grundsätze zurückführen. Das heißt: Wenn ich bei einer Menge von Sätzen einen finde, der alle anderen in einem bestimmten Sinne beinhaltet (also impliziert), dann kann ich meine eigentliche Arbeit anhand dieses besonderen Satzes fortführen. Denn die anderen Sätze liefern ohnehin keine grundsätzlich neue Informationen, sondern stellen lediglich Anwendungen und Beispiele des allgemeineren Grundprinzips dar. Diese besonderen verallgemeinerten Sätze nenne ich hier einfach mal Fundamentalprinzipien. Bei einem so komplexen Gefüge wie dem Islam wird man das ganze praktische Gedankengebäude vielleicht nicht auf einen einzigen fundamentalen Satz zurückführen können (bzw. wir verfügen nicht über die Kompetenz dazu), aber es lässt sich dennoch sicherlich eine abzählbare Anzahl besonderer Sätze der beschriebenen Art ausmachen.
Findet man also zum Vers „Nehmt euch die Christen und Juden nicht zu awliyâ“ womöglich eine Stelle im Koran, die das fundamentale Prinzip dahinter erläutert? Oder ist dieser Vers selbst schon ein Fundamentalprinzip, also wesentlich für den Islam, wie viele Islamkritiker behaupten? Die gute Nachricht: Es gibt eine Stelle, die diese Frage in aller nötigen Deutlichkeit zu Ungunsten der Islamkritiker beantwortet:
"Vielleicht lässt Gott zwischen euch und denen von ihnen, die euch feind sind, Freundschaft/Liebe [arab.: mawadda - HT] entstehen. Gott ist mächtig und Gott ist verzeihend, barmherzig.
Gott verbietet euch nicht, gegen die gütig und gerecht zu sein, die euch nicht wegen eures Glaubens bekämpft oder aus euren Häusern vertrieben haben. Gott liebt fürwahr die gerecht Handelnden.
Gott verbietet euch nur, mit denen Freundschaft zu schließen, die euch des Glaubens wegen bekämpft oder euch aus euren Wohnungen vertrieben oder euch aus euren Wohnungen vertrieben oder bei eurer Vertreibung geholfen haben. Wer mit ihnen Freundschaft schließt, tut Unrecht." (60:7-9)
Diese Passagen stammen (glücklicherweise!) aus der kriegerisch aktiven medinensischen Zeit des Propheten, vermutlich aus dem siebten oder achten Jahr nach dem Auszug der Muslime nach Medina (der Prophet ist im 11. Jahr nach der Hedschra gestorben). Wir haben es hier also nicht mit einer Passage aus der mekkanischen Phase zu tun, in der die Muslime generell nicht kämpfen durften. Viele Islamkritiker glauben inbrünstig, dass die friedlichen Verse aus Mekka von prinzipiell kriegerischen Versen der medinensischen Phase abrogiert, d. h. für die Praxis aufgehoben seien. Und sie reagieren aggressiv, wenn man ihnen widerspricht (das gilt nicht für die Seriösen unter den Islamkritikern).
Aber hier haben wir es nicht nur mit einer relativ späten Passage aus Medina zu tun, sondern sie ist auch noch im Kontext des Krieges mit den Götzendienern aus Mekka formuliert. Einer Überlieferung zufolge wollte eine Mutter der Frauen des Propheten, die eine Götzendienerin war, ihre Tochter sehen. Dieser Vers gab dazu die Erlaubnis und erklärte, dass der zu bekriegende Feind nicht einfach der Nichtmuslim ist, sondern der Nichtmuslim, der Muslime bekämpft und aus ihren Wohnhäusern vertreibt bzw. diese Vertreibung aktiv unterstützt, also der militärische Aggressor.
Diese Verse erläutern nicht nur, wann und warum ein Krieg gegen Andersgläubige legitim sein kann, sondern sie klären auch, wann genau eine Freundschaft mit Andersgläubigen verboten ist: nämlich wenn der Andersgläubige mich wegen meines Glaubens bekriegt, mich aus meiner Wohnstätte vertreibt oder den Vertreibern dabei behilflich ist.
Mit dieser Einschränkung kann doch jeder vernünftige Mensche und jede pluralistische Gesellschaft hervorragend leben!
Interessant ist auch, dass in der Formulierung „Gott verbietet euch nur, mit denen Freundschaft zu schließen…“ für das Schließen der Freundschaft eine verbale Abwandlung des Begriffs awliyâ vewendet wird (an tawallavhum). Das war gerade jenes Wort, das im ersten Auslegungsvorschlag eine brisante Rolle gespielt hatte und durch Vergleich mit anderen möglichen Wortbedeutungen relativiert wurde. In der hier diskutierten Passage aus Sure 60 wird diese Brisanz durch den sehr dichten Differenzierungsvorgang aufgehoben ohne auf Bedeutungsalternativen wie unter 1) zurückgreifen zu müssen. Unter 3) musste man in Sure 5 einen Abschnitt von ca. 7 Versen zusammen betrachten, um zu einer ähnlichen Entschärfung zu gelangen. Diese Stelle hier liefert wiederum eine umittelbare Klärung innerhalb weniger Zeilen.
Hier in Sure 60 wurde als Hinderungsgrund für Freundschaften die militärische Aggression des Gegenübers ausgemacht. Dort in Sure 5 wiederum war es die öffentliche Verspottung des Glaubens der Muslime, die einer Freundschaft im Wege standen. Das leicht unterschiedliche Abgrenzungskriterium von Freund und Feind erklärt sich durch den Offenbarungszusammenhang: Im einen Fall (Sure 60) lag bereits ein Kriegszustand vor, und die Differenzierung bezog sich entsprechend auf diesen Kontext. Im anderen (Sure 5) Fall hingegen wird kein aktueller Kriegszustand vorausgesetzt, wodurch sich ein feinerer Kontext der Differenzierung ergibt. Dennoch kann die Passage aus Sure 60 als die grundlegendere aufgefasst werden, da sie die roten Linien unter extremeren Bedingungen und zugleich differenzierter gezogen hat.
Wir haben hier übrigens noch mehr gezeigt, als wir ursprünglich zeigen wollten: Denn der Vers 60:9 spricht klar aus, dass selbst eine Freundschaft mit friedlichen und gut gesinnten Götzendienern nicht verboten ist. In ihm heißt es ja: "Gott verbietet euch nur, mit denen Freundschaft zu schließen, die euch des Glaubens wegen bekämpft [haben]..." Da es in Sure 60 ja gerade um Götzendiener geht, kann ich mich unter Berufung auf diesen Vers also vorwagen und die Vermutung äußern, dass der Autor des Korans auch Freundschaften mit den Götzendienern unter den genannten Bedingungen nicht verbieten wollte. Hinter den drastischen Einschränkungen bezüglich der Nichtmuslime im traditionellen Islamkozept stehen andere Mechanismen als der Koran.
Dieser Aspekt ist wichtig, da wir es in unserer Gesellschaft nicht nur mit Christen und Juden, sondern auch mit Atheisten, Agnostikern und Angehörigen anderer Religionen zu tun haben. Diese sind natürlich in der Regel keine Götzendiener. Jedoch ist der Vergleich mit den Götzendienern wichtig, da diese auch nicht zum Volk der Schrift gezählt werden können und damals sogar die Hauptfeinde des Islams waren. Wenn selbst mit diesen unter Bedingungen des Friedens und des Respekts Freundschaften nicht verboten sind (60:9), dann sind diese im Kontext von ethisch aufrichtigen Agnostikern und Atheisten sicherlich auch nicht verboten. Ich weiß, dass es hierfür aus theologischen und historisch-politischen Gründen weniger koranisches Beweismaterial gibt. Aber das, was vorliegt, reicht aus, um wenigstens den ersten Schritt in diese Richtung zu begründen. Ich weiß auch, dass das all dies für manche Leser gewagt klingen muss - aber ich habe unkomplizierte Argumente dafür, die ich hier zur Diskussion stelle. Ein Blick in den Alltag zeigt, dass mein Szenario ein durchaus realitätsnahes und im Regelfall unproblematisches ist, sofern man nicht darauf besteht eine Gesellschaft nach der Vorstellung der klassischen Rechtsgelehrten zu schaffen.
Weitere Aspekte zum historischen Status von Nichtmuslimen in der Systematik der Rechtsgelehrten und meiner Kritik daran, und Fragen zum Zusammenleben in der säkularen, pluralistischen Gesellschaft will ich zu einem anderen Zeitpunkt erörtern. Vorerst reicht es unser zentrales Ergebnis zusammenzufassen:
Echte Freundschaft mit Nichtmuslimen ist dann verboten, wenn letztere mich (bzw. meine Nächsten) zu Unrecht auf eine entwürdigende Weise demütigen, bekämpfen oder mich wegen meines Glaubens verfolgen und vertreiben.
Die nächste Aufgabe wäre es nun zu zeigen, dass alle Koranpassagen zum Verhältnis zu Andersgläubigen mit diesem Fundamentalprinzip kohärent gemacht werden können. Da ich in diesem Text versucht habe auf die fundamentalsten Aussagen im Koran zurückzugreifen, begnüge ich mich hier mit dem Hinweis darauf, dass die hier dargestellten kohärentistischen Methoden stetig auf dem Koran fortgesetzt werden können.
Es sei noch warnend angemerkt, dass es durch die Bemühung intepretatorischer Techniken immer möglich ist einen Text auf einen bestimmten Sinn hin kohärent zu machen – jedoch gibt es nur wenige Möglichkeiten einen Text auf einfache und natürliche Weise, also ohne ständige Zusatzannahmen und Ausnahmen und unbeweisbare Abrogationsbehauptungen kohärent zu machen. Ich behaupte, dass die grundsätzlich problematisch wirkenden Passagen des Korans auf eine einfache und natürliche Weise auf plausible und annehmbare Fundamentalprinzipien hin kohärent gemacht werden können, so wie ich es hier vorgeführt habe. Es bleiben in jedem Interpretationsansatz, auch in denen der klassischen Gelehrten, Koranstellen, mit denen man sich schwerer tut – durch bloßen Verweis auf schwierige Stellen wird der von mir vertretene kohärentistische Ansatz also keineswegs widerlegt. Die Frage lautet nur: Welche Auslegung ist die plausibelste und lässt sich mit dem restlichen Text am besten vereinbaren? Und ja: Ich vermute, dass wir hier die plausibelste und universalisierbarste Deutung gefunden haben.
Das heißt: Jene, die die hier diskutierten Koranverse nicht wie ich, sondern als prinzipielles Freundschaftsverbot mit Juden und Christen auslegen, finden auch Argumente für ihre Sichtweise. Jedoch geraten diese in viel größere Widersprüche und Spannungen im Text, als es der hier vorgestellte Ansatz tut. Alleine schon die Erlaubnis Jüdinnen und Christinnen ohne Konversionsdruck zu heiraten macht die freundschaftsfeindliche Lesart des Korans unglaubwürdig.
Es ist also das Ausfindigmachen von fruchtbaren Fundamentalprinzipien im Koran, die die anderen Verse implizieren bzw. erläutern, womit Unklarheiten beseitigt und problematische Stellen völlig koranintern entschärft werden können. So wird eine inhaltliche Reduktion einzelner Aussagen auf allgemeinere Prinzipien möglich. Dies setzt natürlich eine gute Kenntnis des gesamten Textes und seiner Interpretationsmöglichkeiten voraus.
5) Schließlich: Das pragmatistische Geständnis
Nun haben wir viel über Koranauslegungen diskutiert. Ich habe versucht plausibel zu machen, dass ein Muslim durchaus mit Nichtmuslimen in der alltäglichen Wortbedeutung befreundet sein kann, und dass die koranische Toleranz hierzu viel größer und weiter gefasst ist, als es auf den ersten Blick scheint. Ferner habe ich versucht plausibel zu machen, dass die eigentlichen Normen und Bedeutungen des Korans sich erst erschließen lassen, wenn man den Text mit seinen eigenen Querbezügen und unter konsequentem Einbezug des historischen Kontextes liest. Schließlich war es mir wichtig herauszuarbeiten, dass eine ganze Reihe der hierzu nötigen Auslegungstechniken zum selbstverständlichen Reportoire der klassischen islamischen Wissenschaften gehört. Auch wenn die klassischen Gelehrten in manchen Punkten zu anderen Ergebnissen kommen, als wir: Die meisten hier und heute scheinbar problematischen Aussagen des Korans lassen sich durch Verweis auf den Koran selbst lösen, und die klassischen islamischen Wissenschaften geben uns wichtige Hinweise, wie das auf eine islamisch vertretbare Weise möglich ist.
Die hier vorgestellte Argumentation gipfelte im Versuch jene Verse des Korans ausfindig zu machen, die als Fundamentalprinzipien gelten können, weil sie die restlichen koranischen Aussagen implizit beinhalten. Und sie endete in der Feststellung, dass diese Fundamentalprinzipien viele scheinbare Probleme auf rational nachvollziehbare Weise differenzieren und schließlich lösen.
Aber:
Ich möchte ehrlich sein. Der tiefer liegende Grund, warum ich mit Nichtmuslimen faktisch Freundschaften schließe, ist wahrscheinlich keines der Argumente, die ich dargelegt habe, ja nicht einmal die Gesamtheit dieser Argumente.
Vielmehr ist es wohl die Tatsache, dass ich mit diesen Menschen aufgewachsen bin. Dass ich als kleines Kind mit ihnen im Kindergarten Lieder gesungen und gespielt habe. Dass ich bei ihnen als Kind daheim willkommen war, und dass sich selbst ihre Eltern Zeit für mich genommen habe. Dass ich durch sie die Welt der Büchereien, der Computer und der Wissenschaften entdeckt habe. Dass ich mit ihnen durch Dick und Dünn gegangen bin, in der Pubertät und darüber hinaus. Dass sie für mich da waren, wenn ich sie gebraucht habe, so wie auch viele Muslime für mich da waren, als ich sie gebraucht habe. Dass ich durch sie mit Philosophie, mit Musik und mit theoretischer Physik vertraut wurde. Dass wir gemeinsam gelacht und gesungen haben, dass wir philosophiert und gestritten haben. Dass ich durch sie gelernt habe meinen Glaube sowohl aus einer Innen- als auch aus einer Außenperspektive zu betrachten. Dass ich erkannt habe, dass jedem sein Gewohntes als das Naheligendste und Selbstverständlichste erscheint. Dass folglich Nichtmuslime nicht automatisch bösartige Leugner einer offensichtlichen Wahrheit sein müssen, sondern dass die meisten von ihnen unter völlig anderen Eindrücken aufgewachsen sind als ich, sodass es gänzlich nachvollziehbar wird, dass sie sich in ihrem Leben anders entwickeln als ich. Schließlich ist es die Tatsache, dass ich in allen Phasen meines Lebens die Erfahrung gemacht habe, dass Nichtmuslime manchmal die besseren Muslime sein können.
Und was ist nun die folgerichtige menschliche Antwort auf Gutes, das einem von seinem Mitmenschen wiederfährt?
„Soll der Lohn des Guten anders als Gutes sein?“ (Sure 55:60)
Das sind meine biografischen Gründe für meine Freundschaften mit Nichtmulimen. Diese waren erst der Auslöser dafür, dass ich mir die Mühe gemacht habe mich in dieser Hinsicht auch durch die Theorie des Islams zu arbeiten. Aber läuft das nicht immer so im Leben? Ich rate jedem in dieser Hinsicht dazu ehrlich zu sein und nicht den falschen Eindruck zu verbreiten, dass wir alles, was wir tun, nur tun, weil es der Islam das genau so von uns möchte. Bei vielen - aber nicht allen - Dingen ist es vielmehr so, dass wir etwas tun wollen und uns quasi nachträglich erst versuchen theoretisch abzusichern.
Das bedeutet aber nicht, dass sich jeder alles so zurechtbiegen soll, wie er möchte. Denn wer so vorgeht, betrügt sich letztlich nur selbst. Ein solches Verhalten, also die bewusste Übergehung, Verdrehung oder Leugnung von etwas Offensichtlichem, ist eines der Dinge, die mit einem aufrichtigen Glauben wohl für immer unvereinbar bleiben werden.
Vielmehr sollte der innere Wunsch nach etwas im Leben zum Anlass genommen werden sich ausführlicher mit der Theorie zu befassen. Und hinterher sollte man ehrlich genug sein um sich einzugestehen, wo die Vereinbarung klappt, und wo sie offensichtlich nicht klappen kann. Wie man dann letztlich leben will, ist nochmals eine andere Frage.
Ich danke Gott dafür, dass er mir die Möglichkeit gegeben hat mich diesem fundamentalen Thema zu widmen und zu einem positiven Ergebnis zu kommen. Ich hätte dabei auch scheitern können - und hätte dann mein positives Verhältnis zu den Deutschen um mich herum wahrscheinlich trotzdem fortgeführt, allerdings mit einem weinenden Auge, also in dem Bewusstsein, dass meine Religion diese Freundschaften eigentlich verbietet.
Doch meine Auseinandersetzung mit dem Koran hat mich zu dem Punkt gebracht, dass ich glaube im Punkt Freundschaften mit Nichtmuslimen auch islamisch auf der richtigen Linie zu liegen. Natürlich ist dies hier nur eine kurze Abhandlung und bedarf eigentlich einer noch viel umfassenderen Analyse. Aber um genau dies im Laufe der Jahre zu bewerkstelligen habe ich ja begonnen diesen Blog zu führen.
Nunmehr bleibt mir nur noch darauf hinzuweisen, dass das hier Dargestellte nicht beansprucht eine Art fatwa zu sein. Ich stelle hier lediglich die Argumente vor, nach denen ich teilweise lange gesucht habe, und die vielleicht dem einen oder anderen nützen können. Wie ich jedoch dargestellt habe, glaube ich zwar, dass diese Argumente gültig sind, dass ich jedoch auf diese erst aufmerksam geworden bin, weil ich nach einem islamischen Fundament für eine innere Überzeugung gesucht habe.
Insofern gebe ich wie gesagt gerne und offen zu, dass bei mir der Wunsch der Vater des Gedankens war. Aber das ist insofern unproblematisch für mich, als dass ich ja schließlich die guten Argumente gefunden habe. Die Geltung (Wahrheit) dieser Argumente hängt also nicht von ihrer Genese (Entstehungsgeschichte) ab. Das wäre wieder eine meiner Arbeitshypothesen.
Von daher kann die pragmatistische Erkenntnis lauten: Es gibt im Leben meist vorreligiöse Entscheidungen, die die anschließende Sichtweise auf die Religion vorprägen. Je nachdem wie diese Vorentscheidungen ausfallen, kann die logisch spätere Religion diese Sichtweise mal mehr, mal weniger bestätigen. In jedem Fall gilt, dass man den Mut haben sollte seinem inneren Gefühl vorerst mal Vertrauen zu schenken und beim anschließenden Studium der Religion hartnäckig genug zu sein um bis zum Ende durchzuhalten und sich nicht von Nachplapperern und Betonköpfen entmutigen zu lassen.
Ich wünsche allen religiösen Muslimen, dass sie nicht erst lange suchen müssen, um auf Antworten zu stoßen, auf die man auch selbst kommen könnte, wenn man etwas mutiger und beharrlicher wäre. Dazu müssen wir jedoch die gesamte islamische Geisteskultur auf Vordermann bringen und dem Endverbraucher einfacher zugänglich machen - und das ist eine Menge Arbeit.
Noch ein Hinweis für die um Integration bemühten Leser: Damit eine Integration der Muslime in Deutschland besser gelingt, müssen wir nicht erst alle durch die hier dargestellte Theorie. Es ging mir hier nur um den Nachweis, dass man eine Freundschaft mit Nichtmuslimen systematisch und fundiert mit dem Koran in Einklang bringen kann. Diese Art des theoretischen Vorgehens ist für den theoretisch interessierten Muslim und Nichtmuslim interessant. Für alle anderen, also die erdrückende Mehrheit, reicht die zwischenmenschliche Begegnung in der Wirklichkeit da draußen und die Beachtung der ganz gewöhnlichen Regeln des respektvollen Miteinanders. Das bewegt viel mehr als eine noch so fundierte Koranauslegung.
In diesem Sinne, vesselâm und einen gesegnete zweite Hälfte des diesjährigen Ramadan...
„Preis sei Dir, wir haben nur Wissen von dem, was Du uns lehrst; siehe, du bist der Wissende, der Weise…“ (2:32)
(Eine Fortsetzung mit einer Antwort auf Einwände folgt, sobald mich wieder die Schreibwut packt)
- Allgemeines
- Arif
- Bildung
- Christentum
- Denker
- Erziehung
- Fundamentalismus
- Geisterstunde
- Geschlechter
- Identität
- Inspirationen
- Integration
- Islam
- Islamkritik
- Islamisches Leben
- Islamisches Recht
- Judentum
- Koran
- Koranische Kosmologie
- Kunst
- Kurzgeschichte
- Menschenrechte
- Musik
- Philosophie
- Sinn des Lebens
- Terrorismus
- Theologie
- Türkçe
- Türkei
- Türken
- Weltpolitik
- Wissenschaft
Kommentare (22)
"Echte Freundschaft mit Nichtmuslimen ist dann verboten, wenn letztere mich (bzw. meine Nächsten) zu Unrecht auf eine entwürdigende Weise demütigen, bekämpfen oder mich wegen meines Glaubens verfolgen und vertreiben." Wer würde eine Freundschaft eingehen mit jmd., der ihn demütigt und bekämpft? Wenn dies die Quintessenz ist, die man aus den Koranversen ziehen kann, dann bedeutet dies, dass der Koran an unterschiedlichen Stellen mehrdeutige oder zumindest interpretationswürde Aussagen macht, die letzlich aber in ihrer Bedeutung (wie sie in diesem Artikel erarbeitet wurde) völlig banal sind "Nehme dir keinen Freund, der dich verachtet und dir schaden will"...
Mich würde interessieren zu welchen Sinn und Zweck man sich damals einen Wali gesucht hat und mir dann überlegen, welche Art von Beziehungen in der heutigen Zeit diese Funktion übernehmen.
"Wer würde eine Freundschaft eingehen mit jmd., der ihn demütigt und bekämpft?"
Mann muss das vor dem Hintergrund der Entstehungsgeschichte des Islams betrachten. Die Muslime waren in Mekka aufgrund ihres Glaubens nicht mehr willkommen. Die Situation, die bis zu Verfolgung und Folter der Muslime führte, erhöhte die Wahrscheinlichkeit, dass die noch sehr junge und kleine Gemeinde dem Druck nicht mehr standhält und zerfällt. Mekka stand den Muslimen für eine lange Zeit als mächtiger Widersacher gegenüber, der die neue aufrührerische Religion am liebsten vernichtet hätte. Die Religion war neu, die Gemeinde unerfahren, und die Fortexistenz alles andere als gesichert. In diesem Kontext hat der Koran die Muslime zu einer starken Loyalität untereinander und zu einer Distanzierung von allen Kreisen aufgerufen, die in irgendeiner Form strategisch mit Mekka gegen die Muslime kooperierten, oder ihre Feindschaft gegenüber die Muslime kundtaten. Die Verführung dem mächtigen Feind Zugeständnisse zu machen, war nicht zu unterschätzen: Es ist überliefert, dass Muslime in Medina Mekkanern Briefe schrieben, um sie über das weitere Vorgehen der Muslime im Krieg mit Mekka zu informieren. Solche Risiken galt es zu unterbinden.
Da der Grund der Vertreibung der Muslime aus Mekka offensichtlich ihr Glaube war, verwendet der Koran in manchen Passagen das Wort "die Leugner" geradezu synoym mit "die Feinde". Der Gesamtzusammenhang zeigt, dass diese Gleichsetzung allein der Tatsache geschuldet war, dass es eben gerade sie waren, die den Islam bekämpften. Die muslimische Gemeinde beharrte unter der Führung des Propheten jedoch auf ihrer politischen und theologischen Souveränität und ihrer Entschlossenheit gegenüber allen Bedrohungen, was dem Islam einen kämpferischen Charakter verlieh und hinter den polemisch wirkenden Passagen des Koran steht. Bei all dem hat der Koran nicht versäumt zu klären, dass er die generelle Bereitschaft zu Frieden und Freundschaft nicht aufgibt, sondern nur von der Abwesenheit einer militärischen Bedrohung abhängig macht. Das wollte ich in meinen Text ausarbeiten.
In friedlichen, durch Verträge bzw. Verfassungen stabilisierten Zuständen entfällt dieser Kontext. Beim Vorliegen dieser Zustände erscheinen manche koranischen Aussagen hier und heute unnötig polemisch, ja feindselig. Sie haben jedoch zu ihrer Zeit eine wichtige Rolle bei der Entstehung des Islams, der Sicherung seiner unabhängigen Fortexistenz und der Schaffung einer souveränen islamischen Identität gespielt. Wenn wir diese Passagen heute nicht in ihren textuellen und historischen Kontexten verstehen, verstehen wir sie falsch. Mir ist es wichtig herauszuarbeiten, welche normativen Konsequenzen der Koran unter den Bedingungen einer modernen Demokratie wie hier in Deutschland hat. Diese Bedingungen sind nicht im Entferntesten mit denen in Mekka oder Medina zu Zeiten des Propheten vergleichbar. Das Ergebnis ist ausgesprochen positiv und widerlegt die ideologischen Schreckensszenarien.
Zu vali: Unter Punkt 1) habe ich einige Möglichkeiten genannt. Es ist wohl die Schnittmenge dieser Begriffe. In meinem Text ging es um die Frage, ob Muslime mit Nichtmuslimen befreundet sein können, oder ob sie sich weitgehend von diesen distanzieren müssen.
Der Beitrag "Darf sich ein Muslim Juden und Christen zu Freunden nehmen?"
hat mir sehr gefallen - Ich wünsche Ihnen einen gesegneten Ramadan und vielen Dank für Ihre Mühen!
Friede Sei mit Ihnen
Erdinc
Vielen Dank Erdinç!
Ihnen auch noch einen gesegneten Ramadan.
Ein sehr schöner Beitrag. Zu obigem Kommentar würde ich noch anmerken, dass es durchaus solche Freundschaften gibt. Wir kennen das unter dem Phänomen "Gruppenzwang".
Merhaba Akif,
schön dich hier zu lesen! Freut mich, dass der Text dir gefällt. Deinen Hinweis finde ich sehr gut. Das wäre dann wohl eine Übertragung des allgemeinen Prinzips "Keine Freundschaft mit Demütigern" auf eine realistische Situation: Das käme dann der Aufforderung gleich Kreise zu meiden, in denen man gewohnheitsmäßig für seine Identität gedemütigt wird, oder wo man von einer Gruppe als "nützlicher Idiot" für diverse Zwecke missbraucht wird.
Salam Hakan,
ich gehöre mittlerweile zu den ständigen Lesern deines Blogs ;)
Hallo Hakan,
das Ergebnis deiner Ausführungen empfinde ich persönlich als sehr positiv und erfreulich. Nur habe ich das Gefühl, dass hier die Aussagen aus dem Koran im Sinne einer Ethik der Aufklärung und Toleranz verstanden werden "wollen".
3 Aspekte hierzu:
Das Argument der Ehe mit Christinnen und Jüdinnen wird durch die Tatsache, dass Muslimas, die Ehe mit Christen und Juden strengst untersagt ist, zumindest abgeschwächt.
Viele Muslime sehen sich (auch in Europa) im Zustand des "Dar-ul-harb". Wie kann man von Frieden sprechen, wenn die "Umma" bedroht ist durch Konflikte wie Irak, Tschetschenien, Uigurien, Afghanistan, Israel etc...?
"In friedlichen, durch Verträge bzw. Verfassungen stabilisierten Zuständen entfällt dieser Kontext." ->Ist das aus der Perspektive der Umma wirklich hier der Fall?
Gut, gehen wir davon aus, dass wir uns nicht im Dar-ul-harb befinden. Wir haben friedliche, durch Verträge bzw. Verfassungen stabilisierte Zustände. Als Muslim freut man sich und pflegt weiterhin seine sehr guten Freundschaften zu Nicht-Muslimen. Muss man diesen aber nicht ehrlicher weise eröffnen, dass im Fall eines Konflikts, im Falle eines "Kampf des Kulturen", ihnen die Freundschaft gekündigt werden muss und sie nicht auf ihren muslimischen Freund zählen dürfen. Kann es aufrichtige Freundschaft unter solchen Bedingungen überhaupt geben?
Ich denke nicht, dass wir uns in einem dar-ul-harb befinden, noch denke ich, dass man sich als erwachsener Mensch Freundschaften verbieten lassen darf. Aber so wie ich es als bedenklich empfinde Koran-Passagen aus dem Kontext zu reißen, um zu beweisen, dass der Islam „böse“ ist. Genauso kritisch sehe ich es, wenn man versucht einen historischen Kontext zu konstruieren, um unangenehme unethische Aussagen zu rechtfertigen. Ich denke es gibt tatsächlich einen Kontext, der relevant ist für das Zusammenleben von Menschen: der Kontext der Aufklärung, der Menschenrechte und des gesunden Menschenverstands. Das ist denke ich auch der Kontext dieses Blogs, deshalb bin ich auch ein begeisterter Leser! Vielen Dank für die vielen interessanten Artikel!
@paranoid
"Das Argument der Ehe mit Christinnen und Jüdinnen wird durch die Tatsache, dass Muslimas, die Ehe mit Christen und Juden strengst untersagt ist, zumindest abgeschwächt."
Eigentlich wird das Argument nicht abgeschwächt, weil wenn es so wäre wie Du schreibst, auch die Ehe mit Christinnen und Jüdinnen nicht gestattet wäre. Aber auch im ersten Fall braucht es eine emotionale Bindung.
Übrigens wird im Koran die Ehe mit Muslimas und Christen/Juden gar nicht thematisiert, schon gar nicht verboten. Das hat später die Tradition gemacht, was wohl mehr auf rationalen Erwägungen geschah im Hinblick auf die Demographie und der Konsolidierung der eigenen Identität. Das ist etwas historisches. Meiner Meinung nach falsch, aber leider die Mehrheitsmeinung.
"Viele Muslime sehen sich (auch in Europa) im Zustand des "Dar-ul-harb". Wie kann man von Frieden sprechen, wenn die "Umma" bedroht ist durch Konflikte wie Irak, Tschetschenien, Uigurien, Afghanistan, Israel etc...?"
Das ist erstmal ein Gebot der Menschlichkeit, das man sich darüber empört. Dazu muss man kein Muslim sein. Ich erwarte das auch von Dir. Das viele das nicht machen sagt eben mehr über sie aus als über die Muslime. Aber was macht das für einen Unterschied im Alltag der Muslime? Keinen, sie gehen ihren Berufen nach. Kommen Abends nach Hause, legen sich übermüdet ins Bett und schlaffen und lassen sich wie der Rest der Gesellschaft ausbeuten. Das man deswegen überhaupt von Frieden in Deutschland resp. Europa sprechen kann ist, wundert mich sehr. Dazu braucht es keine Krisenherde in Israel oder sonst noch wo.
Das Konzept des "Dar-ul-harb" hat eher was mit dem rechtlichen Verhältnis der Muslime in einem mehrheitlich nicht-muslimischen Land zu tun, was die damaligen Gesellschaften betrifft. Das ist ein Rechtskonstrukt, das schon längst absolet geworden ist. Obwohl es heute sowas auch gibt in jedem Nationastaat, wenn Staatsbürger anderer Länder sich dort aufhalten. Dann greif internationales Privatrecht.
"Viele Muslime" zusagen ist schon sehr übertrieben, da Du diesen Muslimen ein breites Verständnis von Fiqh unterstellst, das sie gar nicht haben. Die meisten kennen sich da gar nicht aus, mal abgesehen von einem rudimentären Wissen über Speisegebote und rituellen Handlungen.
Es gibt übrigens auch keine muslimische Gegenmacht mit imperialen Anspruch, die eine gewissen Vertretungsabsicht impliziert, wie es z. B. noch im Osmanischen Reich noch war. So einen Hegemon gibt es nicht mehr und das Verständnis von Internationale Politik heute, hat das alte Verständnis längst obsolet gemacht. Da mag es noch einige geben, die laut schrein und die Einrichtung des Kalifats fordern. Aber mal abgesehen von diesen Spinnern, haben die Muslime eben andere Sorgen.
" 'In friedlichen, durch Verträge bzw. Verfassungen stabilisierten Zuständen entfällt dieser Kontext.' ->Ist das aus der Perspektive der Umma wirklich hier der Fall?"
Umma ist einfach die Bezeichnung für die islamische Gemeinschaft, ein virtuelles Verständnis. Sowie man heute Christenheit sagt. Sich die Muslime einem mit Bewußtsein ausgestatteten Hyperkollektiv namens Umma untergeordnet vorzustellen, wo jedes Individuum Sklave dieses Kollektivbewußtsein und die Muslime nur Manövriermasse eben dieser ist, ist ziemlich vermessen und arrogant. Zumal das empirisch nicht mal richtig ist.
Hakan schildert klassische Ansicht des islamischen Rechts aus einer Welt, wo es noch keine Nationalstaaten gab und sich die politischen Ordnungsvorstellungen von heute unterscheiden.
Die besagten Verträgen waren damals natürlich insofern innovativ und fortschrittlich, weil es einen Kompromiss und relativen Frieden vorsah. Es sorgte für Rechtssicherheit. Heute entfällt sowas schon aufgrund der Tatsache, das Muslim-Sein nicht mehr wie früher auch eine politische Identität war, als Staatsbürgerschaft eines islamischen Landes.
Heute sind die Muslime Türken, Araber, Afghanis usw. unterliegen dem jeweiligen internationalen Privatrecht und dem Recht der Ländern wo sie Leben.
Vielen Dank für Deinen ausführlichen Kommentar!
Leider denke ich, dass meine Fragen trotzdem noch offen sind.
Ich möchte versuchen diese klarer zu formulieren und und auf Deine Bemerkungen einzugehen.
Zunächst vorweg: Hakans Ausführungen stellen, so wie ich das sehe, eine theoretische Annäherung an das Thema dar, angelehnt an die Methodik, die auch ein Islamgelehrte anwenden würde (Analyse der sabab anuzul und der magasid). Es handelte sich nicht um eine empirische Analyse über die Stellung der 0815-Muslim zu diesem Thema. Auch ich interessiere mich für die islamische Rechtsauslegung und nicht für die Mainstream-Muslime die sich Abends übermüdet ins Bett legen (was ich übrigens auch regelmässig tue:-).
Zu deinen Bemerkungen:
"Das ist erstmal ein Gebot der Menschlichkeit, das man sich darüber empört. Dazu muss man kein Muslim sein. Ich erwarte das auch von Dir."
-> Ich habe nie behauptet, dass wir in eine friedliche Welt haben. Das war Hakan :-)
-> Wieso denkst Du, dass ich kein Muslim bin?
Zu Frage 1)
Ehe Muslima - Nichtmuslim
"Das ist etwas historisches. Meiner Meinung nach falsch, aber leider die Mehrheitsmeinung."
Frage: Das Thema finde ich sehr interessant, hast Du hier Quellen?
-> Ich habe zwei muslimische Bekannte, die seit Jahren heimlich nicht-muslime lieben und nicht wagen, diese Sünde zu begehen. Mir ist nur die Meinung wichtiger Ulama bekannt (wie z.B. Qardawi, Tantaoui etc.), die im Sinne eines Igmaa die Ehe mit Nicht-Muslimen Männern als unmöglich erachten, der Ehevertrag kann nicht mal geschlossen werden.
Zu Frage 2:
Ich teile deine Meinung, dass es so was wie die Umma im Sinne eines Kollektivbewusstseins in der Realität nicht wirklich gibt. Und das Nationalstaaten/ethnische Zugehörigkeiten, das Wir-Gefühl vielleicht eher prägen. Aber wie gesagt, mich interessiert hier die Rechtsauslegung.
Frage: Gibt es eine islamische Rechtsmeinung, die besagt Muslime befinden sich im Frieden, obwohl andere Muslime sich im Krieg befinden?
Zu Frage 3:
Egal wie die aktuelle Situation bewertet wird (Frieden, dar-ul-Harb, Krieg), sie kann sich ändern. Meine Frage dazu ist denke ich noch offen:
Frage: Muss man Nicht-Muslimischen Freunden nicht ehrlicherweise eröffnen, dass im Fall eines Konflikts, im Falle eines "Kampf des Kulturen", ihnen die Freundschaft gekündigt werden muss und sie nicht auf ihren muslimischen Freund zählen dürfen. Kann es aufrichtige Freundschaft unter solchen Bedingungen überhaupt geben?
@ paranoid & Serdar
So, jetzt mal ich, zunächst nur zu Frage 1:
Wie paranoid sagt, gilt in der islamischen Tradition die Ehe einer Muslima mit einem Juden oder Christen als verboten. Als Beweis dafür wird in erster Linie eine idschma', d. h. eine Übereinkunft der Autoritäten angeführt. Manchmal werden zusätzlich fragliche Konstruktionen wie diese bemüht:
Satz 1: "Der Koran verbietet explizit Ehen mit Götzendienern"
Satz 2: "Nichtmuslime sind in mancherlei Hinsicht wie Götzendiener"
Folgerung 1: "Folglich ist auch die Ehe mit Menschen jüdischen oder christlichen Glaubens verboten"
Satz 3: "Der Koran hat Muslimen die Ehe mit Jüdinnen und Christinnen jedoch erlaubt"
Folgerung 2: Diese Erlaubnis ist eine Ausnahmeregelung, die das universelle Verbot der Ehe mit Götzendienern bzw. Nichtmuslimen für den genannten speziellen Fall aufgehoben hat.
Folgerung 3: Da diese Erlaubnis eine Ausnahmeregelung für den Mann ist, gilt für die Muslimin weiterhin das allgemeine Verbot einer Ehe mit Götzendienern bzw. Nichtmuslimen.
Es ist klar, woran diese Argumentation schwächelt: an der unmotivierten Gleichsetzung von Götzendienern und dem Volk der Schrift in diesem speziellen Kontext. Aber diese Argumentation, der man hier und da im klasischen islamischen Recht begegnet, zeigt vor allem eines, nämlich dass es offensichtlich ein Begründungsproblem bei dem Verbot der Ehe einer Muslimin mit einem Christen gegeben hat. Das Argument ist jedoch ziemlich schwach und ich meine, dass die Übereinkunft der Gelehrten das Hauptargument darstellt.
Nun hat ein idschma' als verbindliche Rechtsquelle eine ganze Reihe von Problemen, die ich hier nicht diskutieren kann (z. B.: woher wissen wir überhaupt, dass ein idschma' vorliegt? Durch die bloße Behauptung, dass eines vorliegt? Oder gibt es Listen, auf der alle Gelehrten eines Jahrhunderts ohne Ausnahme unterschrieben haben?). Jedenfalls sollte man den Blick auf Abweichungen von der klassischen Auffassung nicht meiden, wenn man tiefer dringen will.
Es gibt zahlreiche Modernisten, die der Überzeugung sind, dass sich islamisch kein allgemeines Verbot einer solchen Ehe begründen lässt. Sie verweisen darauf, dass der Koran zwar nicht explizit die Ehe einer Muslimin mit einem Christen erlaubt hat, aber diese auch nicht verboten hat. Wenn man nun den idschma für historisch bedingt und seine patriarchalen Voraussetzungen ("Mann dominiert Ehe") in der freiheitlichen Demokratie als überholt ansieht und zudem am Prinzip festhält, dass alles erlaubt ist, was nicht verboten ist, dann folgt daraus, dass auch die Ehe einer Muslimin mit einem Christen zumindest im Prinzip erlaubt sein kann.
Nun haben viele Modernisten leider den Ruf alles legalisieren zu wollen, was der klassische Islam verbietet, außer den Dingen, die auch die moderne Gesellschaft für verpönt hält. Auf einige von ihnen trifft dieser Vorwurf vielleicht sogar zu, was die Debatte nicht unbedingt erleichtert. Darum sollte man es sich nicht allzu einfach machen und mal schauen, ob es nicht auch im klassischen Islam Stimmen gibt, die in dieser Hinsicht als reformorientiert gelten können.
Fündig wird man z. B. bei Hassan al-Turabi, also ausgerechnet einem sudanesischen Islamisten. Als origineller Kopf vertritt er die Minderheitenauffassung, dass die Ehe Muslimin-Christ möglich ist und dreht dabei die klassischen Plausibilitätsargumente der klassischen Gelehrten geradezu um. Hier ein Auszug aus einem Interview:
"We should let the Muslim minorities, who live amongst the 'People of the Book' in the west, evaluate this issue and decide what is appropriate for them, as they are the first group affected. They would conclude that they should allow their daughters to marry Jews and Christians because perhaps these marriages will bring the husbands to Islam or else the women may remain a Muslim. In the West, the individual freedoms are generally wider and the Western Muslims to decide when it comes to this issue especially.
Q) So are you saying that women who converted to Islam can remain married to their non-Muslim husbands, but that a Muslim woman marrying a non-Muslim man is forbidden?
A) No, I had spoken previously about this type of marriage and I believe that marriage between a Muslim woman and a non-Muslim man is valid since nothing in the Quran or Sunnah dictates otherwise [Das ist der entscheidende Satz! - HT]. The decision should also be based on the individuality of each case therefore; I cannot say this type of marriage is prohibited based on the accumulated teachings of past scholars.
These teachings for example tell us that Ijmaa (consensus) is the consensus of jurists at any given age but the Quran says is different. The same accumulated sayings of scholars also recommended that we should obey the ruler even if he seized power by force. The Quran does not approve of this. We should always refer to the origins that are Quran and Sunnah."
Und hier die Quelle:
http://www.asharq-e.com/news.asp?section=3&id=4678
Nimmt man das missionarische Argument mal nicht zu ernst, dann finde ich, dass Leute wie al-Turabi, auch wenn man seine politische Ideologie kritisch beäugt, in manchen Dingen wirklich gute Argumente erarbeiten und diese in einer Sprache formulieren, die auch für "orthodoxe" Muslime verständlich ist.
Auch eher positiv, aber etwas weniger eindeutig äußert sich Elsayed Elshahed, der Direktor der Islamischen Religions-pädagogischen Akademie in Österreich, in einem Interview dazu. Dafür nennt er etwas konkretere Voraussetzungen:
"Zurück zur Ehefrage: Sie glauben, dass Ehen zwischen muslimischen Frauen und nicht-muslimischen Männern nicht in Ordnung sind?
Elshahed: Vom Recht her ist es nicht erlaubt. Wir wollen erklären, warum dies so ist. Man muss die Anweisungen im Rahmen des historischen Kontexts verstehen. Der Islam besteht ja aus zwei Teilen, einmal die Theologie, die ist unveränderlich, also etwa Glaube an Gott, beten, fasten usw., auf der anderen Seite ist die juristische Seite, die Scharia. Diese Gesetzgebung ändert sich abhängig vom gesellschaftlichen, politischen und kulturellen Hintergrund. Einige Verbote könnten durch kulturelle Änderungen auch einmal erlaubt werden.
Und wann ist die Ehe mit einem Christen in Ordnung?
Elshahed: Solange er Respekt vor dem Propheten Mohammed hat und den Koran als heilige Schrift anerkennt, ist das in bereits bestehenden Ehen, meines Erachtens, in Ordnung."
Dazu wäre noch zu sagen: Es gibt zahlreiche Christen, die den Koran in einem abgeschwächten Sinne als heilige Schrift anerkennen, aber nicht zum Islam konvertieren. Eine ausführlichere Diskussion hierzu werde ich vielleicht in einem eigenen Text führen.
Quelle des obigen Interviews:
http://diepresse.com/home/panorama/oesterreich/332505/IRPAChef_Situation-der-Muslime-verschlechtert
Diese Zitate sollen ein Gefühl dafür vermitteln, was die liberaleren Stimmen im klassisch-islamischen Spektrum dazu sagen. Wie gesagt, die Modernisten sehen das im Allgemeinen ohnehin weniger problematisch. Aber irgendwie finde ich es unbefriedigend hieraus spontan ein klares "ja, es geht" abzuleiten.
Meinerseits noch paar Anmerkungen:
a) Auch wenn man die Ehe Muslimin-Christ aus welchen Gründen auch immer für islamisch nicht legitim erklärt, bleibt die Erlaubnis für die Ehe Muslim-Christin weiterhin ein starkes Argument dafür, dass generell auch Freundschaften erlaubt sind.
b) Ich halte es für sinnvoll das klassisch-islamsiche Verbot der Ehe Muslimin-Christ nach ihren Gründen und Beweisen zu hinterfragen. Wenn sich die Gründe in manchen Fällen hier und heute erübrigen und eine islamische Erlaubnis unter entsprechenden Bedingungen formulierbar ist, dann sehe ich es als selbstverständliche Pflicht junge Paare, für die das ein ernsthaftes Problem darstellt und keine Konversion in Frage kommt, darüber aufzuklären. Natürlich stellen sich dann weitere Fragen: Wie werden die Kinder groß gezogen? Wie geht man mit Glaubensunterschieden um, wenn beide Partner sehr religiös sind? Viele Fragen, die nur kompetente Theoretiker wie Praktiker beantworten können. Ach, wenn wir doch mehr von ihnen hätten...
c) Generell gibt es jedoch andere starke Gründe, die gegen gemischt religiöse Ehen sprechen, z. B. die Erwartungen der Familien (sowohl der muslimischen, als auch der christlichen). Das ist der Grund, warum man auch der an sich erlaubten Ehe Muslim-Christin sehr selten begegnet. Dieses Phänomen ist wieder ein klarer Beweis dafür, dass die Reduktion sozialer Phänomene auf den Islam einen einzigen Irrglauben darstellt, den wir korrigieren müssen.
d) All diejenigen, die die Minderheitenmeinung vertreten, dass die Ehe Muslimin-Christ erlaubt ist, stimmen darin überein, dass von den ersten Generationen der Muslime (wohl schon zu Zeiten der ersten vier Kalifen) ein Verbot hierzu formuliert worden sei, aber dass es, wie Serdar schon sagte, demografische und identitätspolitische Gründe für dieses Verbot gegeben hätte, die hier und heute obsolet geworden seien.
e) Dieses Thema möchte ich nicht mit einem schnellen "ja, es geht" abschließen, da die Debatte dazu noch sehr unausgegoren ist und ich nicht auf eigene Faust hierzu eine endgültige Position formulieren will. Ich möchte aber Paaren, die sich als religiös verstehen und in diesem Dilemma stehen und keinen Ausweg sehen, ans Herz legen sich mit den Minderheitenansichten näher zu befassen. Aber wie gesagt: Die größten Probleme werden wohl eher (i) im eigenen Umfeld und (ii) im Mangel an Erfahrungen der Gesellschaft mit solchen Ehen liegen. Andererseits gibt es einige solcher Ehen - vielleicht kann man ja diese Ehepartner mal anfragen.
f) Gänzlich unmoralisch finde ich es, während man weiß, dass es eine abweichende Minderheitenmeinung gibt, einer verheirateten deutschen Frau, die zum Islam konvertiert, während ihr Mann Christ bleibt, zu sagen, dass ihre Ehe nun für immer annulliert ist und ihre weitere Intimität Zina darstellt. Spätestens an diesem Punkt würde ich sagen: Stehen bleiben! Al-Turabi und co. zu Rate ziehen!
Vermutlich ist genau dies meine vorläufige Position: Die Ehe Muslimin-Christ ist nicht generell verboten, bedarf jedoch einer eingehenden Klärung der Verhältnisse im Voraus (natürlich die Ehe Muslim-Christin auch). Die Sicherheit der Glaubensausübung der Frau muss gewährleistet sein, was eine gewisse Akzeptanz ihres Glaubens durch den Mann voraussetzt, d. h. ein gewisser Respekt muss schon da sein. Wo dieser nicht ist, kann er vielleicht entstehen, was nicht heißt, dass der Mann konvertieren muss (sonst wäre dies ja gar nicht Thema unserer Diskussion! Hier geht es nur um Eheabsichten, bei denen keine Konversionsbereitschaft vorliegt). Auch sollte die Möglichkeit gewährleistet sein, die Kinder im Geiste des Islams zu erziehen. Vielleicht sind sogar christlich-islamische Erziehungsstile möglich, wobei in manchen Fragen freilich ein Aspekt überwiegen wird. All dies geht freilich nur, wenn das Paar sich sehr gut kennt und sich über alle Einzelheiten im Voraus schon ausgetauscht hat, bzw. die Bereitschaft hat alle Probleme und Fragen mit Geduld auszuhandeln. Die eigentlichen lebenspraktischen Probleme werden schließlich nicht durch Verweis auf Theorie gelöst, sondern ausschließlich durch gegenseitige Absprache, durch wahrhaftigen Dialog...
Vielleicht mache ich hieraus mal einen systematischeren Text...
Hat noch jemand interessante Stellungnahmen oder Quellen aus dem klassischen islamischen Recht, oder den Neuzugängen? Oder sonstige Erfahrungen, die er hier beisteuern will?
(Zu Frage 2 und 3 äußere ich mich später)
Was für ein wunderschöner Text für eine Spät- und Quereinsteigerin, die durch die Lektüre des Koran zum Islam kam, die aber gerade mit solchen Versen so schwer zurecht kommt, aber auch mit denen, die sie einfach ausblenden. Danke!
Hallo
Mal wieder ein zum scheitern verurteilter Versuch den Islam, so wie er in Koran und Sunna steht, zwanghaft ins schöne zu interpretieren. Frei nach dem Motto, der Islam darf keine schlechte religöse Ideologie sein.
Das Freundschaftsverbot aus Sure 5 Vers 51 wurde ja schon angesprochen. Noch interessanter ist aber Ver 5:55:
"Eure Freunde sind EINZIG Allah und sein Gesandter UND DIE GLÄUBIGEN, die das Gebet verrichten und die Zakat zahlen und Gott allein anbeten."
Dieser Vers ist glasklar, nur Allah, Mohammed und Muslime sind Freunde, denn Christen oder Juden zahlen bekanntlich keine Zakat. Andere Verse und damit der wichtige Kontext sagen ähnliches:
4:144 "O ihr, die ihr glaubt, nehmt euch keine Ungläubigen zu Freunden anstelle der Gläubigen. Wollt ihr Allah offenkundige Beweise gegen euch selbst geben?"
3:28 "Die Gläubigen sollen sich nicht die Ungläubigen anstatt der Gläubigen zu Freunden nehmen. Wer das tut, hat keine Gemeinschaft (mehr) mit Allah. Anders ist es, wenn ihr euch vor ihnen wirklich fürchtet. (In diesem Fall seid ihr entschuldigt.) Allah warnt euch vor sich selber. Bei ihm wird es (schließlich alles) enden."
Man soll nicht nur eine freundschaftliche Beziehung zu Ungläubigen, wie Christen und Juden meiden, sondern sogar bei der eigenen Familie soll man auf den Unglauben reagieren:
9:23 "O die ihr glaubt, nehmt nicht eure Väter und eure Brüder zu Freunden, wenn sie den Unglauben dem Glauben vorziehen. Und die von euch sie zu Freunden nehmen - das sind die Ungerechten."
Das sind klare Ansagen und nur einer der krampfhaft das Positive sucht, weil es einfach nicht sein kann das er von klein auf mit etwas gar nicht so Tollem indoktriniert wurde, kann diese klare Ansagen nicht verstehen. Und bevor jetzt die Argumentation los geht, das nicht jeder Christ und Jude ein Ungläubiger ist. Hier der Koran dazu:
9:30 "Und die Juden sagen, Esra sei Allahs Sohn, und die Christen sagen, Jesus sei Allahs Sohn. Das ist das Wort aus ihrem Mund. Sie ahmen die Rede derer nach, die vordem ungläubig waren. Allahs Fluch über sie! Wie sind sie (doch) irregeleitet!"
Da eigentlich jeder überzeugte Christ glaubt das Jesus Gottes Sohn ist, ist auch jeder überzeugte Chirst, ein Ungläubiger.
Ein gläubiger Christ wäre faktisch ein Moslem, so mit Zakat zahlen, "richtig" beten und die ganzen Regeln von Mohammed, äh ich mein Allah, befolgen.
Warum wollte Mohammed keine engere Beziehung zwischen seine Anhängern und den anderen Leute, wie Christen usw? Mohammed fürchtete die Argumente und Überzeugungskraft anderer Gruppen. Und man wird für andere Sichtweisen empfänglicher wenn ein Freund sie einem nahe bringt. Das Umfeld und die Freunde beeinflussen eine Menschen, so wie dich Hakan, du bist anders als welche die im tiefsten türkisch/islamischen Ghetto in Berlin Kreuzberg groß geworden sind.
Mohammed wollte seine Anhänger nicht wieder verlieren, denn wer den Islam akzeptierte, akzeptierte ihn als unumschränkten Herrscher. Die Ausnahme mit der Heirat von Ungläubigen ist einfach. Bekanntlich dürfen ja nur Männer nicht-muslimische Ehepartner wählen, muslimische Frauen dürfen z.B. keinen Christen heiraten. Die Religion wird laut islamischem Verständnis vom Mann an die Kinder weitergegeben. Daher wird das Kind aus einem Moslemmann und einer nicht-islamischen Frau ein Moslem sein, zumindest hat Mohammed es so vorgegeben. Außerdem galt, und bei viele gilt, der Mann als bestimmende Kraft in einer Ehe. Daher ist die Gefahr begrenzt auf diesem Wege Anhänger zu verlieren.
Nein Hakan, es tut mir leid, aber Koran und Sunna sind in der Freudschaftsfrage eindeutig, ähnlich eindeutig wie beim Thema Hand abhacken für Diebe (5:38) oder Frauen schlagen (4:34). Würdest du den Islam objektiv betrachten, dann wüsstest du das.
Grüße
Ach,wie ist es schade,meine Freunde: ich habe lange mit euch gelebt, wir haben Freude und Kummer geteilt,wir hatten immer ein offenes Ohr füreinander,aber jetzt ist Schluss!
Ich habe mir ein großes Projekt vorgenommen,ihm gehört meine Aufmerksamkeit,meine Leidenschaft,meine Liebe! Ihr,meine Freunde kommt darin nur noch unter dem Vorbehalt der Übereinstimmung mit der Heiligen Lehre des Koran vor und auch nur so lange,wie sich mir keine gegenteiligen Erkenntnisse erschließen.
Ich habe meine Zweifel,dass Gott wollte,dass Hakan Turan sich so abmühen sollte,um entscheiden zu können,wer seine Freunde sind.
Jetzt überspitzen Sie aber maßlos. Dieser Text dient der Reflexion und Wiederlegung einer Behauptung, die immer wieder von Islamgegenern und -fanatikern an Muslime in pluralistischen Gesellschaften herangetragen wird (vgl. auch den Kommentar von Micheal - Antwort folgt). Das Thema wird jungen Muslimen von verschiedenen Kreisen, die am Kulturkampf interessiert sind, aufgezwungen. Was ich hier darstelle, ist eine religiös fundierte Absage daran. Die Vernunuftreflexion (um die es Ihnen geht) ist natürlich auch unabhängig von Religion möglich. Ich betreibe beides parallel zueinander (weil ich das für "vollständiger" und befriedigender halte) und stelle fest, dass in den für die pluralistische Gesellschaft wichtigen Bereichen kein grundsätzlicher Konflikt existiert. Insofern ist dies in erster Linie eine innerislamische Reflexion, die jedoch von öffentlichem Interesse sein kann. Verdient das in Ihren Augen keine angemessene und fundierte Darstellung?
Was man aber durchaus in Frage stellen kann, ist: Wozu überhaupt der ganze Religionskram? Warum überhaupt der Versuch das Leben, das doch offensichtlich auch ohne religiös-normative strukturier- und lebbar iost, auch noch religiös durchsetzen? Aber: Diese Fragen sind andere Fragen als die im Text behandelten und sollten gesondert diskutiert werden. Einig müssen wir uns nur im Modus des Miteinanders werden (eine längst entschiedene Frage übrigens), nicht jedoch in einzelnen Lebenskonzepten, die völlig unterschiedlich sein dürfen, sofern sie nicht das gesamtgesellschaftliche demokratische Gefüge in Frage stellen.
Dem religiös ungebundenen, oder säkularisierten Leser mag die im Text vorgenommene Diskussion seltsam oder gar weltfremd anmuten. Dennoch hat sie ihre Berechtigung und soll insbesondere nicht dazu dienen das Miteiander zu erschweren - im Gegenteil. Ich will nochmals betonen: Diese Themen werden uns aufgezwungen. Wenn das dann einmal mit viel Getöse in der Welt ist (dank den Islamkritikern), dann sehe ich mich berufen dazu Stellung zu beziehen. Das mache ich übrigens als Hobby (und ich mache es gerne). Der größte Teil meines Alltags besteht nicht daraus die Welt koranisch zu reflektieren, sondern intensiv in einer funktionierenden, multikulturellen aber hauptsächlich von Deutschen aufgebauten und gestalteten Gesellschaft zu leben. Dennoch ist mir auch die philsophische, die religiöse und - als dritte Spielart - die islamische Reflexion ein wichtiges Anliegen. Und ich würde mich damit nicht befassen, wenn ich mit der Art, wie andere das machen, zufrieden wäre.
Und: Wer meine Freunde sind, ist längst entschieden. Auch ist der Text das Ergebnis von mittelerweile schon recht alten Gedanken von mir (die ich übrigens zum großen Teil nicht alleine vertrete).
Wie schon gesagt:, Sie überspitzen maßlos - aber das dürfen Sie :)
Herzliche Grüße übrigens an aller Leserinnen und Leser aus dem schönen und im Ramadan quietschfidelen Istanbul, wo ich mit meiner Frau einige schöne Tage verbringe. Morgen ist das dreitägige Ramadanfest - ich werde dieses zum ersten Mal in der Türkei erleben. Bin gespannt...
Ich beobachte mit grossem Interesse diesen Artikel. Leider habe ich den Beitrag von Ella nicht vestanden. Und freue mich auf die Reaktion auf Kommentare von Michael und paranoids.
Der innere fiktive Monolog von "Hakan Turan" bringt in seiner "maßlosen Überspitzung" nur das zum Ausdruck,was ich während meiner sehr aufmerksamen Lektüre des Artikels empfand: eine ins Maßlose gesteigerte Banalisierung des "Heiligen".
Die entscheidende Information,das integrierende Element ging im "Kleingedruckten" der Koranauslegung verloren:"Gott ist groß!"
Wenn dann noch als zentrales Ergebnis der umfassenden Recherche die Erkenntnis steht:
"Echte Freundschaft mit Nichtmuslimen ist dann verboten,wenn letztere mich(bzw. meine Nächsten) zu Unrecht auf eine entwürdigende Weise demütigen,bekämpfen oder mich wegen meines Glaubens verfolgen und vertreiben",
dann,Herr Turan beleidigen und "entwürdigen" Sie ihren brillanten Verstand und den der Leser dazu! Gott ist größer und Hakan Turan auch.
Ich glaube, das größte Problem sind doch jene Suren, die ohne den historisch-örtlichen Bezug (Arabien im 7. Jh., rauhes Pflaster) überhaupt keinen Sinn machen.
Wieso sollte man heute keine Freundschaften mit Andersgläubigen eingehen, weil Muslime im Arabien des 7. Jh. von bestimmten arabischen Andersgläubigen angefeindet wurden ? Das ist doch "hohl".
Das sind Ideologen, die das heute fordern, das hast Du ja auch geschrieben.
"Das sind doch Ideologen,die das heute fordern."
Das stimmt nicht so ganz,aus meiner Außenperspektive betrachtet.
Denn Hakan Turan argumentiert ganz und gar "Koran-zentriert",und das Ergebnis ist bis in die Sprachform hinein,ganz und gar "Koran-konform."
Abgesehen davon,dass sich der "gefundene" entscheidende Satz jeder Sprachlogig entzieht,er also keinen Sinn ergibt,hat Hakan Turan genau das "vollbracht",was gerade die Ideologen zufriedenstellen dürfte: den Koran als brauchbares Instrument zur Regelung des gesellschaftlichen Miteinanders identifiziert.
Mein Problem dabei ist,dass der Eindruck entsteht,dass Muslime außerhalb des koranischen Denkens,keine Antworten auf Fragen des menschlichen Zusammenlebens finden können,und eigene Antworten auf jeden Fall auf Verifizierung durch den Koran hin überprüft werden sollten.
Das ist vielleicht "Glaube", in jedem Fall "Ideologie" und nach meiner unbescheidenen Meinung:eine heillose Überforderung nicht nur einer Heiligen Schrift,sondern all derer, denedenen diese Schrift etwas bedeutet.
Blöde Frage:
Kann man als Nichtmuslim (Christ, Atheist oder Polytheist) eigentlich Muslime als Freund haben?
Das muslimische Denken scheint doch sehr von einer gewissen Muslimzentriertheit gekennzeichnet zu sein, die jede nicht muslimische Weltdeutung als der eigenen nicht ebenbürtig und defizitär betrachtet. Freundschaft mit Muslimen scheint also auf dieser Reflexionsebene für nicht Muslime nur unter der Prämisse der eigenen (nichtmuslimischen) Unvollkommenheit möglich zu sein. Christen müssen sich also gefallen lassen, dass Jesus nur ein Prophet ist.
Wie soll eigentlich unter den Prämissen eines derartigen Denkansatzes überhaupt Freundschaft - die für mich immer mit der Denkfigur der Gleichwertigkeit verbunden ist - möglich sein?
Ich denke der Unterschied zwischen den 3 grossen Buchreligionen bzgl. dieses Themas ist nicht sehr gross. Als Jude gehört man zum von Gott auserwählten Volk - Andersgläubige damit nicht. Die Einstellung der heutigen katholischen Kirche zu Misch-Ehen und sei es eine katholisch-protestantische ist denke ich bezeichnend. Die Bibel enthält zahlreiche Aussagen über das Verhältnis von Christen gegenüber Ungläubigen, Götzendiener, Heiden etc., die alles andere als zur Toleranz und Freundschaft aufrufen.
Auch in der Bibel lassen sich Aussagen finden, die herangezogen werden können, um Toleranz und Freundschaft zu Andersgläübigen/Nichtgläubigen zu rechtfertigen. Das bekannteste Beispiel ist hier wohl das Gebot der Nächstenliebe.
Ich denke jedoch nicht, dass es sinnvoll ist zur Untermauerung der eigenen Meinung die passenden Stellen herauszusuchen und andere wegzulassen. Sowohl im Islam als im Judentum und Christentum finden sich Aussagen, die eine Freundschaft erlauben oder klar verbieten.
"Das muslimische Denken scheint doch sehr von einer gewissen Muslimzentriertheit gekennzeichnet zu sein"
-> Richtig, genauso wie alle Religionsanhänger des Judentums und Christentums, die der Meinung sind jeweils die einzige und absolute Wahrheit für sich gepachtet zu haben.
"Wie soll eigentlich unter den Prämissen eines derartigen Denkansatzes überhaupt Freundschaft[...]möglich sein"
-> Gute Frage!
"Sowohl im Islam als im Judentum und Christentum finden sich Aussagen, die eine Freundschaft erlauben oder klar verbieten."
Na da wäre ich aber gespannt die Verse im Koran aufgezählt zu bekommen die Freundschaft zu "Ungläubigen" explizit erlauben. Wichtig wäre natürlich auch das die ähnlich klar und eindeutig formuliert sind wie die verbietenden Verse und möglichst auch in gleicher Anzahl vorhanden sind. Ein halbherzig erlaubender Vers hebt nämlich nicht 10 klar ablehnende Verse auf. Bei so einem Verhältnis wäre der Kontext eindeutig.
Grüße