Das arabische Wunder (Sigrid Hunke)
am Dienstag, 05 Juli 2011. Geschrieben in Inspirationen, Islamisches Leben, Wissenschaft
Ein guter Freund hat mich mal gefragt, woher ich eigentlich meinen Optimismus in Sachen Vermittlung zwischen den Kulturen und einer zeitgemäßen Aufarbeitung des Islams bezöge, wo sich da draußen doch oft ein frustrierendes und trostloses Bild böte. Nun, vielleicht vermitteln folgende Zeilen von Sigrid Hunke zur Geschichte von Wissenschaft und Gelehrsamkeit im Islam einen Eindruck davon, was meinen Optimismus antreibt (wobei dieses Thema bei weitem nicht meine einzige Motivationsquelle ist). Dazu sei gesagt, dass ich so etwas durchaus differenziert betrachte - ich hasse es zu idealisieren, vielleicht weil mir Wahrheit attraktiver erscheint als Einfachheit. Ferner verwende ich das Folgende nicht um mich stolz auf eine Vergangenheit zu machen oder um etwaige Komplexe gegenüber dem "Westen" zu verarbeiten - warum sollte ich denn auch, sehe ich mich doch mit als ein Teil dieses Westens!
Nein, ich fasse das Folgende als ganz konkrete Handlungsaufforderung an mich selbst auf, freilich unter heutigen Bedingungen und unter Abstraktion vom damaligen politischen Kontext. Und das meine ich verdammt ernst. Der Inhalt folgender Zeilen gehört mit zu meinen Kriterien, an dem ich jeden messe, der heute im Namen des Islams reden möchte. Wer nicht den Horizont und den Glauben hat das Folgende als ernsthafte Perspektive auch für hier und heute zu betrachten, den nehme ich einfach nicht zu ernst. Punkt.
Mit Horizont meine ich: Seht ihr in den folgenden Zeilen nur einen Anlass um Stolz auf irgendeine längst verflogene Vergangenheit zu verspüren? Oder gehört ihr zu denen, die dies bei aller Rührung Satz für Satz in unsere Zeit übersetzen und es als Inspiration für ein mögliches Lebensmotto begreifen, als etwas, das sich hier und jetzt - natürlich im realistischen Maßstab - umsetzen lässt? Ich wünsche mir zu letzteren zu gehören. Ich habe mich bislang nicht von dieser Euphorie abbringen lassen, und ich werde dies mit Sicherheit auch in Zukunft nicht tun - denn, Gott hilf, diese Euphorie ist zuckersüß und macht süchtig, und sie elektrisiert mich dermaßen, dass ich mich ab und an frage, ob so viel Pathos überhaupt noch halal ist...
"Man schreibt das Jahr 1000. Soeben hat in Bagdad der Buchhändler Ibn an-Nadim seinen „Katalog der Wissenschaften“ veröffentlicht. Das Werk enthält in zehn Bänden die Titel aller bisher in arabischer Sprache erschienen Bücher aus Philosophie, Astronomie, Mathematik, Physik, Chemie, Medizin.
Studierende aus allen Gegenden des Orients und selbst aus dem Okzident lockt der Ruf von Cordobas hohen Schulen und von seiner Bibliothek, deren halbe Million Bücher einer der gelehrtesten Männer seiner Zeit, der vor vierundzwanzig Jahren verstorbene Kalif al-Hakam II. durch Dutzende von Aufkäufern gesammelt und größtenteils mit seinen Randbemerkungen versehen hat.
In Kairo betreuen mehrere hundert Bibliothekare in den beiden kalifischen Bibliotheken zusammen zwei Millionen zweihundert Bände; das entspricht dem Zwangzigfachen des Bestandes an Buchrollen der einstigen Bibliothek von Alexandrien.
"Es ist notorisch, dass es in Rom niemand gibt, der so viel Bildung besitzt, dass er sich zum Türsteher eignet. Mit welcher Stirn kann der sich anmaßen zu lehren, der selbst nichts gelernt hat!" stöhnt der Mann, der es am besten wissen muss, Gerbert von Aurillac, der im letzten der tausend Jahre nach Christo – 999 – selber in Rom den Stuhl Petri besteigt.
In diesem Jahr verfasst Abulkasis das durch Jahrhunderte gültige Standardwerk der Chirurgie, erörtert Albiruni, an universaler Geistigkeit der Aristoteles der Araber, die Drehung der Erde um die Sonne, entdeckt Alhazen die Gesetze des Sehens und experimentiert mit der camera obscura und mit sphärischen, zylindrischen und konischen Spiegeln und Linsen.
In diesem Jahr, in dem die arabische Welt dem Scheitelpunkt ihres goldenen Zeitalters entgegeneilt, erwartet das Abendland erschreckt, geängstigt das Ende der Zeiten…
Dieser erstaunliche und jähe kulturelle Aufschwung der Wüstensöhne gleichsam aus dem Nichts ist eine der merkwürdigsten Erscheinungen der Geistesgeschichte. Ihr Emporsteigen zu den Herren altehrwürdiger Kulturvölker ist so einzigartig, so atemberaubend und außerhalb jedes Vergleichs, dass wir bei diesem arabischen Wunder einen Augenblick verweilen müssen.
Wie war es möglich, dass ein Volk, dass niemals weder politisch noch kulturell eine Rolle gespielt, geschweige denn im geistigen Chor seine Stimme erhoben hatte, in kürzester Zeit es wagen konnte sich mit den Griechen zu messen?"
(Sigrid Hunke: Allahs Sonne über dem Abendland, Frankfurt am Main 1990, S. 191 f.)
Ja, liebe Wüstensöhne und Nomadentöchter... Die Messlatte ist hoch angesetzt und es gibt alle Hände voll zu tun. Man könnte ja mit einer Fortführung der Lektüre Hunkes beginnen...
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Kommentare (10)
@andalusian
hier ein Link zu Ihrer fest im braunen Sumpf stehenden Meßlatte:
http://homepages.uni-tuebingen.de/gerd.simon/hunke.htm
Meine Messlatte ist nicht Sigrid Hunke, sondern gewisse Aspekte der Geschichte, von der sie berichtet. Dass Hunke politisch gesehen deutlich rechts verortet ist, ist mir bekannt. Aber für mein Thema und die Qualität des von mir zitierten Buches ist das nicht von Belang.
@andalusian
bei der Lektüre eines Buches sollte man schon die Intension des Autors/ der Autorin berücksichtigen.
Die hunkesche Lobpreisung des Islams lässt sich nun ziemlich leicht aus ihrer Abneigung gegenüber dem Christentum (artfremde Religion) erklären.
Der in ihrem Textausschnitt zitierte Gerbert von Aurillac (Sylvester II) ist selber übrigens selber kein ganz unbedeutender Astronom. Seine Aussage sollte man vielleicht nicht als objektive Aussage werten, wie Frau Huneke es tut, sondern als Einschätzung eines Mannes, der allghemein als ziemlich schwierig galt und seine Zeitgenossen gerne mal vor den Kopf stieß.
"bei der Lektüre eines Buches sollte man schon die Intension des Autors/ der Autorin berücksichtigen."
Meinten Sie vielleicht eher "Intention" statt "Intension" (als Gegenstück zur Extension)?
Selbstverständlich sollte man die Intention des Autors berücksichtigen (sofern bekannt) - ich hielte es aber für eine Übertreibung speziell "Allahs Sonne über dem Abendland" eine Intention zu unterschieben, die dazu diente gewisse völkische Ideologien zu befördern, außer dies ließe sich klar beweisen. Ich bin generell kein Freund des Gedanken- und Intentionenlesens. Aber ich stimme Ihnen freilich darin zu, dass man Autoren mit hinterfragen muss.
Aber womöglich übersieht man Folgendes, wenn man versucht besagtes Buch vor der politischen Weltanschauung der Autorin zu lesen: Hunke lobt darin explizit weniger den Islam, als die Araber einer bestimmten Epoche. Für Türken hat sie überdies keine freundlichen Worte übrig.
Zu Gerbert: Hunke verwendet den Satz als Zuspitzung und Pointe und wir kennen den Kontext nicht. Dann haben Sie recht, wenn Sie sagen, dass man das nicht zu wörtlich nehmen darf. Aber diese Rhetorik der Selbstanklage ist durchaus eine kulturübergreifende Invariante. Man findet sie bei Albiruni, ja sogar schon in der Generation des Propheten, in der Neuzeit z. B. beim türkischen Nationaldichter Mehmet Akif Ersoy (selbst Albaner), bei Thilo Sarrazin und Henryk Broder im Deutschland des 21. Jahrhunderts, aber auch im 15./16. Jahrhundert des christlichen Europas, als die Türkenangst grassierte und man Angst hatte, dass die europäischen Soldaten aufgrund von Trunkenheit es nicht mit dem "nüchternen Türken" aufnehmen konnten (Margret Spohn hat dazu in "Alles getürkt" köstliche Zitate zusammengestellt).
Nochmals zu Hunke: Was soll ich machen, sie schreibt nun mal gut, und das meiste stimmt wohl inhaltlich (auch wenn es berechtigte Zwefeil daran gibt, dass Albiruni tatsächlich das heliozentrische Weltbild vertreten hat, wie Hunke zu glauben scheint).
@andalusian
danke, dass Sie so großmütig über meinen Rechtschreibfehler hinweg gesehen haben.
Aber muss man hier als Lektüre uüber die arabische Welt um 1000 umbedingt Frau Hunke anführen? Die Türkenaversion lässt sich bei ihr wahrscheinlich auch aus ihrem Weltbild erklären. Bei der Abfassung des Werkes gab es ja schon türkische Gastarbeiter.
Außerdem warum wird eigentlich durch dieses Buch die Meßlatte für deutsche Muslime bestimmt?
Sollten wir hierzulande (säkulare, tolerante etc. Gesellschaft) nicht an einer gemeinsamer deutschen Zukunft arbeiten.
"Aber muss man hier als Lektüre uüber die arabische Welt um 1000 umbedingt Frau Hunke anführen?"
Natürlich nicht - das hat sich zufällig ergeben. Ich habe das übernommen, weil ich den Schreibstil toll finde. Der Inhalt bringt nichts Neues im Vergleich zu anderen Autoren.
"Außerdem warum wird eigentlich durch dieses Buch die Meßlatte für deutsche Muslime bestimmt?"
Als "Messlatte" meine ich nicht das Buch, sondern den Umstand, dass in der islamischen Kultur vor 1000 Jahren eine souveräneres und leidenschaftlicheres Verhältnis zu Wissen und Wissenschaft bestand als heute. Hunke ist hier nur Vehikel. So wie jeder andere Autor hierzu ein Vehikel wäre. Ich finde es übrigens sehr interessant, wie unterschiedlich ein solcher Text wie der obige wahrgenommen wird.
"Sollten wir hierzulande (säkulare, tolerante etc. Gesellschaft) nicht an einer gemeinsamer deutschen Zukunft arbeiten. "
Selbstverständlich sollten wir das. Ich schlage ja auch keine Alternative dazu vor. Ich glaube jedoch, dass für Teilaspekte der heutigen Identitäts- und Orientierungsprobleme in der muslimischen Community die besagte Wissenschaftsgeschichte heilsam sein kann. Denn letztere zeigt, dass Engagement im wissenschaftlichen Denken und Arbeiten nichts den Muslimen von außen Herangetragenes sein muss, wie es in der Neuzeit der Fall geworden ist. Die Lehre lautet: Jeder kann und sollte teilhaben an Wissen und Wissenschaft - eine Affinität zur Religion muss nicht mit Desinteresse an Wissenschaften einhergehen. So ungefähr.
Insofern: Es sollten für verschiedene Lebensbereiche verschiedene Messlatten möglich sein. Die islamische Wissenschaftsgeschichte möchte ich weder idealisieren (sie ist so schon atemberaubend genug), noch zur Antwort auf alle Probleme erklären.
Diese Wissenschaftsgeschichte hat noch weitere pädagogisch wertvolle Aspekte: Bevor die Muslime sich zu den Lehrern der Wissenschaften aufschwingen konnten, waren sie erst einmal gute Schüler - Schüler z. B. der syrischen Christen, über die sie das antike Erbe kennenlernten. Das finde ich wichtig. Außerdem ist Wissen damals kulturübergreifend verstanden und vermittelt worden: von den alten Griechen, über die christlichen Klöster und die islamischen Gelehrten bis ins lateinische Europa hinein ist es zu einem verbindenden Glied geworden. Auch das halte ich für wichtig.
Und wie gesagt: Das Engagement und die Begeisterung für manche Umstände von vor 1000 Jahren ist nichts, was einem selbigen Engagement und einer Begeisterung für ein tolerantes, modernes Deutschland hier und heute im Wege steht. Zumindest setze ich das so um.
Ach ja: Ich habe hier auch schon mal zum selben Thema etwas von Gotthard Strohmaier zitiert, der im Übrigen viel akkurater ist als Hunke.
http://www.andalusian.de/index.php/blog-kategorien/item/vom-reflektierten-urteilen
@andalusian,
bei Ihrer Auflistung der "Wissenskulturen" vergessen Sie das spätantike-byzantinische Reich (ist mehr als die syrischen Christen).
Die Identitätsprobleme heutiger Muslime mit einem inzwischen schon etwas abgegriffenen Verweis auf die vermeintliche glorreiche Vergangenheit des Islams kurieren zu wollen,halte ich für romantischen Unfug.
Es ist zudem ein nostalgisch verblendetes Geschichtsbild,da die "Islamische Wissenschaftsgeschichte" eine "Arabische" war.Dem Islam der damaligen Zeit kann lediglich zugute gehalten werden,dass er die Wissenschaft nicht behinderte.In dem Augenblick der Geschichte,als der Islam sich der Wissenschaft bemächtigte,er also die Deutungshoheit für sich beanspruchte,fiel die Arabische Wissens- Kultur ins Koma,und der Islam sorgte dafür,dass es so blieb!
Ibn Rushd,der große "Wissenschaftsjournalist" wurde für Europa einer der Türöffner zur "Aufklärung",während die islamische Geisteselite ihn in die Verbannung schickte und seine Schriften verbot.Wahrhaft eine Tragödie "griechischen" Ausmaßes,die bis heute nachklingt.Wer heute jungen Muslimen über die Klippen ihrer Identitätsfindung helfen möchte,sollte ihren Realitätssinn schärfen,ihr kritisches Bewußstsein ansprechen und sie nicht mit Krücken aus den Relikten vergangener Epochen aufzurichten suchen!
Ich möchte meinen Kommentar nicht so "alleine" stehen lassen.
Ihr Projekt,eine Kosmologie des Islam zu entwickeln, ist beeindruckend und ein großes Vergnügen, nicht nur für Sie.Ich habe beim Herumstöbern schon einiges gelernt.
Doch die eigene Begeisterung,ja "Trunkenheit" braucht manchmal einen kleinen "Ernüchterungstrunk",den ich Ihnen oben überreicht habe.Ablehnen jederzeit möglich!