Der Anfang aller Dinge, oder: Lesen Muslime wirklich den Koran?
am Freitag, 08 April 2011. Geschrieben in Islamisches Leben, Koran
Es wird oft behauptet, Muslime würden den Koran lesen. Der Koran sei ihr heiliges Buch: das reine, ewig gültige Wort Gottes, das alle Lebensbereiche regele und für den Moslem immer das letzte Wort habe. Was sonst sollten Muslime also lesen, wenn nicht den Koran? Außerdem werde doch an Koranschulen eben der Koran gelesen und studiert. Und es gäbe ja sogar Muslime, die den gesamten Koran auswendig beherrschten. Was könnte da noch falsch sein an der Feststellung, dass Muslime den Koran lesen?
Ganz einfach: Diese Behauptung beruht auf dem verbreiteten Irrtum, dass Muslime, die im Koran lesen, den Koran so lesen, wie man ein Buch für gewöhnlich liest: entschlüsselnd, verstehend, nachvollziehend. In Wirklichkeit lesen die meisten Muslime den Koran, so sie ihn denn lesen, im arabischen Original, also in einer Sprache, die sie nicht verstehen, aber dessen Schriftzeichen sie studieren und richtig auszusprechen lernen. Aber warum machen sie so etwas? Weil den Muslimen nicht nur der Inhalt, sondern schon der Wortlaut und somit insbesondere auch der Klang des Korans als göttlichen Ursprungs gilt.
Sein Klang, seine rhythmische Intensität, seine immanente Musik – sie alle machen ein Erleben des Korans aus, das nur der kennt, der die intimsten Momente islamischer Kultur miterlebt hat. Auch, wenn man den Koran nicht melodisch nach allen Rezitationsregeln des tadschvīd rezitiert, sondern ihn nur vor sich hin murmelt, wie es im Gebet meistens der Fall ist, macht man dies doch im Bewusstsein, dass da etwas von der Koranrezitation in das Herz und die Seele durchdringt und diese in einen Ort der Heilung und der Gegenwart Gottes verwandelt. Dieser durchaus mystische Gedanke hat seine theologische Basis, auch im klassischen sunnitischen Islam.
Laut Koran 7:172 schloss Gott noch vor unserer irdischen Existenz einen Bund mit allen Menschen, die im Laufe der Geschichte existieren würden. Dieser Bund wurde zwischen jedem einzelnen Menschen und Gott in Form einer existenziellen Begegnung geschlossen, die allegorisch als Dialog zwischen dem Schöpfer und dem Geschaffenen beschrieben wird. Demnach sprach Gott: „Bin ich nicht euer Herr?“ Und die Menschen (bzw. ihre Seelen, ihre Vorboten, oder was auch immer) sprachen: „Ja, wir bezeugen es!“. Auf das arabische qâlû belâ („sie sprachen: ja“) in diesem Vers geht die türkische Bezeichnung für diesen quasi präexistenziellen Bund zurück, nämlich Kalu Bela. In unsere Seele wäre somit im Kalu Bela eine Erinnerung an unsere erste Begegnung mit dem Höchsten aller Dinge eingepflanzt. Welche Qualität das Kalu Bela hatte, wie diese Erinnerung sich bemerkbar macht, und welche Konsequenzen sie für die Rechenschaft vor Gott hat, ist ein in der klassischen islamischen Theologie umfangreich diskutiertes Thema.
Die theologischen Deutungen stimmen jedenfalls darin überein, dass diese Erinnerung von auserwählten, durch göttliche Offenbarung geleiteten Menschen wie Mohammed und Jesus aus den Tiefen unserer Seelen hervorgeholt und in Selbstreflexion (tafakkur) und Handeln (‘amal) überführt wird. Die Rezitation speziell des Korans wäre dann der Versuch die Momente der Berührung des Menschlichen durch das Göttliche in der Person Mohammeds nachzuerleben. Wer den Koran nun nicht liest, sondern wie dargestellt rezitiert, frägt in diesem Moment nicht nach der rechten Koranauslegung, sondern möchte einfach nur in den ungetrübten Weiten der Koranrezitation aufgehen. Hier geht es nicht mehr um Bedeutungen des Textes, sondern um die eigene Bedeutung im Angesicht Gottes. Hier ist nichts mehr politisch, oder polemisch, denn alles Irdische verkommt bei diesem bewussten Übersteigen von Wortbedeutungen zur Nebensächlichkeit. Der Koran wird so also zum Anlass und Medium der inneren Neuausrichtung seiner selbst auf Gott hin.
Dieses schwer kommunzierbare, wunderschöne Erleben verbindet nicht nur die heutigen Muslime aller Nationen, Bildungshintergründe, Schichten und Islamauffassungen untereinander, sonderen schafft auch eine Gemeinschaft mit den Muslimen der Vergangenheit bis zu Zeiten des Propheten Mohammed und seiner Gefährten, die alle gemeinsam von der „Tafel des Korans“ (Said Nursî) speisen.
Die Koranrezitation der meisten Muslime ist daher kein Koranstudium im Sinn eines Bibelstudiums religiöser Christen, sondern eine Teilhabe am Koran, ein aktives Nacherleben der göttlichen Offenbarung, dessen Reinheit und Ursprünglichkeit sich bei jeder Rezitation des Korans wiederholen soll. Insofern ist es für fast alle nicht arabischen, aber auch viele arabische Muslime richtig zu sagen, dass sie bei ihrer Beschäftigung mit dem Koran die meiste Zeit den Koran nicht lesen, wie man eigentlich ein Buch liest, sondern ihn hingabevoll im Geiste eines Gottesdienstes rezitieren.
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Kommentare (3)
Ein Aspekt, der zum Nachdenken anregt, eine mir neue Perspektive zeigt, sprachlich sehr schön dargestellt und sehr überzeugend. Danke!
Obwohl ich nicht alles ganz verstanden habe, würde ich trotzdem sagen, sehr schön ausgedrückt: 'Wir lesen nicht, wir versuchen mit Allah zu sprechen, ohne ein einziges Wort des Kuran's zu verstehen'. Eine Sprache, die mit unserem Herzen direkt redet, um mit Allah in Verbindung zu treten. (kalemine sağlık)
Ein Text, bei dem mir ein Licht aufgegangen ist!
Darf ich das Rezitieren des Koran mit dem Hören und Spielen von Musik vergleichen?
Der Vergleich mit Musik und ihrer (möglichen) Wirkung auf musikalische Menschen liegt nahe. Man könnte auch an die Meditationspraxis asiatischer Religionen denken.
Es kommt auch meiner eigenen Art, religiös zu sein, nahe. Wortlos. Im Lauschen auf die Wirklichkeit, einem Zustand, in dem kein Eigenwille stört.
Mein deutscher Sinn für Theorie wird allerdings nicht befriedigt. Für mich gehört das anspruchsvolle Durchdenken auch mit zur Meditation, zum Gespräch mit Gott – der immer wieder neue Versuch, bis ans Ende dessen zu gehen, was sich denken lässt, um dann dahinter das zu spüren, was sich nicht mehr denken und sagen lässt – das Unendliche.