Die Kinder des Korans
am Samstag, 25 Dezember 2010. Geschrieben in Bildung, Geschlechter, Identität, Integration, Islam, Islamkritik, Islamisches Leben, Islamisches Recht, Koran, Menschenrechte
1. Vom Anfang aller Dinge
Der Koran ist das heilige Buch des Islams. Und sein Studium ist eine äußerst lohnenswerte Sache. Als ich als Schüler eines Tages über mein Taschengeld hinaus Geld für einige neue C64-Monatsmagazine benötigte, unterbreitete ich meinem Vater einen perfiden Deal: Ich bot ihm an den Ayat-al Kursi, das ist der Thronvers des Korans, auf arabisch auswendig zu lernen – wenn ich dafür mit einer irdischen Belohnung seinerseits rechnen durfte. Etwas verwirrt sagte er zu, und nach zwei Stunden konnte ich den relativ langen Vers auswendig. Überhaupt memorierte ich auch sonst die Suren, die man für verschiedenste Gebete benötigte, am liebsten daheim in Eigenarbeit – und für gewöhnlich ohne irdische Entlohnungen. Wenn man viele Suren im Original auswendig konnte, dann erlangte man nicht nur die Anerkennung der Erwachsenen, sondern auch das Wohlgefallen Gottes.
Doch es ging mir noch um etwas anderes. Irgendwann hatte ich entdeckt, dass die Suren eine unglaubliche atmosphärische Dichte besaßen. Obwohl ich kein Wort Arabisch verstand, meinte ich im Moment der Rezitation fühlen zu können, wie der Koran von den Geheimnissen der Welt, vom Anfang aller Dinge und von einem Reich unvorstellbarer Schönheit erzählt. Dieser Genuss verzauberte. Aber er hatte einen Haken: Mit der eigentlichen Bedeutung des heiligen Buches kam ich so trotz zunehmender Neugier praktisch nie in Berührung. Auch die türkische Übersetzung im höchsten Regal unseres Wohnzimmers war für mich als ausgehender Grundschüler, der nur Alltags-Türkisch verstand, schlichtweg unverdaulich.
Doch zu meinem großen Glück hatten wir eine Klassenlehrerin, die vom Schicksal auserkoren schien mich in die Geheimnisse der heiligen Schrift des Islams einzuweihen. Die leicht bäuerlich gekleidete Mittfünfzigerin hatte nie einen Hehl aus ihrer Abneigung gegen alles Türkische gemacht. Eines besonderen Tages sollte es ohne ersichtlichen Grund um den Koran gehen. Mit der Bibel wollte sie ihn vergleichen. Gespannt wartete ich auf die Koranstellen, die sie uns versprochen hatte. Was da wohl stand? Allah als barmherziger Schöpfer der Welt, Muhammad als sein Diener und Gesandter? Das islamische Gebot des Einsatzes für die Armen, oder irgendein anderer göttlicher Weisheitsfunke von Jenseits der sieben Himmel?
Denkste! Hier wurde Tacheles geredet: „Heiratet, was euch an Frauen beliebt: zwei, drei oder vier“, ein Vers aus dem Koran – ätsch! Dem folgten weitere verwirrende Zitate. Vielleicht brachte ich noch ein „Sowas steht nicht im Koran!“ hervor, oder auch nicht. Jedenfalls fühlte ich mich, als hätte man mir vor der Klasse die Hosen runtergezogen. Wie ich später zu meiner Verwunderung feststellte, standen diese Verse so oder so ähnlich tatsächlich in den Koranübersetzungen. Doch das war erst der Anfang: Unter kritischen Zeitgenossen schien geradezu ein Wettstreit um die Suche nach dem brutalsten, frauenfeindlichsten und empörendsten Koranvers entbrannt zu sein – auf diese versuchten jene alles Übel in der islamischen Welt und in Migrationsdeutschland zurückzuführen.
2. Erste Gehversuche mit dem Koran
Innerlich von der Integrität des Korans überzeugt entschied ich mich in den nächsten Jahren dazu, den augenscheinlichen Skandalen der mir heiligen Schrift nachzugehen. Schließlich waren sich doch Feind und Freund wenigstens darin einig, dass der Koran die höchste Instanz im Islam darstellt. Das Brett, das ich da bohren wollte, entpuppte sich jedoch als dicker als gedacht. Mein Projekt drohte schon zu Beginn daran zu scheitern, dass kaum ein Muslim um mich herum, gleichgültig wie gebildet oder religiös er war, über Korankenntnisse verfügte, die merklich über das Wissensniveau meiner ambitionierten Grundschullehrerin hinausgingen. Selbst in den Koranschulen stand damals wie heute die unmittelbare Bedeutung der studierten Koranpassagen nicht auf dem Programm. Hüben wie drüben dient der Koran in erster Linie als kanonischer Text des arabischsprachigen Gottesdienstes und als Gegenstand vorzüglicher Rezitationskunst.
Und wer soll nun bitte den Koran interpretieren? Eine eigenständige Koranauslegung trauen sich in Deutschland selbst die raren und scheuen Gelehrten und Theologen des Islams selten zu. Zu ungewiss erscheinen ihnen die Folgen, und zu groß die Verantwortung. Daher halten auch sie sich lieber an die bewährte islamische Tradition bzw. an Autoritäten, die jedoch unsere Situation in Deutschland nicht reflektieren können – entweder, weil sie unseren kulturellen Kontext nicht kennen, oder weil sie schon seit Jahrhunderten tot sind. Vielleicht konnten sich gerade deswegen die Islamkritiker zu den neuen „Koranexperten“ aufschwingen („Was Sie da sagen stimmt nicht! Denn in Sure x, Vers y heißt es…“).
Religiös wie praktisch orientieren sich die meisten Muslime gerade nicht am Koran, sondern an den historisch gewachsenen, gesellschaftlich tradierten und in Gelehrten, Predigern oder Einrichtungen verkörperten Islamverständnissen. Die Primärquellen des Islams – Koran und Aussprüche des Propheten – kennt der Ahmet-Normal-Muslim in Deutschland daher nur in Bruchstücken. Noch unbekannter sind die hermeneutischen, exegetischen und Rechtstraditionen des Islams, wie auch seine rationale Kalam-Theologie, also all jene Wissenschaften, mit denen sich die Muslime in den ersten Jahrhunderten des Islam hoch entwickelte Systeme zur Interpretation des Korans schufen. Deren zeitgemäße Aktualisierung ist heute dringend nötig, wenn der Islam es mit den Herausforderungen der Moderne annehmen können soll.
Das ist doch interessant, oder? Die Frage der Muslime von damals lautete nicht, ob der Koran überhaupt interpretiert werden darf, sondern wie er interpretiert werden muss. Heute scheint man in vielen muslimischen Kreisen eher daran interessiert zu sein, wie man sich dem Koran eng verbunden fühlen kann ohne die schwere Arbeit einer Beschäftigung mit seinem Inhalt nachgehen zu müssen. Ich glaube nicht, dass dies nur ein Problem der türkischstämmigen Muslime ist. Ein wichtiger Grund dafür ist, dass die genannten islamischen Wissenschaften unter den Muslimen in Deutschland weitgehend unbekannt sind, was einen äußerst unprofessionellen Umgang mit dem Koran zur Folge hat. Dies zu beheben ist äußerst schwierig. Denn als Laie ist es fast unmöglich an wissenschaftlich reflektierte und verständliche Literatur zum Islam aus muslimischer Perspektive heranzukommen.
Aber wie sehr war ein wissenschaftlich fundiertes Islamverständnis denn bis zuletzt überhaupt im Interesse der islamischen Cemaats und Gemeinschaften in Deutschland? Versuche einer islamischen Theologie an den Universitäten sind neu, und es bleibt zu hoffen, dass sie diesem Defizit abhelfen können. Was man heute als Muslim gut kennt, sind die kanonisierten Glaubensgrundlagen und praktische Normen auf Katechismus- bzw. Ilmihal-Niveau. Dies sind ohne Zweifel erste unerlässliche Kenntnisse für ein intaktes islamisches Leben. Aber wenn sie nicht durch fundiertes und strapazierfähiges Wissen unterfüttert werden, bleibt eine lähmende Unsicherheit bei nahezu allen Fragen und Problemen, die von den tradierten, praktisch orientierten Islamkonzepten nicht vorgesehen sind.
Eine der bizarren Konsequenzen habe ich schon oft miterlebt: Um erste inhaltliche Korankenntnisse bemühen sich viele ansonsten praktizierende Muslime erst dann, wenn sie von verwirrten oder interessierten Deutschen Anfragen zum Koran gestellt bekommt, oder über die Pamphlete der Islamkritiker stolpern. Was ist das für ein Zustand? Dabei wollte doch alle Welt gewusst haben, wie sehr der Koran das Denken der Muslime beherrscht. Dieses Missverhältnis zwischen den öffentlichen Disputen um den Koran und der praktischen Irrelevanz des Korantextes unter Muslimen ist eigentlich ein eigener Skandal für sich.
3. Innere Zusammenhänge im Koran
Doch was steht denn nun „wirklich“ in Sure x, Vers y? Immerhin ist trotz dem Gesagten nicht zu leugnen, dass alle heutigen Islamkonzepte, einschließlich der problematisch aromatisierten, in irgendeiner Form auch auf den Koran referieren. Die wegweisende Einsicht für mich lautete wohl: Das Verhältnis zwischen Theorie und Praxis unter Muslimen ist viel zu komplex, um jedes praktische Problem im Umfeld des Islams als Abbild von Verhältnissen im Koran erklären zu können. So führen viele Muslime sogar den Koran selbst als Korrektiv von so mancher islamisch geglaubten Haltung und Praxis an. Beispielsweise betonen zeitgenössische Koranexegeten und Islamgelehrte wie Süleyman Ateş oder Hayrettin Karaman, dass Todesstrafen für Abtrünnige und verheiratete Ehebrecher dem Wortlaut des Korans widersprechen und somit abzulehnen sind – und stellen sich damit gegen weit verbreitete Auffassungen im klassischen islamischen Recht. Dabei verstehen sich viele dieser reformorientierten Gelehrten oft nicht einmal als Reformer.
Der genannte Dissens wurzelt manchmal einfach darin, dass im klassischen islamischen Recht der Koran nicht immer als höchste Instanz gesehen wurde, sondern seine milderen Normen unter Verweis auf außerkoranische Überlieferungen verschärft wurden. Hier verfahren manche Neuzugänge so, dass sie einen Vorrang koranischer Aussagen vor allen anderen islamischen Quellen behaupten. Dies ist insbesondere im Falle der Steinigung für Ehebrecher und der Todesstrafe für Glaubensabtrünnige der Fall. Von vielen reformorientierten Autoren werden einige drastische Strafnormen der klassischen Scharia also ausgerechnet durch eine Betonung des Korantextes zurückgewiesen.
Aber auch subtilere Zusammenhänge im Koran möchte man mit einem neuen Blick offenlegen. Beispielsweise ist das Denken und Handeln in manchen muslimischen Kreisen in der Tat von patriarchalischen Mustern geprägt. Passend dazu findet man nun Koranverse, die eindeutig patriarchale Züge tragen – warum sollte man da nicht eine notwendige Verbindung wittern? Vielleicht aus folgendem Grund: Es gibt im Koran auch zahlreiche Verse mit emanzipatorischen Zügen, nur dass sie im klassischen islamischen Recht meist ebenso unbeachtet blieben, wie sie heute noch unter Muslimen unbekannt sind. Diese Verse ermöglichen es patriarchalisch gefärbte Einzelpassagen in relativierende größere Zusammenhänge zu stellen. Männer und Frauen seien einander Gehilfen, heißt es da zum Beispiel (9:71). Auch eine längere Schilderung der Geschichte der Königin von Saba findet man in Sure 27, die zudem als weisere (und demokratischere) Regentin dargestellt wird als männliche Despoten wie Pharao. Warum dies nicht als Korrektiv zu patriarchalen Einäugigkeiten geltend machen?
Auch zum Grundverhältnis zwischen Mann und Frau heißt es im Koran, dass Gott zwischen diesen nicht etwa Unterhalt und Gehorsam, sondern „Liebe und Zärtlichkeit“ gesetzt habe, und zwar ohne Bedingungen (30:21). Hingegen werden im Vers, in dem der Mann als Familienoberhaupt eingesetzt wird, Begründungen bzw. Bedingungen genannt. Die einzige eindeutige lautet dabei, dass der Mann in einem starken Sinne die Familie versorge (wörtlich: von seinem Vermögen hergebe - 4:34). Und dies ist offensichtlich eine bewegliche Bedingung. Warum sollten da die traditionellen Hierarchien nicht auch beweglich sein? Verblüffend für mich – aber eigentlich trivial – war dabei die Feststellung, dass kein noch so eindeutig wirkender Wortlaut das letztlich Entscheidende ist, sondern stets der größere Sinnzusammenhang, der nur durch ein gründliches Textstudium und eine interpretatorische Leistung erschlossen werden kann.
Um solche Zusammenhänge zu erkennen bedarf es gerade beim Koran oft eines zweiten, umfassenderen Blicks. Den guten Willen dazu muss man freilich selbst mitbringen. Wenn man dies ernst nimmt, dann wird die Glaubwürdigkeit des Anführens isolierter Koranzitate als Totschlagargument für absolute Thesen der Art „Der Islam ist…“ zweifelhaft. Der islamischen Tradition ist dieses Prinzip des hermeneutischen Zirkels übrigens gut bekannt: als Auslegung des Korans durch den Koran – demnach gelangt man zur besten Auslegung eines Verses durch das Studium der anderen Verse. Zu den heutigen Akzentverschiebungen in den Auslegungen könnte man dem mittlerweile zum Staatsminister avancierten türkischen Theologen und Philosophen Mehmet Aydın folgend sagen, dass die Muslime eine ganze Reihe von Koranversen für die Neuzeit neu entdeckt haben.
4. Der historische Kontext des Korans
Dies führt uns zu einem weiteren natürlichen Kontext der Koranverse, nämlich zu ihrem historischen Hintergrund. Bis man als Laie auf diesen stößt, vergeht in der Regel viel Zeit, da er dem Text nicht immer unmittelbar entnommen werden kann. Dafür ermöglicht er Antworten auf eine Reihe von Fragen, die textimmanent schwer bis gar nicht zu beantworten wären. Denn der Koran spricht nicht nur in eine sehr spezielle historische Situation hinein, sondern artikuliert sich zwangsweise auch in den Kategorien der vorislamischen Verhältnisse auf der arabischen Halbinsel. So erklären sich viele Muslime z. B. die Tatsache, dass der Koran die Sklaverei humanisiert, aber nicht grundsätzlich verboten hat, durch historische Gegebenheiten, die kein nachhaltiges Verbot ermöglicht hätten. Die gewiesene Richtung zur Sklavenbefreiung sei aber relativ klar – daher entspräche es durchaus den Intentionen der Religion die Sklaverei gänzlich abzuschaffen. Warum – so könnte man nun fragen – sollte man nicht auch bei anderen Themen so argumentieren können? Die kritische Frage dabei lautet, wie weit man den historischen Kontext des Korans über die Unmittelbarkeit seiner wörtlichen Aussagen stellen darf (oder will).
Doch hierüber scheiden sich auch die weltoffenen Geister unter den Muslimen. So hilft geschichtliche Reflexion z. B. dabei um den polemischen Stil des Korans gegen die „Ungläubigen“ vor dem Hintergrund der Vertreibung der Muslime durch die Qurayschiten aus ihrer Heimatstadt Mekka und den daraus erwachsenen Auseinandersetzungen zu lesen – schließlich hat der Koran in anderen Passagen einen differenzierten und sachlichen Ton gegenüber den Nichtmuslimen an den Tag gelegt und trotz seines Wahrheitsanspruchs zahlreiche Wege zu respektvoller Toleranz aufgezeigt – gerade auch in späteren Suren, was heute leider selten gewürdigt wird (2:148, 5:48, 60:8).
Historisches Denken ermöglicht es auch, die im Koran als mögliche Höchststrafen meist beiläufig angedeuteten Körperstrafen für Delikte wie Diebstahl (5:38) als unmittelbaren Verweis auf vorislamische Strafprozessuale auszumachen, die in der spätantiken Gesellschaft der Araber ohne Rechtsstaat und institutionalisierte Gefängnisse bekannt und gängig waren. Denn es ist überliefert, dass das Abschlagen der Hand eines Diebes bereits vor dem Islam Praxis war. Wenn der Koran also diese Strafe erwähnt, führt er im Grunde nichts Neues ein, sondern greift lediglich ein bekanntes Mittel auf, das der Koran explizit zur Abschreckung vor dem Diebstahl einsetzt. Die koranische Betonung liegt also auf der Verwerflichkeit des Diebstahls, nicht auf der Form der harten Strafe. Man muss heute diesen geschichtlichen Hintergrund, der unter Muslimen wenig bekannt ist, ignorieren um in den Körperstrafen vom Islam neu eingeführte Rechtsnormen mit universalem Geltungsanspruch erkennen zu können. Diese hier dargestellte Relativierung durch den historischen Kontext lässt sich interessanterweise auch koranimmanent motivieren, wobei Relativierung hier bedeuten soll, dass eine Norm nicht als universelle Maxime verstanden wird, sondern von einem konkreten Kontext abhängig gemacht wird. Das klassische islamische Recht ist voll von Relativierungsmechanismen, z. B. durch die takhsis-Methode, die universelle Koranaussagen auf spezielle Kontexte reduziert. Jedoch wurde dort der historisch-kulturelle Kontext selten als relativierende Bedingung mitbedacht.
Nun also zum koranimmanenten Argument: Der Koran selbst betont als allgemeines moralisches Prinzip, dass eine Strafe der begangenen Schuld angemessen sein soll (z. B. 42:40). Womöglich konnte damals ein Diebstahl viel stärker als heute Existenzgrundlagen gefährden und musste daher zur Abschreckung mit möglichst harten (aber sehr selten vollzogenen) Strafen geahndet werden – mittlerweile gibt es diverse staatlich gesicherte Versorgungs- und Ausgleichsmöglichkeiten für Bestohlene. Wäre es da nicht konsequent wiederum unter Verweis auf das koranische Angemessenheitsprinzip die genannte Rechtsnorm als überholt, d. h. als mittlerweile unnötig geworden auszuweisen, wenn sie doch unter heutigen Verhältnissen eindeutig unverhältnismäßig ausfällt? Selbst der originelle sudanesische Islamist Hassan al-Turabi konnte sich dazu durchringen einzugestehen, dass die Körperstrafen nicht mehr zeitgemäß seien. Warum sollten da moderater eingestellte Muslime heute der Versuchung erlegen Körperstrafen als universelle Norm plausibel machen zu wollen, statt sie viel eleganter als das zu beschreiben, was sie sind, nämlich als konkrete, zweckgebundene Handlungsanweisungen unter konkreten gesellschaftlich-politischen Bedingungen, die uns heute (Gott sei Dank) fremd sind?
Um es kurz zu machen: Damals schreckten Körperstrafen vom Diebstahl ab. Heute schrecken sie in erster Linie vom Islam ab. Aber: Wie erklärt man dies den Taliban?
Historisierende Argumente wirken allerdings überzogen, wenn ihre namhaften Vertreter z. B. andeuten, dass man den Zielen des rituellen Betens und Fastens heute im Wesentlichen auch durch Kunst und Musik nachkommen könne, oder wenn durch einen hermeneutischen Wunderakt gar der normative Anspruch des gesamten tradierten Islams aufgehoben werden soll. Inhaltliche Beliebigkeit zugunsten einer vorbehaltlosen Angleichung an die Moderne ist ein weit verbreiteter und ernst zu nehmender Vorwurf der Kritiker historisierender Methoden. Letztere werden dadurch aber nicht zwangsweise rückwärts gewandt. Viele von ihnen glauben, dass man auch ohne komplett neue Hermeneutik so manche problematisch gewordene Auslegung entschärfen kann, nämlich durch Rückgriff auf alternative Konzepte aus der islamischen Rechtstradition bzw. durch eine differenzierte Erläuterung derselben. Im Abschnitt über die textuellen Kontexte habe ich einige Beispiele hierzu genannt. Dies muss man sich vor Augen halten, wenn man im Diskurs über den Islam in der Neuzeit aus Begeisterung für moderne Koranhermeneutik die Stimme des eher klassisch ausgerichteten muslimischen Mainstreams nicht übergehen will.
Dennoch möchte ich hier betonen, dass der Einbezug des historischen Kontextes zur Relativierung des Geltungsbereiches koranischer Normen nur bei oberflächlicher und gewissenloser Anwendung Gefahr läuft zur Beliebigkeit zu führen. Wie am obigen Beispiel der Körperstrafe dargestellt, müssen mehrere Argumentationsebenen ausgelotet werden, ehe ein schlüssiges, mit dem Gehalt der koranischen Lehre vereinbares Relativierungskonzept für einzelne Normen gefunden werden kann. In jedem Fall ist der historisierende Zugang im islamischen Recht noch relativ neu und muss daher mit Bedacht gehandhabt werden, da er mit einer unausgereiften Methodik eventuell das Bad mit dem Kinde auszuschütten vermag. Und wer das Historisieren koranischer Aussagen für gänzlich unvereinbar mit dem Offenbarungsanspruch des Korans hält, den weise ich gerne darauf hin, dass das erste historisierende Argument dieser Art wohl vom Prophetengefährten und zweiten Kalifen Umar persönlich stammt. Er hob eine eindeutige, koranische Bestimmung zur Verteilung der Zakat-Steuer (es ging um den Steueranspruch der mu'allafat qulubuhum, also um eine Gruppe, deren Herzen für den Islam zu gewinnen war, 9:60) mit der Begründung auf, dass dieser Vers unter politischen Umstände geoffenbart worden war, die sich mittlerweile geändert hätten. Diesen Entschluss fasste er einige Jahre nach dem Tod des Propheten. Mittlerweile sind 14 Jahrhunderte vergangen.
Mir persönlich erscheint ein an Einzelproblemen orientierter, methodisch pluraler Zugang zum Koran am angemessensten. Denn sowohl der Koran, als auch die Herausforderungen unserer Zeit sind viel zu komplex um auf die Erfahrungen der verschiedenen Zugänge verzichten zu können. Doch vorerst nur soviel zu den Lesarten, die zur Aussöhnung von Islam und Moderne beitragen können, wohlgemerkt, dass hier von einem unüberblickbar weiten Feld die Rede ist, das ich hier künftig ausführlicher darstellen und diskutieren will.
5. Die Lebenswirklichkeit als Leitlinie
Solche Möglichkeiten des Verstehens sind für eine theoretische Aufarbeitung des Islams in der Neuzeit ebenso von Bedeutung wie zur Ablehnung untragbarer Lesarten von Fanatikern und unreflektierten Fundamentalisten. Vor allem zeigen sie die zunehmende Praxis einer innerislamischen kritischen Vernunft auf, die im Einklang mit islamischen Glaubensaxiomen die Offenbarung selbst nicht in Frage stellt, aber sie im Lichte heutiger Verhältnisse neu zu erschließen sucht – und das ist nicht wenig.
Die Ansätze solcher Lesarten reichen zu großen Teilen in die islamische Tradition zurück. Und für mich waren sie hilfreich um jenseits der Auseinandersetzung mit Wortlaut-Fundamentalismen und differenzierungsunwilliger Islamkritik das eigentlich substanzielle Thema des Korans nicht aus dem Blick zu verlieren, nämlich das intime Verhältnis zwischen Gott, Mensch und Kosmos.
Aber wie zu Beginn angedeutet: Die meisten Muslime vereinbaren ihren Glauben mit der Moderne äußerst selten durch eine Beschäftigung mit klassischer oder moderner Koranexegese. Ihre Haltung kommt besser im türkischen Bonmot zum Ausdruck, dass die Zeit der beste Exeget ist. Es sind die Lebenswirklichkeit, die Notwendigkeiten und vor allem authentische Vorbilder, die die nachhaltigsten Wege zur Vereinbarung von Islam und modernen Lebensverhältnissen, und somit auch zur Integration in Deutschland weisen - politische Grundsatzdebatten zum Islam dagegen verfallen oft in eine oberflächliche Spekulation über Ursachen und hinterlassen selbst bei liberalen Muslimen das unwohle Gefühl weder verstanden zu werden, noch erwünscht zu sein.
Nachhaltigere Integrationsperspektiven ließen sich meines Erachtens gewinnen, wenn man von den realen und individuellen Lebenssituationen der Muslime Deutschlands ausginge – und diese sind komplex und von wesentlich mehr als von orthodoxer Religion geprägt. Dazu sind wir aber verstärkt auf die Empirie angewiesen: Es sind die erfolgreichen Erfahrungen muslimischer Migranten selbst, auf die wir zurückgreifen sollten, wenn wir nach Wegen zu einer besseren Integration in Deutschland suchen. So hat der Lebensvollzug der jungen Generation zwischen zwei Kulturen eine ganze Reihe solcher Wege eröffnet. Sie wissen mit Sicherheit am besten, wo ihnen der Schuh drückt, und wie man da Abhilfe schaffen könnte. Die meisten von ihnen sind Pioniere, die keine Vorbilder oder Anleitung hatten, aber nun selber zu Vorbildern für ihr Umfeld geworden sind. Ich denke da beispielsweise an die wachsende Zahl junger Türkinnen und Türken, die eine blinde Traditionsgläubigkeit ebenso ablehnen, wie die kategorische Diffamierung des Islams oder der türkisch-islamischen Kultur – jene Kinder des Korans, die sich ihre vielschichtige Identität, oftmals mühsam im Laufe eines Lebens zwischen den widersprüchlichen Erwartungen, Aufmunterungen und Anfeindungen der gemischten Gesellschaft erkämpft haben. Sie sind die sogenannten Ausnahmen, die letztlich alleine Gelassenen, für deren Ansichten und Probleme sich niemand wirklich interessiert. Wahrscheinlich haben sie das Paradigma einer integrierten deutsch-türkisch-islamischen Identität längst definiert, wurden jedoch aufgrund fehlender Stimmen in der Öffentlichkeit noch zu wenig wahrgenommen. Sie hätten den Theoretikern des Islams, aber auch der deutschen Öffentlichkeit sicherlich einiges zu sagen. Es wäre ein großer Gewinn, wenn auch sie das Wort ergreifen würden, wenn über Migranten, Türken, den Islam und den richtigen Weg zur gemeinsamen Gesellschaft diskutiert wird.
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Kommentare (1)
Danke für diese Erläuterungen. So ist mir verständlicher geworden, warum eine Verständigung zwischen Christen und Muslimen so schwierig ist. Sie gehen von der Lebenswirklichkeit aus. Die wenigsten streiten ja ab, das die meisten Muslime friedlich in Deutschland leben. Viele haben nur das Gefühl, dass die Muslime trotz der islamischen Traditionen friedlich sind und nicht aus dem Islam heraus. Denn ich frage nicht danach, welche moralischen Handlungen nach der Bibel geboten sind, so wie Muslime fragen, welche Handlungen nach dem Islam geboten sind. Ich leite nicht aus der Bibel und nicht einmal aus meinem Glauben ab, welche Handlung in der Situation gut oder besser wäre. Meine moralischen Maßstäbe orientieren sich an der Erziehung durch Eltern und Lehrer, durch Auseinandersetzung mit Literatur und Tradition auf säkularer Ebenen. Zugegebenermaßen ist meine Erziehung und die mir zugängliche Literatur von christlichen Vorstellungen beeinflusst. Aber ich frage nicht die spezifisch christliche Tradition um Rat bei der Verantwortung von moralischen Fragen. Vielmehr geht es mir um einen universellen moralischen Anspruch der verschiedene Religionen und Weltanschauungen umfasst. Mein Problem ist nicht so sehr, nicht zu wissen, was in einer Situation gut oder besser wäre, sondern mein Unvermögen - das grundsätzliche Unvermögen aller Menschen -, den Ansprüchen gerecht zu werden. Dafür bietet mir mein Glauben die Lösung.
Dass die meisten Muslime aus ihrer Lebenswirklichkeit heraus versuchen, ihre Handlungen in Übereinstimmung mit ihrem Glauben zu bringen, kann ich mir vorstellen. Aber was ist in diesem Fall die Grundlage für ihren Glauben? Von außen her kann ich nur auf schriftliche Traditionen, allen voran Koran, zugreifen. Mündliche Traditionen und Lehren, Glaubensverhaltenspraxis mögen für den Gläubigen wirksamer sein. Aber die schriftlichen Traditionen scheinen von außen gesehen der Glaubenspraxis zum Teil zu widersprechen, ohne dass die einfachen Gläubigen ihre schriftlichen Traditionen kritisieren bzw. die Differenz durch historisch-kritische Auslegung erklären können oder dadurch relativieren, dass sie selbst in ihrem Handeln nicht dem Ideal entsprechen.
Wenn nun aber die schriftlichen Traditionen nur selektiv und verkürzt bekannt sind, wie ihr Hinweis auf den Katechismus zeigt, wird klar, warum subjektiv auch gar keine wirkliche Differenz zu den Traditionen besteht: Es handelt sich vielmehr um den persönlichen Glaubensweg gefühlsmäßig eingebettet in Traditionen, wie wenig bekannt auch immer. Wenn ich also von außen kommend sage: Auf mich wirkt der Koran gewalttätig und bedrohlich, patriarchalisch, nicht nur in einzelnen Minzitaten, die relativierend kontextuell abgeschwächt werden können, sondern als Gesamtkonzept trotz einzelner postiver Zusagen, dann können das Muslime nicht unbeding nachvollziehen, weil sie einen ganz anderen Zugang zu ihnen bekannten Teilen des Koran haben. Und vom Koran schließe ich auf den Islam, weil er das verbindende schriftliche Element aller Muslime ist.
Für die innerislamische Diskussion kann ich mir gut vorstellen, dass der Bezug auf die Lebenswirklichkeit in dieser Zeit und in diesem Land eine Lösung ist.