andalusian.de

Deutsches, Türkisches und Islamisches
  • andalusian-Blog
  • Über mich

Die Kinder des Korans 3: Innere Zusammenhänge im Koran

am Samstag, 25 Dezember 2010. Geschrieben in Geschlechter, Islamkritik, Islamisches Recht, Koran, Menschenrechte

Doch was steht denn nun „wirklich“ in Sure x, Vers y? Immerhin ist trotz dem Gesagten nicht zu leugnen, dass alle heutigen Islamkonzepte, einschließlich der problematisch aromatisierten, in irgendeiner Form auch auf den Koran referieren. Die wegweisende Einsicht für mich lautete wohl: Das Verhältnis zwischen Theorie und Praxis unter Muslimen ist viel zu komplex, um jedes praktische Problem im Umfeld des Islams als Abbild von Verhältnissen im Koran erklären zu können. So führen viele Muslime sogar den Koran selbst als Korrektiv von so mancher islamisch geglaubten Haltung und Praxis an. Beispielsweise betonen zeitgenössische Koranexegeten und Islamgelehrte wie Süleyman Ateş oder Hayrettin Karaman, dass Todesstrafen für Abtrünnige und verheiratete Ehebrecher dem Wortlaut des Korans widersprechen und somit abzulehnen sind – und stellen sich damit gegen weit verbreitete Auffassungen im klassischen islamischen Recht. Dabei verstehen sich viele dieser reformorientierten Gelehrten oft nicht einmal als Reformer.

Der genannte Dissens wurzelt manchmal einfach darin, dass im klassischen islamischen Recht der Koran nicht immer als höchste Instanz gesehen wurde, sondern seine milderen Normen unter Verweis auf außerkoranische Überlieferungen verschärft wurden. Hier verfahren manche Neuzugänge so, dass sie einen Vorrang koranischer Aussagen vor allen anderen islamischen Quellen behaupten. Dies ist insbesondere im Falle der Steinigung für Ehebrecher und der Todesstrafe für Glaubensabtrünnige der Fall. Von vielen reformorientierten Autoren werden einige drastische Strafnormen der klassischen Scharia also ausgerechnet durch eine Betonung des Korantextes zurückgewiesen.

Aber auch subtilere Zusammenhänge im Koran möchte man mit einem neuen Blick offenlegen. Beispielsweise ist das Denken und Handeln in manchen muslimischen Kreisen in der Tat von patriarchalischen Mustern geprägt. Passend dazu findet man nun Koranverse, die eindeutig patriarchale Züge tragen – warum sollte man da nicht eine notwendige Verbindung wittern? Vielleicht aus folgendem Grund: Es gibt im Koran auch zahlreiche Verse mit emanzipatorischen Zügen, nur dass sie im klassischen islamischen Recht meist ebenso unbeachtet blieben, wie sie heute noch unter Muslimen unbekannt sind. Diese Verse ermöglichen es patriarchalisch gefärbte Einzelpassagen in relativierende größere Zusammenhänge zu stellen. Männer und Frauen seien einander Gehilfen, heißt es da zum Beispiel (9:71). Auch eine längere Schilderung der Geschichte der Königin von Saba findet man in Sure 27, die zudem als weisere (und demokratischere) Regentin dargestellt wird als männliche Despoten wie Pharao. Warum dies nicht als Korrektiv zu patriarchalen Einäugigkeiten geltend machen?

Auch zum Grundverhältnis zwischen Mann und Frau heißt es im Koran, dass Gott zwischen diesen nicht etwa Unterhalt und Gehorsam, sondern „Liebe und Zärtlichkeit“ gesetzt habe, und zwar ohne Bedingungen (30:21). Hingegen werden im Vers, in dem der Mann als Familienoberhaupt eingesetzt wird, Begründungen bzw. Bedingungen genannt. Die einzige eindeutige lautet dabei, dass der Mann in einem starken Sinne die Familie versorge (wörtlich: von seinem Vermögen hergebe - 4:34). Und dies ist offensichtlich eine bewegliche Bedingung. Warum sollten da die traditionellen Hierarchien nicht auch beweglich sein? Verblüffend für mich – aber eigentlich trivial – war dabei die Feststellung, dass kein noch so eindeutig wirkender Wortlaut das letztlich Entscheidende ist, sondern stets der größere Sinnzusammenhang, der nur durch ein gründliches Textstudium und eine interpretatorische Leistung erschlossen werden kann.

Um solche Zusammenhänge zu erkennen bedarf es gerade beim Koran oft eines zweiten, umfassenderen Blicks. Den guten Willen dazu muss man freilich selbst mitbringen. Wenn man dies ernst nimmt, dann wird die Glaubwürdigkeit des Anführens isolierter Koranzitate als Totschlagargument für absolute Thesen der Art „Der Islam ist…“ zweifelhaft. Der islamischen Tradition ist dieses Prinzip des hermeneutischen Zirkels übrigens gut bekannt: als Auslegung des Korans durch den Koran – demnach gelangt man zur besten Auslegung eines Verses durch das Studium der anderen Verse. Zu den heutigen Akzentverschiebungen in den Auslegungen könnte man dem mittlerweile zum Staatsminister avancierten türkischen Theologen und Philosophen Mehmet Aydın folgend sagen, dass die Muslime eine ganze Reihe von Koranversen für die Neuzeit neu entdeckt haben.

(Fortsetzung: Die Kinder des Korans 4)

Social Bookmarks

Kommentare (0)

Bitte Kommentar schreiben

Sie kommentieren als Gast.

Abbrechen Sende Kommentar...
Suche
andalusian-Themen
  • Allgemeines
  • Arif
  • Bildung
  • Christentum
  • Denker
  • Erziehung
  • Fundamentalismus
  • Geisterstunde
  • Geschlechter
  • Identität
  • Inspirationen
  • Integration
  • Islam
  • Islamkritik
  • Islamisches Leben
  • Islamisches Recht
  • Judentum
  • Koran
  • Koranische Kosmologie
  • Kunst
  • Kurzgeschichte
  • Menschenrechte
  • Musik
  • Philosophie
  • Sinn des Lebens
  • Terrorismus
  • Theologie
  • Türkçe
  • Türkei
  • Türken
  • Weltpolitik
  • Wissenschaft

Copyright © 2009 ---.
All Rights Reserved.

Joomla template created with Artisteer.