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Erdoğan wirbt in den Ländern des arabischen Frühlings für den Laizismus

am Sonntag, 18 September 2011. Geschrieben in Türkei, Weltpolitik

Es folgt meine Übersetzung der Äußerungen des türkischen Premierministers Erdoğan zum Thema Laizismus auf einer Pressekonferenz in Libyen während seiner Tour durch einige Länder des arabischen Frühlings (Tunesien, Ägypten, Libyen). Das ist wohl der beste Beweis dafür, dass mit dem Zusammenbruch des klassischen Kemalismus auch der klassische Islamismus in der Türkei endgültig Geschichte ist. In den islamischen Ländern reagierte man auf Erdoğans unerwartet enthusiastisches Plädoyer teils mit Widerspruch, z. B. von Seiten der ägyptischen Muslimbruderschaft. Manche islamische Intellektuelle in der Türkei sehen Erdoğans Versuch das nunmehr moderate, spezifisch türkische Laizitätskonzept zu exportieren ebenfalls kritisch. Hierzu wäre noch anzumerken, dass Erdoğan zwar Laizismus (türkisch: laiklik) sagte, aber offensichtlich eher den säkularen Staat meinte, der zwar religiös neutral ist, aber das Thema Religion nicht kategorisch aus der Öffentlichkeit ausschließt.

Säkulare Kolumnisten wie Ertuğrul Özkök von der Hürriyet und Ahmet Altan von Taraf lobten den Premierminister für seine überraschenden Auftritte. Ich persönlich bin verblüfft und begeistert. Allerdings lassen Erdoğans allzu knappe Äußerungen letztlich viele Fragen offen und ich würde gerne etwas mehr über die theoretischen Hintergründe (wenn es diese überhaupt gibt) von Erdoğans Äußerungen wissen würde. Wie dem auch sei: Nichts im Orient wird wieder so sein, wie es bislang war...

"Ich habe mich zum Thema Laizismus schon in Ägypten und Tunesien, und noch vor Ägypten in der Türkei auf Dream TV geäußert. Mir scheint es, dass manche die Übersetzungen [ins Arabische – HT] verfälschen. Meine Botschaft an die Türkei muss ich nicht nochmals aus dem Ausland wiederholen. Mein Volk in der Türkei weiß sehr wohl, was ich darüber denke. Und weil es dies sehr gut weiß, geben Sie [uns] 50% ihrer Stimmen. Wir haben kein Problem. Aber ich glaube, dass es in diesen Regionen beim Verstehen und Kennenlernen des Laizismus Gespräche oder Debatten geben wird...

Für mich bedeutet Laizismus nicht Religionslosigkeit, oder eine Ablehnung von Religion. Die Beschreibung des Laizismus im Programm meiner Partei lautet: Nicht das Individuum, sondern der Staat ist laizistisch. Wenn ein Muslim einen laizistischen Staat lenkt, dann wahrt er gegenüber allen Glaubensgruppen den selben Abstand – sowohl gegenüber Muslimen, als auch Christen, als auch Juden, als auch Atheisten. Und die Überzeugung dieser weltanschaulichen Gruppen steht unter dem Schutz dieses Staates. Das ist unser Verständnis. Wenn wir [mit Ihnen] hier in einem Punkt verschiedener Meinung sind: Wir sind bereit bei jeder Gelegenheit darüber mit jedem zu diskutieren. Und wenn das, was wir sagen, unseren Werten, oder dem Islam widerspricht, dann überzeugen Sie mich bitte davon.“

(Quellen hier und hier, kritischer Kommentar auf Welt-Online hier, danke an Serdar Günes für begriffliche Hinweise)

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Kommentare (1)

  • Ella
    Ella
    19 September 2011 at 19:06 | #

    Bislang habe ich Hakan Turans Blog nicht als Satire-Magazin wahrgenommen:auch die Veröffentlichung einer Satire,die ein Politiker auf sich selbst verfasst ist Satire.
    Meine Empfehlung an Hakan Turan: "Christen in der Türkei" recherchieren!
    Die Ergebnisse sollten Sie von der Höhe Ihrer Begeisterung auf den Boden zurückholen.Es gibt in der Türkei keinen "gleichen Abstand" des Staates zu allen Religionsgemeinschaften.Die Christen nicht nur in Deutschland nehmen sehr genau wahr,wie sich die Situation für Nichtmuslime in der Türkei gestaltet.
    Eine staatliche Religionsbehörde,widerspricht eigentlich auch den Prinzipien eines laizistischen Staates,ebenso religiöse Staatsbedienstete,wie die Imame,die auch nach Deutschland entsendet werden.Erdogans Definition von Laizismus entspricht wohl eher einer "Erdoganisierung" dieses Begriffs.Deutschland ist ebenfalls kein laizistischer Staat,sondern säkular.
    "Nicht das Individuum,sondern der Staat ist laizistisch." Man kann nur hoffen,dass zumindest die Möglichkeit in Betracht gezogen wird,dass in dieser Definition auch das laizistische Individuum vorgesehen ist.Sonst wäre es auch hier nichts mit dem "gleichen Abstand".
    Im übrigen mag ich Satire,und manchmal ist sie dort am besten,wo sie als solche nicht geplant war.

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