Gedanken zu Necla Kelek
am Dienstag, 08 März 2011. Geschrieben in Integration, Islamkritik
Bei der Lektüre von Patrick Bahners "Die Panikmacher", einer lesenswerten Streitschrift gegen die namhaften Islamkritiker im öffentlichen Diskurs, bin ich wieder neugierig auf meine Aufzeichnungen zu Necla Keleks "Die fremde Braut" geworden, die ich vor einigen Jahren für mein eigenes Archiv angefertigt hatte. Ich will hier künftig das eine oder andere davon kommentiert veröffentlichen. Ich hoffe, dass weder Necla Kelek, noch ihre Sympathisanten so etwas persönlich nehmen. Eine öffentliche und derart einflussreiche Person wie Kelek muss Kritik aushalten - und Necla Kelek hat darin mittlerweile beste Erfahrung und kann darin durchaus als Vorbild dienen.
Damals, als ich ihr Buch las, war ich tief beeindruckt vom Mut und der Selbstlosigkeit Keleks, aber zugleich auch zutiefst enttäuscht von ihrer radikalen Islamfeindlichkeit und ihrer Entschlossenheit den Islam und die Kultur der Muslime ohne jedes Wenn und Aber zu dämonisieren.
Letzteres wäre an sich nicht originell und auch nicht weiter bedenklich - wenn Necla Kelek in den Medien nicht zur Islamexpertin und zum Ansprechparter Nummer eins in Integrations- und Islamfragen hochstilisiert worden wäre. Viele Deutsche, die ansonsten keinerlei Kontakte zu Türken oder Arabern haben, sind zum ersten Mal durch ihren Bestseller ausführlich über den Islam und das Innenleben der türkisch-islamischen Kultur "informiert" worden. Viele von diesen folgern auf völlig nachvollziehbare Weise, dass Kelek ja wohl wisse, wovon sie rede - schließlich sei sie ja in der türkisch-islamischen Kultur groß geworden.
Ich kann an dieser Stelle eines versichern: Wenn die türkisch-islamische Kultur wirklich jener rückständige, menschenverachtende, monolithische Kulturblock wäre, von dem Kelek berichtet, und wenn der Islam jene reformfeindliche und mit Vernunft unversöhnbare Religion wäre, die Kelek uns vorstellt, dann hätte ich sowohl der türkischen Kultur, als auch der Religion des Islams schon vor langer Zeit den Rücken gekehrt.
Ich sehe mich aber in der äußerst glücklichen Lage mir eine intakte deutsch-türkisch-islamische Identität zu attestieren, in der alle drei Komponenten in intensiven Farben auftreten und sich zu einer bunten, aber harmonischen und gewiss nicht dogmatischen Kultur zusammenfügen. So und nicht anders sieht meine dezidierte Rückweisung der Behauptungen und Forderungen der Kulturkämpfer und Monokulturalisten aus. Über alles weitere bin ich jedoch bereit zu verhandeln, da ich selbst den Bedarf nach einer ständigen Neuorientierung sehe.
Keleks dezidiert undifferenziertes und unversöhnliches Islambild ist an sich nicht mein Problem. Jedoch wird es zu dem Zeitpunkt auch zu meinem Problem, wenn Muslime oder Türken jedweder Couleur von vielen Deutschen zunehmend durch eine Keleksche Brille wahrgenommen werden. Kelek hat wohl mehr als alle anderen Islamkritiker das Feindbild Islam im öffentlichen Bewusstsein dauerhaft verankert und ihm eine scheinbare intellektuelle Redlichkeit verliehen - nämlich durch vermeintlich authentische Nachweise der Islambezogenheit aller Integrationsprobleme von Muslimen.
Ich will dennoch Keleks Engagement auch etwas Positives abgewinnen: Die Schwarz-Weiß-Botschaften über Muslime, die Kelek verbreitet, können nur deshalb Gehör finden, weil von muslimisch-religiöser Seite nicht schon lange vor ihr der systematische Versuch unternommen wurde die gängige Praxis und Theorie des Islams im weiteren Sinne einer gründlichen Kritik zu unterziehen und genaustens zu überlegen, was es wert ist weiterhin geglaubt und gelebt zu werden, und was aus guten Gründen, die auch der aufgeklärte, religiöse Muslim annehmen kann, verworfen werden muss. Denn nicht alles Kritische, was Kelek schreibt und sagt, ist falsch. Das ist ja gerade die heikle Randbedingung, die jeder berücksichtigen sollte, der Necla Kelek kritisiert.
Andererseits muss man dazu natürlich erst mal ihre Bücher und Artikel gelesen haben. Und eben dies sollten nicht nur deutschstämmige Intellektuelle machen, die sich große Mühe geben Normalität und Anspruch in den Integrationsdiskurs zu bringen, sondern auch jene Menschen, über die Kelek letztlich ja schimpft und schreibt. Eine solche Lektüre ist für den am Thema Interessierten anstrengend, aber langfristig gewiss keine Zeitverschwendung: Zum einen erfährt man dabei, was das deutsche Publikum bewegt, und wo bei den Muslimen womöglich wirklich blinde Flecken vorliegen. Zum anderen erkennt man, dass Necla Kelek in den Medien viel größer wirkt, also sie letztlich ist: Der halbwegs kundige Leser wird in vielen Passagen Keleks zum Islam und zur Beurteilung gesellschaftlicher Phänomene klaffende Fehler, Wissenslücken und schlichtweg groteske Zumutungen an die Vernunft finden. Wenn man also die Autorin kritisieren möchte, dann bietet sich in ihren Inhalten ein hinreichend großes Feld – Verlautbarungen über ihre „wahren“ Absichten, zudem ohne ihre Bücher gelesen zu haben, sind nutzlos, rein spekulativ und kontraproduktiv.
Andererseits kann man daraus auch Folgendes lernen: Wenn eine Autorin trotz solcher offensichtlicher Schwächen von wichtigen Teilen des deutschen Bildungsbürgertums als Autorität empfunden wird, dann muss ihre Kernbotschaft eben einen zentralen Nerv der deutschen Gesellschaft getroffen haben. Die Analyse dieses Nervs ist noch wichtiger als die Versuche Kelek zu widerlegen. Schon in der Vergangenheit haben überstürzte Widerlegungsversuche eher noch zu einer Steigerung des Ansehens von Kelek beigetragen, da sie plötzlich in der Opferrolle stand – Bahners nennt z. B. die eher kontraproduktive Wirkung des gut gemeinten, aber in mancherlei Hinsicht angreifbaren offenen Briefes von 60 Migrationsforschern („Gerechtigkeit für die Muslime“), die insbesondere auch Kelek kritisierten. Offensichtlich ging es ihren Unterstützern nicht um die sachliche Richtigkeit einzelner Aspekte von Keleks Werk, sondern um das Gesamtbild einer scheinbar intellektuell redlichen Kampfansage gegen die im Islam verortete Gefährdung Deutschlands.
Wer also Kelek kritisiert, sollte sich darüber im Klaren werden, dass nicht primär sie, sondern die Empfänglichkeit eines großen Publikums für ihre Thesen das eigentliche „Problem“ ist. Und eben diese Empfänglichkeit liegt zum einen durchaus an manchen fremdenfeindlichen Elementen in Deutschland. Hinzu kommt auch die aus der klassisch-deutschen Bildungskultur herrührende und äußerst großzügige Ungenauigkeit und Voreingenommenheit beim Umgang mit dem Thema Islam, so z. B. wenn selbst die wütende Öffentlichkeit eigentlich nicht so recht explizieren kann, wovon sie redet, wenn sie "Islam", "Türke" oder "Integration" sagt. Beweis? Bitte sehr: Wenn sich ein normaler „Türke“ annähert, wird ihm oft das freundlich gemeinte, aber an sich den Urheber entlarvende Etikett "Ausnahme" verpasst. Damit ist das Weltbild wiederhergestellt: Hier die heilsame Ausnahme, und dort die vermutete, viel größere Gruppe der alles demolierenden Prügeltürken.
Aber – und das fällt Muslimen oft schwer zu erkennen – diese Kelek-Empfänglichkeit der deutschen Öffentlichkeit liegt auch an der schon Jahrhunderte währenden Nachlässigkeit des islamischen Kulturkreises in der Selbsterneuerung, der konstruktiven Selbstkritik und der wissenschaftlichen, systematischen Welterschließung in Theorie und Praxis. Diese Nachlässigkeit hat zur Ausbildung ungeheurer Angriffsflächen geführt, die komplett erneuert, und nicht einfach nur verteidigt werden müssen. Ich sage bewusst Nachlässigkeit, und nicht Ausbleiben, da es zahllose Versuche einer solchen Erneuerung gegeben hat, die sich jedoch meist aufgrund widriger politischer Umstände nicht durchgesetzt haben. Aber sie gibt es, und von diesen zehren wir geduldig.
Es ist immer noch fast unmöglich Bücher oder Internetseiten zu den Themen Islam oder Türken zu finden, die das widergeben, was z. B. Muslime oder Türken in Deutschland wirklich leben und denken. Vor kurzem bin ich, der ich mich mit all dem aus reiner Leidenschaft in meiner freien Zeit beschäftige, mit einer Anfrage aus Nordamerika (!) zu den Kriegsversen des Korans konfrontiert worden. Die deutsche Freundin eines türkischen Freundes war bei einer streng christlichen Gastfamilie untergebracht, durch die sie auf einen drastischen Kriegsvers des Korans (Sure 9, Vers 5 – ich kann die Sure schon fast auswendig!) aufmerksam gemacht wurde. Damit wollte die Familie ihr beweisen, dass die Muslime alle Nichtmuslime töten wollten. Mein Freund kannte diesen Vers nicht – und trotz Internetrecherche fand er nach eigener Auskunft keine wirklich gute Erklärung zu diesem Vers. Das Bezeichnende ist: Die meisten Muslime, selbst die praktizierenden, kennen diesen Vers, der zum Grundarsenal der Islamkritiker gehört, nicht! Wie sollten sie da erst eine Erklärung dieses Verses liefern können? In so einem erbärmlichen Zustand befindet sich die Theorie des Islams im Moment (von der Praxis will ich erst gar nicht sprechen). Wenn sich nun ein Deutscher dem Thema Islam objektiv annähern will, aber dabei von einer Unklarheit in die nächste stolpert – wie soll man es ihm da übel nehmen, wenn er irgendwann dann doch die Religion und Kultur der Muslime für alle Probleme bei den Muslimen verantwortlich macht?
Fazit: Es sind nicht konkrete Individuen, sondern es sind die negativ besetzten Schemata "Islam" oder "Türkischer Mann", gegen die manche Deutsche empfindlicher geworden sind. Genau darum nehme ich die Integrationsdebatte zwar sehr ernst, aber nicht persönlich. Autoren wie Necla Kelek wiederum bedienen eben genau diese Empfindlichkeit der Deutschen, indem sie "bittere Wahrheiten" mit bitteren Halbwahrheiten, unzulässigen Verallgemeinerungen und grotesken Ursachenzuschreibungen zu einem deftigen Eintopf verrühren. Wer hier an Problemlösung interessiert ist, muss wohl oder übel tief schürfen, sehr tief, zu tief für die, die es eilig haben...
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