Gott, das Bewusstsein und die Seele
am Montag, 25 April 2011. Geschrieben in Koranische Kosmologie, Theologie
(Fortsetzung von: Gott als der du-hafte Urgrund der Welt)
Das Bewusstsein weist womöglich über die Natur hinaus
Zu behaupten, dass dieser Urgrund, also Gott, nicht nur es-, sondern auch du-haft ist, ist das eine. Zu behaupten, dass wir über diese beiden Weisen sinnvoll sprechen können, ist das andere. Dass wir über den Urgrund nun doch so – abstrahierend und personal – sinnvoll sprechen können, liegt meiner Meinung nach daran, dass wir selbst nicht nur der physikalisch beschreibbaren Natur zugehörige Wesen sind, sondern auch über ein Bewusstsein verfügen, das trotz seiner Einbindung in die Natur womöglich auch in Bereiche der Welt hineinweist, die nicht mehr in Begriffen von Natur beschrieben werden können.
Mit dem Bewusstsein meine ich hier und im Folgenden zunächst nur die Qualität der wachen Empfindung – und zwar der wachen Empfindung von inneren Regungen, und Gedanken, aber auch von Wahrnehmungen von Sinnesreizen und geistigen Gegenständen wie Ideen oder Abstraktionen. Am Beispiel: Ich meine den verblüffenden Umstand, dass nicht nur unser Gehirn eine rote Farbe wahrnimmt, sondern dass wir auch wissen, dass "unser" Gehirn gerade eine solche rote Farbe wahrnimmt. Versteht ihr, was ich meine?
In dieser Qualitätsdimension wahrnehmen zu können ist eine rein innere Fähigkeit, die man nur hat, wenn man das betreffende sehende Gehirn ist. Wir können diese nur durch einen Blick nach Innen unmittelbar erforschen und etwas über sie lernen. Neurologische Untersuchungen hingegen geben nur Auskunft darüber, welche Hirnregionen auf welche Weise aktiv sind, wenn wir intern eine bewusste Empfindung haben. Aber diese bewusste Empfindung selbst lässt sich nicht von außen messen, auch nicht am Hirn, sondern eben nur von "innen", was immer das auch in Wirklilchkeit bedeuten mag.
Sinnvoll kommunizieren lässt sich darüber ausschließlich mit Wesen, die eine ähnliche innere Perspektive haben. Wissenschaftlich erforschen lässt sich dieses Phänomen daher nur unter der Bedingung, dass Menschen, die diese innere Fähigkeit besitzen, im Experiment mit Probanden kommunizieren, die ersteren wiederum von ihren inneren Wahrnehmungen berichten.
Das bedeutet: Es gibt neben der subjektiven Gewissheit über bewusste Wahrnehmungen zu verfügen keinen objektiv messbaren Hinweis auf diese innere Fähigkeit, sofern man sie in einer Kommunikationsgemeinschaft nicht schon übereinstimmend voraussetzt. Da wir diese Bewusstseinsqualität bei uns selbst bestens kennen und intuitiv bei unseren Mitmenschen voraussetzen, sind wir uns oft nicht darüber im Klaren darüber, dass wir es hier mit etwas Außerordentlichem zu tun haben, vielleicht mit dem außerordentlichsten Gegenstand der Wissenschaft überhaupt.
Das Bewusstsein steht erkenntnislogisch über der Natur
Dieses Bewusstsein ist unser eigentlicher Erfahrungsraum mit der Welt, ja das Tor zur Welt überhaupt. Damit meine ich, dass das Bewusstsein in der Hierarchie unserer Erkenntnislogik über der physikalischen Welt steht. Das heißt: Die physikalische Welt ist uns nicht einfach unmittelbar gegenwärtig, sondern sie wird uns überhaupt erst durch das Bewusstsein bewusst und somit zugänglich. Ohne Bewusstsein hätten wir keinen Begriff von der natürlichen Welt. Die Wahrnehmung der natürlichen Welt verdanken somit unserem Bewusstsein. Selbst unser Wissen über das Gehirn ist letztlich ein Wissen, das wir durch spezielle Bewusstseinsprozesse, namentlich durch die Wissenschaft, gewonnen haben. Die Natur haben wir als sinnvollen Begriff auf dem Wege einer Abstraktion unserer eigenen Bewusstseinsinhalte, die von einer Außenwelt handeln, gewonnen. Der Begriff ist legitim, ebenso die Annahme einer mit unseren Mitmenschen gemeinsamen Außenwelt.
Dennoch ist der Naturbegriff erkenntnistheoretisch nicht so fundamental wie unsere eigene Erfahrung als und mit dem Bewusstsein, das den Naturbegriff schließlich hervorgebracht hat. Insofern sollten wir skeptisch bleiben, wenn versucht wird mit wissenschaftlichen Theorien, die das Produkt unseres eigenen Geistes sind, unser eigentliches Tor zur Welt, nämlich das Bewusstsein selbst zum vernachlässigbaren Nebeneffekt zu erklären. Skeptisch heißt: Zu verstehen, wie das Gehirn funktioniert ist eine andere Sache als erklären zu können, was das Bewusstsein ist.
Ich möchte ich hier das Bewusstsein aber nicht nur erkenntnistheoretisch, sondern auch metaphysisch aufwerten, indem ich es aufgrund seiner einzigartigen, nur innerlich wahrnehmbaren Qualität als etwas verstehe, das nicht auf eine Konfiguration von Hirnzellen allein reduziert werden kann. Es gibt ein Mehr, das aus Hirnfunktionen eine bewusste subjektive Wahrnehmung macht, und dieses Mehr ist auslegungsfähig und -bedürftig. Ich entscheide mich nicht dafür, diese subjektive Wahrnehmung als Begleiterscheinung von Hirnaktivitäten zu deuten, wie es heute verbreitet ist. Sondern ich möchte diese subjektive Wahrnehmung als qualitativen Hinweis auf eine Seite des Menschen deuten, die nicht auf natürliche, d. h. physikalische Prozesse allein reduzierbar ist.
Natürliche und spirituelle Welt
Diese Aufwertung des Bewusstseins bedeutet nun nicht, dass das Bewusstsein, wie wir es kennen, keine materiellen Entsprechungen hätte, oder ihrer nicht bedürfte, oder identisch mit einer vom Körper unabhängigen Seele wäre. Es ist die zu den materiellen Gehirnprozessen hinzukommende Qualität der wachen Wahrnehmung, die ich als Hinweis darauf deute, dass der Mensch auch einen Anteil in einem Bereich hat, der das Natürliche überschreitet. Diesen zweiten Anteilsbereich des Menschen, den wir durch den Blick nach innen subjektiv erahnen, wenn auch nicht objektiv beweisen können, bezeichne ich im Unterschied zur Welt des Natürlichen bzw. Physikalischen als die Welt des Spirituellen. Beide Welten gehören zu einer Welt als Ganzem, also zur Gesamtheit der verursachten Dinge.
Der Mensch ist in beiden Welten zugleich zu Hause
Der Mensch ist für mich ein Wesen, das auf unteilbare Weise sowohl der natürlichen, wie auch der spirituellen Welt angehört. Folglich besitzen wir zwei Seiten, die in unserer Person eine Einheit bilden. Die Einteilung in zwei Seinsbereiche ist daher nichts, was uns in unserer Lebenspraxis teilbar und somit verfügbar wäre. Das zeigt sich insbesondere darin, dass selbst jede spirituelle Empfindung klar ausgeprägte natürliche Entsprechungen z. B. in Form von Hirnaktivitäten und hormonellen Veränderungen hat. Andererseits bedeutet dies auch, dass der spirituelle Anteil des Menschen vom natürlichen Geschehen nicht unbeeinflusst bleibt.
Zurückhaltung bei Aussagen über die spirituelle Welt
Wie das Miteinander von spiritueller und natürlicher Welt, oder gar eine Wechselwirkung zwischen beiden zustandekommt, entzieht sich grundsätzlich unserer empirischen Erkenntnisfähigkeit. Auch können wir nicht einmal erahnen, wie sich eine rein spirituelle Existenz anfühlen würde. Jede weitere Rede über die Qualitäten einer vom Körper unabhängigen Seele des Menschen bleibt für Normalsterbliche wie mich daher rein metaphorisch oder spekulativ und für die Lebenspraxis letztlich nutzlos.
Jedoch könnte man sich begrifflich darauf festlegen, dass die Qualität unserer wachen Wahrnehmung, nicht jedoch die gleichzeitige neurobiologische Konfiguration, ein Aspekt menschlicher Seele ist – also einer Seele, die eine wie auch immer geartete und zustande gekommene Verwurzelung in der spirituellen Welt besitzt, aber zumindest in unserer personalen Erfahrung nicht isoliert von der natürlichen Welt auftritt. Über diese Seele weiß ich fast nichts – aber ich weiß, wie sich das Bewusstsein als ein Aspekt dieser Seele quasi von innen anfühlt.
Über das Verhältnis von materiellem Gehirn und Leib, deren Außenansicht wir gut kennen, und der die Empfindungen wach-bewusst machenden Seele, deren Innenleben wir gut kennen, kann daher letztlich auch nur metaphorisch oder spekulativ gesprochen werden. Dies führt oft auf eine Vergegenständlichkeit des Begriffs der Seele, oder auf grobschlächtige Dualismen zwischen Körper und Seele, die weder mit dem, was wir heute vom Gehirn und seiner Funktionsweise wissen, noch mit der religiös fundierten Bescheidenheit in der Rede über Begriffe wie Seele bzw. Geist (vgl. Koran 17:85) zu vereinbaren sind.
Darum möchte ich trotz meines Glaubens an eine wie auch immer geartete menschliche Seele und einer über sie vermittelten Teilhabe des Menschen an der spirituellen Welt keineswegs mehr über die Seele behaupten, als ich wissen kann, und das ist ohnehin sehr wenig. Was ich für greifbar an der Seele halte, ist die besagte Qualität des Wach-Bewusstseins. Auch wäre es möglich die metaphysische personale Identität an eine individuelle Seele zu binden, oder die Metaphysik von Willensakten in eine noch zu klärende Beziehung zu etwas Seelischem zu setzen. Jedoch ist hier bereits der Bereich des Spekulativen betreten, und eine Rede darüber sollte nur eine Klärung der Lebenspraxis des Menschen und eine Versinnbildlichung seines Verhältnisses zur spirituellen Welt zum Ziel haben.
Aussagen über die wahre Natur der Seele führen meiner Meinung nach mit Sicherheit zu Irrtümern und sind nichts, zu dem man sich islamischerseits veranlasst fühlen müsste. Lieber sollte man zunächst die Neurobiologie und die Argumente in der Debatte des Leib-Seele-Problems zur Kenntnis nehmen, ehe man vermeintliche Gewissheiten über die Natur der Seele behauptet.
Wie gesagt ist es aber sehr wohl legitim metaphorisch über Entwicklungen und Regungen in der Seele des Menschen zu sprechen, solange wir damit nicht genaue Aussagen über uns unzugängliche Prozesse in der Seele treffen wollen. Denn in der religiösen Sprechweise über das Seelische im weitesten Sinne geht es nicht um theoretisches Wissen über die spirituelle Welt, sondern darum zu verdeutlichen, dass ein zentraler Teil unserer Person sowohl in jedem Moment des Lebens, wie auch nach dem Tod in engstem Verhältnis zu unserem Schöpfer steht.
"Und sie werden dich über den Geist (oder: die Seele, den Engel) befragen. Sprich: 'Der Geist ist eine Angelegenheit meines Herrn. Aber ihr habt nur wenig Wissen darüber." (Koran, 17:85)
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Kommentare (2)
Es würde mich sehr interessieren, wie du den am Schluß zitierten Vers interpretierst. Besonders was den "Geist" anbelangt.
Und da du in deinem Essay auf Gott deutest, würde mich interessieren, was es bedeutet von Gott Kenntnis zu haben oder zu wissen, das es einen metaphysischen Urgrund gibt (wenn hier die Zuspitzung auf Gott geht).
Im Grund ist, das sage ich jetzt pointiert, es doch relativ egal anzunehmen das es einen Gott gibt, wenn wir nicht wissen, was es bedeutet (besonders für uns) das es einen gibt.
Das meine ich nicht nur als rein philosophische Kritik oder Nachfrage, sondern bezieht sich auf die Umstand, dass die erst die Relevanz für uns durch die Du-haftigkeit entsteht. Oder anders formuliert, der "personale"(!) Charakter ist entscheident, neben der einer vertikalen Kommunikation wie wir sie bei Offenbarungsreligionen kennen, also Heilige Schriften oder Offenbarungen.
der mensch ist nicht nur in 2 welten zuhause, sondern in 3 welten..
der körper ist das materielle gefäß der seele, die seele ist das gefäß des geistes, der geist herrecht über alles
DREIEINIGKEIT.
diese 3 aspekte sind ineinander verwoben, so wie ein feuer, leuchtet, wärmt und verbrennt.....