Kann ein Mensch zugleich glauben und zweifeln?
am Samstag, 27 August 2011. Geschrieben in Erziehung, Inspirationen, Islamisches Leben, Koran, Theologie
Der Prophet Abraham ist eine der Schlüsselfiguren des Korans und in vielerlei Hinsicht der Prototyp des idealen gottergebenen Gläubigen. Dass dieser Glaube einerseits Ergebenheit (arabisch: islâm) erfordert, bedeutet mitnichten, dass dafür erst die Vernunft aufgeopfert werden müsste. Folgende für mich persönlich sehr bedeutsame Passage im Koran verdeutlicht, dass es weder unerwünscht, noch Sünde ist selbst an die Selbstverständlichkeiten des Glaubens offensiv genau jene Fragen zu richten, die einen - aus welchen Gründen auch immer - beschäftigen (nach Henning/Hofmann - Einfügungen von mir) :
"Und als Abraham sprach: 'Mein Herr, zeige mir, wie du die Toten lebendig machst!',
sprach er [Gott]: 'Glaubst du etwa noch nicht?'
Er [Abraham] sagte: 'Doch! Aber ich möchte in meinem Herzen ganz sicher sein...." (2:260)
Dies als beruhigender Hinweis an all jene, die sich als gläubig verstehen, aber zugleich offene Fragen oder Anflüge von Zweifeln innerhalb ihres Glaubens haben, die ihnen als Zeichen eines schwachen Glaubens vorkommen und sie deswegen unglücklich machen - und als Warnung an all jene, die versuchen geraden den jungen Fragenden ein schlechtes Gewissen für ihre legitime Neugier zu machen. Wenn selbst der Prophet Abraham, der im Koran als gutes Vorbild für die Muslime gilt, seinen Herren und Schöpfer respektvoll, aber ohne Umschweife dazu auffordert seinem Herzen Sicherheit (oder: Befriedigung) durch - in diesem Fall - empirische Erkenntnis zu schenken, dann kann es auch uns nicht verwehrt sein genau dort gezielt Nachforschungen anzustellen, wo wir Fragen haben und das Bedürfnis nach Klärung und Sicherheit verspüren. Ich will im Übrigen nicht behaupten, dass Abraham Zweifel im heutigen Wortsinn hatte, sondern nur, dass seine Frage an Gott eine Verwandschaft hat mit der fragenden Stimme im Gläubigen, die bei dem einen öfter, bei dem anderen seltener auftaucht und nach Antworten sucht. Ob man diese Fragen als Zweifel bezeichnen will, ist aus meiner Sicht eine Frage der Definition und daher nicht so interessant. Mir geht es hier um etwas anderes: Die Suche nach einer Einheit von Herz und Verstand ist zu wertvoll, als dass sie aufgrund mangelnder Unterstützung von außen vorzeitig abgebrochen werden sollte. Andererseits kann man als Gläubiger bei dieser Suche wiederum Beistand im Glauben suchen, oder wie es in zwei prägnanten koranischen Gebeten heißt:
"Mein Herr! Mehre mein Wissen!" - "rabbî zid nî 'ilmâ" (20:114)
"Mein Herr! Gib mir Urteilskraft und vereinige mich mit den Rechtschaffenen" - "rabbî hablî hukman va alhiqnî bis-salihîn" (26:83)
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Kommentare (3)
Ein wunderbar ermutigender Artikel - danke dafür.
Jeder Mensch, ausnahmslos, zweifelt irgendwann. Ich würde sogar sagen, ohne ihn gibt es auch keinen wahren Glauben.
Wie Goethe schon einmal gesagt hat:
„Mit dem Wissen wächst der Zweifel.“
Und andersherum wächst auch mit dem Zweifeln und Hinterfragen das Wissen. Man kommt durch Zweifeln meines Erachtens von der Wahrheit nicht ab, sondern ihr sogar ein Stück näher. Ausnahmslos jeder Mensch zweifelt und stellt sich Fragen, wie Serdar schon gesagt hat - nur mit dem kleinen Unterschied, dass einige es vorziehen, diese Fragen in ihr Unterbewusstsein abzuschieben. Doch dadurch ist man von diesen nicht frei. Ganz im Gegenteil! Gerade solche Menschen werden ständig von ihrem Unterbewusstsein gequält und ihr Iman (Glauben) leidet dabei ebenso und sie merken es nicht einmal. Meiner Meinung nach halten sich paradoxerweise gerade solche Muslime für besonders fromme Muslime. Doch ein Muslim sollte keine Angst haben sich irgendwelchen Fragen/Zweifeln zu stellen. Warum auch? Worauf es ankommt ist, dass man sich anschließend bemüht mit diesen Fragen konstruktiv umzugehen und versucht diese zu beantworten.
Bediüzzaman Said Nursi Hazretleri bspw. verfolgt in der Risalei-Nur u.a genau diese Methodik. Er stellt sich der Stimme des „nafs“ (negative Triebe/Neigungen) in ihm, formuliert diese Zweifel/Fragen/Argumente aus und entgegnet diesen anschließend.
Wie anders soll denn auch eine Entwicklung von einem "taklidi Iman" (nachahmenden Glauben) hin zu einem "tahkiki iman" (einem verinnerlichten, bewussten Glauben) wie es u.a. wiederum von B. Said Nursi Hazretleri beschrieben wurde, vonstatten gehen können??
Insofern kann ich Serdar nur zustimmen. Nur durch Zweifeln und Hnterfragen kann sich der Mensch der "Wahrheit" bzw. einem "wahren Glauben" nähern.
Mit freundlichen Grüßen
und esselamu aleykum
Selcuk