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Wohin mit Geert Wilders? Oder: Koranische Prinzipien zum Umgang mit Provokationen und Beleidigungen des Islams

am Samstag, 04 Juni 2011. Geschrieben in Fundamentalismus, Islamkritik, Islamisches Leben, Islamisches Recht, Koran, Menschenrechte, Weltpolitik

Aus aktuellem Anlass (Freispruch des Anti-Islamers Geert Wilders - ein anregender Kommentar von Serdar Güneş dazu hier) habe ich diesen Text nach oben gezogen. Et voilà:

 

"Und wenn du jene siehst, welche über unsere Botschaft spöttisch reden,
dann kehre dich von ihnen ab, bis sie ein anderes Gespräch beginnen..." (6:68)

"Das Gute und das Böse sind fürwahr nicht gleich.
Wehre (das Böse) mit Besserem ab,
und schon wird der, zwischen dem und dir Feindschaft war,
dir wie ein echter Freund werden.
Aber dies geschieht nur denjenigen, die standhaft sind,
ja nur Menschen von besonderer Begnadung." (41:34-36)

"Und Diener des Erbarmers sind diejenigen,
welche auf Erden bescheiden auftreten;
wenn die Ahnungslosen sie [provozierend] anreden,
entbieten sie ihnen den Friedensgruß (qâlû salâmâ)." (25:63)

Diese und weitere Koranverse widerlegen die von vielen Islamisten und Islamkritikern artikulierte Behauptung, dass der Koran keine Feindesliebe kenne und zudem einen unversöhnlichen, oder gar harten Kurs gegen Beleidigungen des Islams vorschreibe. Die Vertreter dieser Position behaupten unter Berufung auf Stimmen aus der islamischen Tradition, dass Toleranzverse wie die obigen mansûkh, d. h. in ihrer Gültigkeit von späteren (Kriegs-)Versen aufgehoben worden seien. Diese Auffassung erweist sich bei einem zweiten gündlicheren Blick auf den Koran als nicht zwingend, vielfach sogar als grundlegend falsch.

Denn sie basiert auf willkürlichen Setzungen und nachträglichen Konstruktionen der klassischen Islamgelehrten. Dies lässt sich leicht anhand der großen Unterschiede in den Gelehrtenmeinungen zu der Anzahl der angeblich aufgehobenen Verse zeigen. Ferner basiert diese Auffassung oft auf Quellen, die den obigen Koranversen eindeutig widersprechen und in jedem Fall weniger authentisch sind.

Zur Begründung der angeblich aufgehobenen Gültigkeit der obigen Toleranzverse durch spätere Kriegsverse wird die falsche Behauptung ins Feld geführt, dass die späteren Kriegsverse den früheren Toleranzversen widersprechen würden, und dass in einem solchen Fall die späteren Verse die früheren aufheben würden (naskh - Abrogation). Das naskh-Argument mag z. B. auf die Verse zum Weingenuss zutreffen. Aber zumindest bei den Toleranz- und Kriegsversen geht dieses Aufhebung-durch-Widerspruch-Argument schon allein deshalb ins Leere, weil sich diese Verse mitnichten widersprechen. Die Toleranzverse sind unter friedlichen, d. h. relativ "normalen" Umständen geoffenbart worden und sind somit problemlos universalisierbar. Von den Kriegsversen wiederum lässt sich (auch für die sehr späten Suren) mehr oder weniger leicht zeigen, dass sie als Reaktionen auf eine militärische Bedrohung von außen zu verstehen sind und somit nur unter speziellen, historisch größtenteils überkommenen Bedingungen Gültigkeit besitzen bzw. besaßen.

Warum bitte sollte ich den intoleranten Auslegungen also mehr Gehör schenken als den oben aufgeführten Versen, die in bestem Einklang mit der Vernunft stehen und offensichtlich auch von den ersten Muslimen als bleibender Bestandteil des Korans überliefert wurden?

Wenn das klassische islamische Recht sich einst an den obigen Verse orientiert hätte, dann gäbe es heute vielleicht weniger Morddrohungen gegen Beleidiger des Islams und der Karikaturenstreit wäre nie eskaliert. Der Islam würde nicht in einem Atemzug mit religiösem Fanatismus genannt werden und das Recht der islamischen Rechtsgelehrten wäre frei von so mancher Strafvorschrift für Beleidigungen des Islams oder des Propheten.

Wir könnten auf Provokationen sachlich und professionell reagieren, wie es das Gros der Muslime ja auch bevorzugt, ohne uns ständig Bilder von enthemmten religiösen Fanatikern aus den Reihen unserer Religion unter die Nase halten und uns sagen lassen zu müssen: "Seht, das machen die im Namen eurer Religion! Sie sind eben die wahren Muslime und ihr seid lediglich eine weichgespülte Attrappe davon."

Ich plädiere dezidiert für Toleranz, Geduld und Sachlichkeit auch gegenüber Kritiken, ja sogar Beleidigungen des Islams - und ich kann diese Auffassung konsistent mit dem Koran begründen. Und ich werfe allen dem wiedersprechenden Stimmen vor den Koran im Lichte der nachprophetischen islamischen Tradition zu verkürzen statt die islamische Tradition kritisch nach ihrer Korankompatibilität zu befragen. Zu diesem Ergebnis komme ich zumindest, wenn ich Kompendien des islamischen Rechts wie z. B. das vom al-Azhar-Gelehrten Vehbe Zuhaylî studiere und mir die Nackenhaare zu Berge stehen, wenn ich mir anschaue, für was es alles Todes- und sonstige Strafen geben soll.

Solche unreflektierten Rechtskompendien, bzw. einige kritische Kapitel daraus sind nach meinem Bauchgefühl eine viel effektivere Beleidigung des Islams als alle noch so einfallsreichen Verunglimpfungen des Islams durch die Anti-Islam-Gaukelkünstler.

Zudem lassen sich die intoleranten Islamkonzepte, wie ich oben skizziert habe, dem Koran nur mit interpretatorischer Gewalt aufpropfen. Insofern sitzen sowohl die militanten Islamisten, als auch die Islamkritiker wie so oft dem falschen Pferd auf und es ist eine dringliche Aufgabe jeder künftigen islamischen Theologie diesen weit verbreiteten und selbst verschuldeten Irrtum unter Aufbringung aller zur Verfügung stehenden Mittel zu korrigieren. Dabei darf der Respekt vor den außerkoranischen Quellen, den klassischen Gelehrten und ihrem Bild vom Propheten und dem idealen Islam kein Hindernis darstellen. Wem der Anknüpfungspunkt an eine solche Lesart des Islams noch fehlt, dem rate ich sich in die obigen Verse zu vertiefen und sich zu fragen, was diese eigentlich im Koran verloren haben, wenn sie aus völlig unklaren Gründen keine Gültigkeit mehr besitzen sollten.

Das Gesagte ist nicht nur aus persönlichen Gründen für mich, sondern auch in einem größeren politischen Kontext von Bedeutung. Denn die überall zu beobachtenden Versuche theologischer Neuorientierungen innerhalb des Islams, die Demokratisierungswelle in der arabischen Welt, das Ende des politischen Islams und des militanten Kemalismus in der Türkei zugunsten einer mit dem Islam ausgesöhnten liberalen Demokratie und die schwindende Glaubwürdigkeit der Kulturkampfrhetorik in Deutschland und weltweit -  all dies sind Hoffnungsschimmer dafür, dass die Zeiten des politisch-islamistischen Fanatismus und ihrer islamfeindlichen Trittbrettfahrer in der westlichen Öffentlichkeit sich ihrem Ende zuneigen. Lasst euch also nicht beeindrucken von islamfeindlichen Kundgebungen und ihren medialen Vermarktern, denn die Kulturkampfideologie hat ihren Zenit längst überschritten. Die Vernunft gewinnt Überhand und das Ende der Hassideologien ist nur noch eine Frage weniger Jahre. Lasst uns alle, gleichgültig welcher Religion oder Weltanschauung wir angehören, an allen Fronten gemeinsam für eine bessere Welt arbeiten - eine Welt, in der genügend Platz, Speis und Trank für alle da ist. Inshallâh...

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Kommentare (11)

  • lynxxx
    lynxxx
    19 Juni 2011 at 09:32 | #

    Super Text! Noch als Ergänzung, wahrscheinlich kennste den sowieso schon: Abu Ishaq Asch-Schatibi aus Andalusien meinte im Gegensatz zu anderen (spät-)mittelalterlichen Gelehrten wie den allseits bekannten "Hardliner" Ibn Taimiya, dass die Abrogation eigentlich nicht wie bislang gesehen werden dürfte, dass der letztere (oft konkretere) Vers den vorherigen älteren Vers ersetzt, sondern eigentlich das ganze andersrum zu sehen ist (in der Regel zumindest). Denn die frühen Verse sind seiner Auffassung nach der Wesenskern der Botschaft, die späteren dann nur Präzisierungen bestimmter Sachverhalte in bestimmten Situationen. Sicherlich in seiner Ansicht dadurch geprägt, dass Muslime inzwischen unter christl. Herrschaft leben mussten, insofern sich neue Fragestellungen ergaben. Auch im Zusammenleben, im Dialog, usw.
    Es gibt also für heutige Muslime durchaus bekannte und einflussreiche Beispiele aus dem Mittelalter, für eine (ggf.) andere Sicht der Dinge. Man braucht dazu nicht einmal auf zeitgenössische Reformer schauen. Fragt sich nur, warum alle Welt die mittelalterlichen "Hardliner" z.B. der Salafiten kennt, (und ggf. denkt, das wäre die einzig richtige Interpretation des Islams, das wäre Konsens überall in der damaligen islam. Welt gewesen, "DAS" wäre "der" Islam, usw.) aber kaum jemand (von den "Nichtexperten") kennt andere einflussreiche Stimmen der Vergangenheit oder der Frühzeit des Islams, abgesehen vielleicht noch von der muʿtazilitischen Bewegung.
    Gruß und danke für deinen wunderbaren Blog.

    antworten
    • Der Reisende...
      Der Reisende...
      26 Juni 2011 at 14:01 | #

      Salam alaikum...

      "Fragt sich nur, warum alle Welt die mittelalterlichen "Hardliner" z.B. der Salafiten kennt, (und ggf. denkt, das wäre die einzig richtige Interpretation des Islams, das wäre Konsens überall in der damaligen islam."

      1.) Wie kommen Sie denn auf so etwas? Und wer ist denn "alle Welt"? Der westliche Durchschnittsrezipient, der abends vor dem Fernseher bei seinem kühlen Bier anfängt zu zittern, weil die islamophoben Medienkonglomerate alle Macht einsetzen, indem sie einen diffamierten (Feindbild!) Islam ausstrahlen?
      Oder sind es die Muslime unter sich, die zu faul sind um beispielsweise an einer religiösen Fragestellung gemäß Koran und Sunnah zu diskutieren, um einen Lösungsweg zu finden und stattdessen nur an den Vorgaben ihrer Geistlichen festhalten, ohne die Ergebnisse ansatzweise zu hinterfragen? Wenn ja - dann gibt es eine recht breite Masse an Traditionsmuslimen, die schon in mehrere Gruppen gespaltet und zusätzlich bemerkt - weit entfernt vom Weg der wahren Salaf sind!

      2.) Was hat denn Salafismus mit dem Mittelalter zu tun?

      Wo wir schon dabei sind: Ja ja, der Islam 2.0 läuft in vollem Gange. Am Besten man reformiert gleich alle nicht-westlichen Werte, damit man als "intellektueller" tituliert werden kann. Ibn Taymiyya als Hardliner? Dass ich nicht lache...

      Ich würde Ihnen sehr ans Herz legen, sich erst einmal über den Begriff "Salaf", "Salafiyyûn" etc. zu informieren, bevor Sie ja quasi als "Experte" die Generation, die vom Propheten (Frieden und Segen auf ihm) gelobt worden ist, und deren Folger (bzw. diejenigen, die es zumindest versuchen...) kritisieren!

      "Mit dir werden weder die Juden noch die Christen zufrieden sein, bis du ihrem Bekenntnis gefolgt bist. Sprich: "Die Rechtleitung Allahs ist doch die wahre Rechtleitung." Und wenn du ihrem Ansinnen folgst, nachdem zu dir das Wissen gekommen ist, so wirst du vor Allah weder Freund noch Helfer haben." [2:120]

      Ma'salam...

      antworten
      • lynxxx
        lynxxx
        27 Juni 2011 at 08:33 | #

        Hallo Der Reisende.
        Mit "alle Welt" meinte ich mitnichten den Couchpotato, der sich nur über den Fernseher über "den" Islam informiert. Eher etliche Muslime, die sich im Netz über ihren Glauben informieren möchten. Und welche Seiten begegnen mir nicht selten auf den vorderen Plätzen bei google? Oft sehr "orthodoxe", gar ultraorthodoxe Internetseiten von Muslimen. Öfters auch Seiten der Salafisten, manchmal gar Seiten von Islamkritikern oder Christen, die das Negative am Koran betonen (z.B. diese unheilige evangelikale Seite des "Instituts für Islamfragen".
        Das wäre in etwa so, als würden auf den vorderen Plätzen über das Christentum vor allem die Seiten der Evangelikalen oder ähnlicher Splittergruppen des Christentums zu finden sein, und nicht die der Kirchen, oder der Theologen oder der Fakultäten, usw.
        Nun sind diese Seiten nicht immer "schlecht", bieten sie doch dem Fragendem nicht selten eine breite Auswahl an Hilfsmitteln an, wie z.B. den Koran in Übersetzungen, Hadithe, Tafsire, usw. (wenn auch teilweise in unseriösen nicht wissenschaftlichen Ansprüchen genügenden Übersetzungen).
        Jedoch enthalten diese Seiten leider meist nur eine Sicht der Dinge, die sie als allgegenwärtig einzigen Sicht wie man den Islam sehen kann postulieren. Dabei blenden sie viele Jahrhunderte islamischer Auseinandersetzung mit dem Islam schon von Beginn an aus. Wenn man sich damit beschäftigt, gibt es nämlich durchaus viele islamischen Gelehrten, die nicht alle Aspekte der sehr orthodoxen Sichtweise teilen, und dieses eben genauso anhand von Koran und ggf. Sunna darlegen können.

        Du hast Recht, Salafisten haben nicht viel mit "Mittelalter" zu tun, sondern eher mit dem Mythos Mittelalter, der die deutschen Leser damit verbinden, denn die Salafiya (so wie sie in der Öffentlichkeit debattiert wird) ist ja eine relativ moderne Bewegung.
        Tja, Ibn Taimiya ist in der Tat ein Gelehrter, der "strenger", absoluter, unduldsamer war, als andere. Auf ihn beriefen sich die Wahhabiten, auch moderne salafitische Reformisten wurden durch seine Auslegung sehr beeinflusst. Insofern hielt durchaus auch mittelalterliches Gedankengut Eingang in salafitische Vorstellungswelten, selbst wenn sie selber für sich nur in Anspruch nehmen, dass sie den "reinen" Islam nach Art der Altvorderen leben möchten.

        Und deine letzte Sure kannst dir ersparen, wenn du mit deiner Außenwelt kommunizieren möchtest. Entweder nimmst du es an, was andere, egal welchen Glaubens zu sagen haben, oder du brauchst er gar nicht anfangen zu diskutieren und kannst in einem Schneckenhäuschen mit Gleichgesinnten darben.

        antworten
  • Ella
    Ella
    19 Juni 2011 at 14:30 | #

    Was läuft denn schief in der religiösen Unterweisung der Muslime,dass ihnen die wahren Inhalte des Korans nicht vermittelt werden oder ihr Wissen überhaupt nur so dürftig ist,dass es jeden peinlich berührt,der sie über ihren Glauben schwadronieren hört?
    Wo sind die "Restauratoren" der koranischen Lehre denn aktiv, und welchen Einfluss haben sie?
    Verstarb nicht kürzlich im niederländischen Exil einer der Modernisierer des Islams,nachdem er in Ägypten seines Lebens nicht mehr sicher war?Wo also findet die rechte Lesart des Korans denn statt?

    antworten
  • conring
    conring
    24 Juni 2011 at 19:32 | #

    Lieber Andalusian,
    können Sie irgendein Land, das sich explizit als islamisch definiert nennen, wo die von Ihnen aus dem Koran herausgelesene "Toleranz" praktiziert wird. Ist es nicht sogar so, dass Saudi-Arabien, das Land, in das jedes Jahr Millionen Muslime strömen, um ihre Heiligen Stätten zu besuchen, nicht sooo wahnsinnig tolerant ist?

    antworten
  • Hakan Turan
    Hakan Turan
    24 Juni 2011 at 21:05 | #

    @ Ella & conring

    Weder die heutigen islamischen Länder, noch die muslimischen Gemeinschaften haben sich unmittelbar aus koranischen Vorschriften, oder aus einer wie auch immer gearteten Koranexegese abgeleitet. Neben einem tradierten und verstaubten Religionsverständnis findet wir dort heute viel Bürgerkrieg, Unterdrückung durch säkulare wie religiöse Despoten, eine lange Geschichte der Ausbeutung durch imperialistische Mächte und eine regelrechte Bildungskatastrophe vor. Mein Text versteht sich daher nicht als Beschreibung dessen, was angeblich islamische Staaten heute leisten, sondern zeigt auf, wie z. B. die Muslime in Europa auf systemimmanenten Wegen ein freiheitlich orientiertes Islamkonzept formulieren können.

    Es ist eine großartige Leistung Europas, die die Messlatte für Toleranz sehr hoch angelegt hat. Jedoch liegt dieser Erfolg nicht in einer überzeitlichen Essenz Europas (siehe Mittelalter und 20. Jahrhundert), genausowenig wie der trostlose Zustand der islamischen Welt einer zeitlichen Essenz von "islamischer Welt" geschuldet ist.

    Alles befindet sich in einem Wandel, der sich durch Jahrhunderte zieht. Darum sollte man als Muslim weder zu stolz auf die glanzvollere Vergangenheit sein, noch sollte man als Europäer zu stolz auf die Gegenwart sein. Niemand weiß, was die Zunkunft bringt. Ich für meinen Teil versuche aus beiden Kulturen maximal zu profitieren - und lege hier Zeugnis über meine Versuche ab mich in zwischen diesen Kulturen zu orientieren. Und das bereitet mir große Freude - diese Freude schulde ich in manchen Punkten dem Islam und in manchen Punkten dem nichtislamischen Europa.

    Würde ich meinen Glauben an der Glaubwürdigkeit der "islamischen" Länder messen, wäre ich schon längst aus dem Islam ausgetreten. Länder wie Saudi-Arabien sind außer einige schönen Dingen wie dem Besitze der Heiligen Stätten nichts, woanch ich mich sehne (auch wenn ich noch nie dort war).

    Ich habe mein Verständnis von Islam Gott sei Dank unter deutschen Verhältnissen entwickelt. Ich glaube, dass ich damit näher am Kern des Islams dran bin als die islamistischen Ideologien.

    Und ich weiß, dass sehr viele Muslime so denken wie ich - meine Prognose lautet: Unter verbesserten Lebens- und Bildungsbedingungen und in einem freiheitlichen Staat würde der radikale Islam sehr schnell an Basis verlieren und es würde sich ein freiheitliches Islamverständnis durchsetzen.

    Und zur religiösen Unterweisung (Ella): Weniges von dem, was Muslime tun, sind die Folge von religiöser Unterweisung. Und selbst diese Unterweisung würde ich in wenigen Fällen als zeitgemäß beschreiben. Es sind soziale und traditionelle Faktoren, die heute den Islam für viele Menschen zu einem reinen Reglementierungssystem verkommen lassen. Aber ich würde auch auf Folgendes hinweisen: Der Islam wurde schon längst in der Praxis reformiert - nämlich im Lebensvollzug der zeitgenössischen Muslime. Dort findet sich in praktischer Form viel "rechter Islam". Die Reform in der Theorie braucht Zeit, da die Leute und die Mittel fehlen. Aber dies wird noch folgen. Vielleicht werden die neuen Lehrstühle in Deutschland hier einen wichtigen Beitrag leisten, ich weiß es nicht... Jedenfalls würde ich darauf bestehen, dass die Religion bei den meisten Muslimen nur eine kleine Komponente ihres Lebens ausmacht - und ich würde Sie dazu einladen selbstkritisch zu fragen, ob die Muslime, die Sie "über ihren Glauben schwadronieren" hören wirklich repräsentativ sind, oder nicht. Es gibt bei uns allem wahnsinnig viele Informations-Vorselektionsmechanismen, die schwer zu durchbrechen sind. Beispiel: Kaum ein gewöhnlicher Muslim äußert sich öffentlich wahrnehmbar in Wort und Schrift - dadurch kommt es bereits auf der Stufe der Auswahl der Informationsanbieter zu einer drastischen Verzerrung. Viele Muslime, die ich kenne, sind religiös, weltoffen und durchaus selbstkritisch. Ich erhalte im privaten Umfeld sehr selten von Muslimen Widerspruch zu meinen Texten. Und da, wo sie mir nicht zustimmen, bleiben sie immer respektvoll und höflich. Das meine ich mit "Reform in der Praxis". Nun ist es eben an der Zeit dies auch theoretisch zu reflektieren und gegebenenfalls etwas hörbarer zu artikulieren (Ich merke gerade, dass dies hätte ein eigener Text werden können).

    antworten
  • Hakan Turan
    Hakan Turan
    24 Juni 2011 at 21:24 | #

    Hups, jetzt habe ich das fast Wichtigste vergessen: Die TÜRKEI ist ein (mehrheitlich) islamisches Land (nicht Staat), das sich ganz deutlich in die Richtung der Toleranz bewegt, die ich umschrieben habe. Vielleicht etabliert sich dort gerade in diesen Jahren eine Synthese aus dem streng säkularen Gesellschaftsverständnis von Mustafa Kemal Atatürk und dem traditionalistischen Islamverständnis der Religiösen - zwei Konzepte, die als Widerspruch dastehen. Aber vielleicht gibt es ja eine Synthese, die sich in der Mitte trifft, bereinigt von jenen scharfen Ecken und Kanten, die nach meinem Dafürhalten weder aus der Vernunft, noch aus dem Islam zwingend folgen...

    antworten
    • Ella
      Ella
      25 Juni 2011 at 16:44 | #

      Vielen Dank für Ihre Antworten.Aber natürlich sehe ich,dass die Lebenspraxis und die immer noch verbreitete Lehre zumindest in Europa nicht mehr ganz zusammenpassen mögen.
      Was die religiöse Unterweisung betrifft,hoffte ich eigentlich auf den flächendeckenden Unterricht an den öffentlichen Schulen.Soweit er tatsächlich realisiert werden kann,wünsche ich mir und den jungen Muslimen,dass ihre Lehrer aus Quellen schöpfen können,die einer offeneren Lesart der koranischen Texte zumindest respektvoll verbunden sein möge.

      antworten
  • Serdar
    Serdar
    25 Juni 2011 at 14:18 | #

    @Hakan

    Nun ist es eben an der Zeit dies auch theoretisch zu reflektieren und gegebenenfalls etwas hörbarer zu artikulieren (Ich merke gerade, dass dies hätte ein eigener Text werden können).

    Das solltest Du wirklich in Betracht ziehen :)

    antworten
  • lynxxx
    lynxxx
    28 Juni 2011 at 23:04 | #

    Übrigens, hier wird nicht die Threadansicht (im Commentbereich) wie in den meisten Foren verwendet, also linear, die letzte Antwort immer unten, auch wenn auf vorige Postings bezogen, sondern wie ein Stammbaum geordnet, dass heißt, man muss immer alle Datumsstempel durchsehen, um zu überprüfen, ob jemand wieder geantwortet hatte oder nicht, damit man nix verpasst - falls jemand wie ich beispielsweise direkt auf einen früheren Comment antwortete, aber mein Posting eben oben angeheftet ist, nicht unten.... :)
    Klaro? Bisschen kompliziert ausgedrückt, aber meine Augen fallen grad zu... Sorry, und gute nacht.... :)

    antworten
  • qilin
    qilin
    27 April 2012 at 04:05 | #

    Ja, das sind tatsächlich überzeugende Verse - dass viele Islamisten und Islamkritiker sie nicht kennen oder nicht beachten, verwundert aber wenig - sie scheinen auch unter durchaus dialogwilligen Muslimen nicht allzu bekannt zu sein. Ich kann mich erinnern, wie in einem interreligiösen Forum [das leider nicht mehr existiert] unter Muslimen eine längere Diskussion ausbrach, ob es rechtens sei, einem 'Ungläubigen' überhaupt den Friedensgruß zu entbieten - wenn ich mich recht erinnere kam man dann zu dem Schluss, das wäre zwar erlaubt, die Form des Grußes müsse sich jedoch von der gegenüber den 'Rechtgläubigen' unterscheiden...

    antworten

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