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Merahs Terrorhintergründe oder: Steht im Koran, dass Ungläubige zu töten sind?

am Donnerstag, 29 März 2012. Geschrieben in Islam, Islamkritik, Koran, Terrorismus

Hier meine sehr kurze Stellungnahme zur These, dass angebliche koranische Aufrufe zur Tötung von Nichtmuslimen die Gründe dafür seien, warum Terroristen wie Mohammed Merah morden (mit Links zu weiterführenden Texten von mir).

Ein Leser kommentierte auf Zeit-Online:

"Auch, wenn es fürchterlich unpopulär sein mag, muss es in Zeiten von vor Erklärungswut und Deutungseifer immer länger werdenden Artikeln,  erlaubt sein, ganz unspektakulär festzustellen: Dass Ungläubige getötet werden sollen, diese Aufforderung ist klar und unmissverständlich im Koran nachzulesen. Aber diese Tatsache ist vermutlich viel zu einfach und zu 'wenig hilfreich', als dass die geistigen Überflieger und Entschlüsseler der großen Zusammenhänge so einen banalen Einwurf akzeptieren würden."

Meine Antwort: Diese Behauptung ist nicht nur einfach, sondern auch falsch.

1) Von allen "Tötungsaufrufen" im Koran lässt sich zeigen, dass diese ausschließlich unter der Prämisse eines tätlichen oder unmittelbar bevorstehenden Angriffs von außen formuliert sind. Selbst in der "radikalsten" Sure 9 findet man diesen Hinweis, wenn es da heißt: "Wollt ihr nicht gegen Leute kämpfen, die ihre Eide [d.h. Friedensverträge mit den Muslimen] gebrochen haben und vorhatten, den Gesandten zu vertreiben, wobei sie zuerst gegen euch (mit Feindseligkeiten) anfingen?" (9:13) Noch viel deutlicher ist dies in anderen Suren, in denen der Krieg thematisiert wird. Der größere textuelle Kontext des Korans verbietet also die von Islamgegnern und muslimischen Fanatikern vorgeschlagene "Koranauslegung" im Sinne eines totalen Krieges gegen "Ungläubige".

2) Das Argument, dass die früheren Friedensverse von den späteren Kriegsversen abrogiert (d. h. abgelöst) worden seien, ist weit verbreitet, funktioniert jedoch nicht. Denn auch die späteren Kriegsverse haben (vgl. 1) einen konkreten textuellen oder historischen Kontext, der einer Auslegung im Sinn eines "totalen Krieges" im Wege steht. Während Muslime dies so verstehen, versuchen Islamkritker uns weiszumachen, dass die Muslime den Islam falsch verstünden, und dass die "Deutung" von Merah und co. die eigentlich islamische sei.

3) Texte haben bei aller Brisanz keine kausale Wirksamkeit, auch wenn sie als heilig gelten. Es ist die vom sozialen Kontext anerkannte, autoritative Deutung, die den meisten Gläubigen als Kern ihrer Religion gilt. Von daher ist es sinnvoller radikale Kreise zu bekämpfen statt ein (durchaus auslegungsbedürftiges) heiliges Buch, das von den wenigsten seiner Anhänger im Sinne Merahs verstanden wird.

4) Die wenigsten Muslime studieren den Korantext. Noch viel weniger radikalisieren sich auf diese Weise. Außerdem wird selbst in Koranschulen nur Koranrezitation und keine gründliche Exegese (Koranauslegung) gelehrt. Darum gehen Argumente der Art "Sure x, Vers y" zur Erklärung von Gewalt und Terror im Namen des Islams in den meisten Fällen ins Leere.

5) Zugegeben: Die Radikalen zitieren gerne Stellen aus dem Koran, scheinbar rein, ohne jede Interpretation. Jedoch ist bereits die gezielte Auswahl einer Hand voll Verse unter Unterschlagung der unmittelbar benachbarten mäßigenden Passagen eine "Interpretation", d. h. im Fall von Merah und Konsorten: eine Verdrehung des eigentlichen Sinnes.

6) Jeder, der den Islam für "schuldig" am Terror erklärt, muss auch erklären, warum Terror im Namen des Islams fast ausschließlich mit bestimmten Richtungen im Islam verknüpft ist (Teile des Wahhabismus/Salafismus) - und warum die Hauptopfer dieser Terroristen wiederum andere Muslime sind. Spätestens hier endet die alleinige Erklärungskraft der Ursachen Koran/Islam, und der soziale und politische Kontext der Täter, der freilich auch radikal-islamische Komponenten haben kann, muss analysiert werden. Und wer sich weigert den gewaltbereiten Fanatiker vom friedlich praktizierenden Muslim zu unterscheiden, hat womöglich gar kein Interesse daran die Terroristen einzukreisen. Denn sie sind erfahrungsgemäß der beste Vorwand um pauschal und kostenlos gegen alle Muslime zu hetzen.

7) Merah hat durchaus etwas mit dem Islam zu tun, und zwar ungefähr soviel wie Anders Breivik mit der Islamkritik, oder wie mordende Neonazis mit Patriotismus.

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