Von den Grenzen der Toleranz und des Aushaltbaren
am Sonntag, 11 September 2011. Geschrieben in Erziehung, Geschlechter, Integration, Menschenrechte, Türkei
"Warum kleiden die sich nicht so, wie jede andere Frau hier auch? Das ist ja nicht auszuhalten. Und soll mir bloß keiner sagen, dass die diese Kleidung bei dieser Hitze freiwillig tragen. Schau dir doch mal ihre Ehemänner und Söhne an: Kurze Hosen, T-Shirts. Und die Frau? Eingehüllt in Stoff, kaum mehr zu erkennen. Was soll das bedeuten? Will man uns damit unterstellen, dass wir jede Frau anspringen würden, die sich nicht so kleidet? Ich meine, es ist mir ja egal, wenn die bei sich in ihrer Heimat so herumlaufen wollen – aber man könnte sich doch wenigstens im Ausland etwas der Umgebung anpassen. Außerdem findet man eine solche Kleidungsvorschrift gar nicht im Koran. Und es gibt doch so viele andere Muslime, die die Kleidungsgebote viel liberaler auslegen. Warum bestehen sie also auf dieser Kleidung? Ich hab’s: Wahrscheinlich wollen sie provozieren, alle Aufmerksamkeit auf sich ziehen.
Ich glaube, ich weiß, was mich am meisten daran stört: Früher konnte man hier kaum eine Frau so bekleidet sehen. Heute hat das inflationäre Ausmaße angenommen und es scheinen immer mehr zu werden – wie soll ich das zuordnen? Es ist doch eindeutig, dass mit dieser Kleidung der restlichen Gesellschaft unterstellt wird, dass sie unmoralisch sei, und dass sich alle Frauen, die sich nicht so kleiden wie sie, als Lustobjekte anbieten. Frechheit. Ich meine: Wir stehen ganz klar für Freiheit in Glaubens- und Lebensfragen. Deren Kultur hingegen steht offensichtlich für das genaue Gegenteil. Und diese Kleidung ist der deutlichste Beleg dafür, dass diese Kultur die Frau komplett von der Außenwelt abschirmen und mundtot machen will. So wird es wohl sein.“
Diese Gedanken stammen nicht von einem der gewohnten Türkenhasser oder Moslemverachter.
Sie stammen vielmehr von mir.
Sie drängten sich mir nach und nach in Fetzen aus meinen tieferen Bauchregionen auf, als ich auf dem Sultanahmet-Platz in Istanbul völlig überraschend in allen Ecken komplett in Schwarz gehüllte Frauen mit Gesichtsschleiern sah, die nur durch einen schmalen Augenschlitz blicken konnten. Manchmal war dieser Schlitz noch zusätzlich von einer Sonnenbrille bedeckt. Ich fühlte mich stellenweise regelrecht bedroht, da keine Gesichtszüge zu erkennen waren, sondern nur noch schwarze Umrisse, scheinbar zu Schatten verkommene Reste eines Menschen. Vor einigen Jahren bekam ich so etwas in meinem geliebten Istanbul nicht zu sehen. Überhaupt kannte ich Gesichtsschleier fast ausschließlich aus den Medien. So blickte ich nun als befremdeter türkischsstämmiger Tourist in der Türkei wieder auf die einheimischen türkischen Frauen, die teils ganz gewöhnliche Kopftücher trugen, und teils locker oder gar sommerlich gekleidet waren. Das war die Leitkultur hier, der gewohnte Anblick, so wie es also eigentlich sein sollte.
Von der religiösen Warte her wusste ich, dass in manchen strengeren muslimischen Kreisen der gesamte Körper der Frau als zu bedeckende Intimzone galt. Jedoch war für mich klar, dass es sich hierbei um eine unnötige Verschärfung der grundsätzlichen islamischen Vorgaben handelte, die selbst im klassischen islamischen Recht nur bedingt vertreten wurden. Das war ein Grund mehr, warum ich mir nicht erklären konnte, warum heute noch so etwas vertreten wird.
Wenn ich nun einen Mann und fünf so gekleidete Frauen zusammen erblickte, dachte ich mir sofort: Vier davon sind sicherlich seine Frauen, die fünfte ist seine Tochter. Und wenn ich einen ihrer Männer ein Eis essen sah, wusste ich: Seine Frau würde jetzt sicher auch gerne ein Eis essen, aber das darf sie in der Öffentlichkeit nicht – weil sie eine Frau ist. Und bei der Frage nach dem Sinn dieser Kleidung zog ich den Schluss: Die wollen damit aussagen, dass wir dekadent sind. Um ihre Frauen vor unseren Blicken zu schützen, müssen sie diese komplett in Schwarz hüllen und unsichtbar machen. Was für ein Bild mussten diese Leute von uns haben? Und mit welchen Augen mussten sie hier erst auf unsere Frauen blicken? Eine schwer benennbare Wut machte sich in mir breit.
Das war also die kritische Mischung: Verunsicherung vor einem bislang ungewohnten und fremden Anblick, die subjektive Sicherheit, dass es sich hierbei um etwas Bösartiges handeln musste und schließlich der krampfhafte Versuch dem ganzen einen Sinn zu geben, also in einen größeren Zusammenhang zu stellen, der einerseits erklären sollte, warum Menschen so etwas machen, und andererseits mir eine Art moralische Rechtfertigung für meine offensichtliche Aversion gab.
Verunsicherung, Verfestigung der Ablehnung und schließlich Konstruktion einer ideologischen Erklärung zur Selbstüberhöhung und Verteufelung des Gegenübers: Genau dies sind wohl einige zentrale Bausteine für den Übergang von diffuser Angst zu Hass und Verachtung. Ich konnte nun zum ersten Mal seit langem an mir selbst beobachten, wie mächtig und verführerisch dieses Potenzial zu hassen und zu verachten war – und wie lange man braucht, bis man merkt, wieviel man hier fantasievoll hineininterpretiert und –konstruiert und dem Gegenüber an Gedanken und Absichten unterstellt.
Angst und Hass
Man kann wohl ohne Übertreibung sagen: Der mit Unsicherheit und Angst genährte Hass führt bei seinem Träger zu einer derartigen Selbstüberschätzung, dass er meint intimste Gedanken des Gegenübers, ja gar der ganzen fremden Gesellschaftsgruppe lesen und sie anschließend anhand dieser Gedanken verurteilen zu können. In Wirklichkeit jedoch liest der Hassende nur seine eigenen Gedanken, und je weniger er über das reale Gegenüber weiß, umso mehr kann er ihm Gedanken und Absichten unterstellen. Und je glühender seine Überzeugung wird, dass er weiß, was der andere denkt und fühlt, umso unmöglicher wird es für ihn je in Erfahrung zu bringen, was das Gegenüber wirklich dachte oder fühlte. Es ist ein Teufelskreis. Und ich fand mich für einen Moment in diesem wieder.
Nach jahrelangem Einsatz für Toleranz, Differenzierung und Empathie, nach zahllosen Artikeln, Vorträgen und Seminaren über interkulturelle Kompetenz, der Notwendigkeit kritisch mit der eigenen Wahrnehmung umzugehen und der Forderung Unsicherheiten durch Kommunikation zu beseitigen fehlte mir also plötzlich jede Weisheit die zornige, geradezu menschenverachtende Stimme in mir zu bändigen. Die bittere Einsicht für mich war schließlich: Das ist doch genau die Stimme, die islamfeindliche Kreise in Europa in aller Ausführlichkeit gegen die islamische Community dort erheben. Wie engagiert war ich doch, wenn es darum ging, dagegenzuhalten und Differenzierung und Toleranz zu fordern. Und nun richtete ich praktisch genau diese Stimme innerlich gegen Vertreter einer anderen islamischen Community unter Verwendung derselben Scheinargumente und ideologischen Unterstellungen. Nur die Rollen waren vertauscht: Ich sprach nicht mehr für eine in Bedrängnis geratene Minderheit, sondern scheinbar für eine empörte Mehrheit. Nein, diese Stimme war keine Stimme der kritischen Vernunft, denn letztere hatte schon längst erbärmlichst versagt. Diese Stimme war eine Umkleidung von Unsicherheit, Angst und Anflügen von Hass.
Schließlich überwand ich mich und wollte etwas Licht in das Dunkel bringen. Ich begann gezielt türkische Händler nach diesem neuen Verschleierungstrend auszufragen. Sie bestätigten meine Vermutung, dass es sich hierbei um arabische Touristen handelte, die in den letzten Jahren verstärkt in die Türkei kamen um quasi Seite an Seite mit den sommerlich gekleideten Europäern einige schöne Tage zu verbringen. Viele von ihnen würden einer reichen Oberschicht angehören, die in den luxuriösesten istanbuler Hotels wohnten. Und sie würden reichlich Geld in Istanbul lassen. All das zu hören, beruhigte mich etwas: Es war ein klar einkreisbares Phänomen, das nicht danach trachtete die gewohnte grundsätzliche Struktur Istanbuls zu vernichten. Das war keine Lösung der Schleierthematik, trug aber wesentlich zu meiner inneren Beruhigung bei.
Was bedeutet Toleranz?
Dass ich hier kritisch mit meiner inneren Befremdung gegen den Gesichtsschleier zu Felde ziehe bedeutet nicht, dass ich diese Art der Kleidung nun gut finde – ich würde jedem, der mich frägt, freundlich davon abraten sich so zu kleiden und dies auch begründen, erst recht wenn diese Art der Bekleidung wie in Deutschland der vorherrschenden Kultur völlig fremd ist. Ferner würde ich darauf bestehen, dass diese Verschleierung nur eine von vielen Auslegungsmöglichkeiten des Islams darstellt, und dass es viele gute Argumente für die liberaleren Deutungen bzw. Umsetzungen gibt. Jedoch werde ich nicht nochmals den Verschleierten pauschal Gedanken und Weltbilder unterstellen, vor denen ich Angst haben und diese nun bekämpfen muss. Ja: Es gibt keine zwingende Verbindung zwischen Kleidungsformen und Ideologien. So wie auch bei uns – Türken, Deutschen, Religiösen, Säkularen - ist dort vieles Gewohnheit, Sozialisation und nicht reflektierte Selbstverständlichkeit. Die soziale Dynamik, die diese Kleidungsform aufrecht hält, entspricht nicht den von außen vermuteten ideologischen Konstruktionen, sondern ist von viel Traditionskonformität geprägt, die sich von innen anders anfühlt, als es von außen scheint. Hinter den Schleiern befinden sich zudem genauso gegensätzliche Individuen, Wünsche, Hoffnungen und Charaktere wie auch bei uns. Darum billige ich es nicht, wenn die Befremdung durch den Schleier zum Anlass genommen wird kollektive Kulturkampfglocken zu läuten und Angst und Hass zu säen. Und ich würde meinem ersten Befremdetsein zum Trotz versuchen eine vollverschleierte Frau so zu behandeln, wie ich auch sonst jeden behandele. Im Laufe der Zeit würde sich das innere Gefühl der Ablehnung wahrscheinlich merklich abschwächen.
Meine Ansichten würden sich dadurch nicht ändern, aber meine Kompetenz im Umgang mit dem Fremdartigen.
Und genau dies ist für mich Toleranz: Die Bereitschaft das Fremde trotz des eigenen Befremdetseins zu dulden. Also dem eigenen Bauchgefühl zum Trotz der Vernunft in allen öffentlichen Fragen den Vorrang zu geben. Das Fremde auszuhalten, auch wenn es für mich absurd, oder gar wahnwitzig erscheint. Das bedeutet zugleich: Die Grenzen der Toleranz in einer offenen Gesellschaft dürfen nicht schon dort liegen, wo sich in mir eine innere Ablehnung auftut, sondern sollten dort gelagert sein, wo die kritische Vernunft das Ende des Tolerierbaren erkennt. Also beispielsweise dort, wo Grundrechte übertreten werden, oder wo Menschen offensichtlich in Herrschaftsverhältnisse geraten, in denen ihnen nicht mehr die Freiheit gelassen wird nein zu sagen.
Etwas, das ich bereits gut finde, brauche ich nicht zu tolerieren, da ich es ohnehin schon bejahe. Der Toleranzbegriff setzt semantisch voraus, dass ich das Tolerierte im Grunde in irgendeiner Hinsicht nicht gut finde. Toleranz im ursprünglichen Wortsinn (lateinisch tolerare: aushalten, dulden, ertragen) kann also nur dort stattfinden, wo das eigene Bauchgefühl oder die Stimmung der Mehrheit eigentlich zu Intoleranz rät. Im Türkischen entspricht dem Begriff des Tolerierens weniger das verbreitete hoşgörü (wörtlich: als gut befinden), sondern eher das abwertender klingende, aber an sich realistischere tahammül (wötlich: aushalten, ertragen).
Dieser minimalistische Toleranzbegriff ist also zunächst zu unterscheiden von aufrichtigem Respekt gegenüber dem Fremden, der zwar folgen kann, aber nicht zwangsläufig muss. Darum ist es auch nicht verkehrt das Fremde zunächst als das Befremdende zu erkennen und nicht vorschnell darin das Bereichernde zu suchen oder zu behaupten. Letzteres sind spätere Schritte, zu denen nicht jeder die nötige Geduld, Einfühlsamkeit und innere Reife aufzubringen vermag.
Mit einem solchen differenzierten Toleranzkonzept kann man also etwas für sich ablehnen ohne öffentliche Stimmung dagegen provozieren oder die Menschen, die daran teilhaben, bekämpfen zu müssen. Ein gesetzliches Verbot der Vollverschleierung beispielsweise kann ich zwar emotional ganz nachvollziehen, meine jedoch, dass dies für eine gereifte Demokratie und offene Gesellschaft einen Rückfall in autoritäre Herrschaftsformen darstellen würde. Darum sollte man professioneller und gelassener mit derartigen Erscheinungen umgehen. Angst und Hass müssen ernst genommen werden. Jedoch dürfen diese nicht einfach als das bedingungslos Gegebene hingenommen werden, sondern bedürfen ihrerseits einer kritischen Auseinandersetzung.
Vermittlung zwischen Mehrheit und Minderheit
Das Erschütternde ist: Die Mechanismen, die diese Angst und diesen Hass befördern, liegen tief in uns allen. Und sie können in unvorbereiteten Momenten geweckt werden. Sie kennenzulernen, zu bändigen und auf gemäßigte Pfade zu führen ist eine fundamentale Aufgabe jeder künftigen Pädagogik, die sich dem Pluralismus und der Toleranz verpflichtet fühlt.
Andererseits gilt: Jemand muss das Miteinander von Mehrheit und Minderheit dergestalt moderieren, dass die Mehrheit sich nicht bedroht fühlen muss. Die sich berufen fühlenden Köpfe in der Minderheit wiederum sollten ihre Empathie anstrengen und der Mehrheit signalisieren, dass diese Minderheit die Kultur der Mehrheit und ihren Status als Hausherren respektiert. Ich weiß, dass das für manche im ersten Moment wie eine Zumutung klingen muss – ich behaupte aber auch gar nicht, dass nun jeder Einzelne öffentliche Demutsgesten vollführen soll. Mir geht es hier vielmehr um die Signale, die die als solche wahrgenommenen Vertreter der Minderheit senden, denn diesen wird erfahrungsgemäß eine außerordentlich hohe Bedeutung beigemessen. Die türkischen Leser mögen mal nur an die von den Türken als Drohung aufgefassten Verlautbarungen der kurdischen Politiker der BDP vor und nach den Parlamentswahlen 2011 in der Türkei denken. Es ist unvorstellbar, wieviel Hass wenige Sätze und Gesten von diesen auf der türkischen Seite hervorgerufen haben. Bei allen Unterschieden: Ist es schwer nachzuvollziehen, dass die deutsche Mehrheitsgesellschaft womöglich ähnlich emotional auf selbstgefällig wirkende Äußerungen der Minderheitenvertreter reagiert wie die türkische? Kurzum: Vertreter von Minderheiten können sich weder in der Türkei noch in Deutschland unüberlegte, uneinfühlsame, emotionale und voreilig beleidigte Äußerungen leisten, wenn sie nicht Angst und Hass auf sich und ihre Bevölkerungsgruppe ziehen wollen. Diese Mechanismen sind brisant, undankbar und unberechenbar – und sie haben wie dargestellt viel mit Emotionen und wenig mit Vernunft zu tun.
Überhaupt ist das friedliche Miteinander nur zum geringen Teil eine Frage der Vernunft. Der viel größere Teil findet auf einer emotionalen und intuitiven Ebene, also in den offenen und verborgenen Bauchregionen statt. Es scheint ein biologischer Reflex zu sein sich vom Fremden und nicht eindeutig Zuordbaren bedroht zu fühlen und hierauf mehr oder weniger polarisierende Bewältigungsstrategien zu entwickeln. Die Berufung auf empirische Fakten zur Rechtfertigung der Angst vor dem Fremden – z. B. Terrorismus oder Alltagskonflikte – spielt dabei eine rationalisierende Rolle. Aber vom Standpunkt der Vernunft aus gesehen reichen diese Fakten praktisch nie aus um das Gesamtaufgebot an Ablehnung zu erklären, das sich vor dem Fremden bisweilen auftürmt. Denn die Vernunft gebietet Kontextualisierung, Differenzierung, Verständigungsorientierung und ein gehöriges Maß an Selbstkritik, insbesondere in Bezug auf eigene Wahrnehmung, Urteile und Vorurteile. Ja: Der Befremdete möchte mehr bekämpfen, als objektiv an Bekämpfenswertem da ist. Er möchte nicht differenzieren, sondern gleichsetzen. Nicht kommunizieren, sondern die vermeintlichen Gedanken des Feindes lesen. Nicht Lösungen aushandeln, sondern jegliche Verhandlung für obsolet erklären.
Ausgangspunkt dieser Konfliktatmosphäre ist der unbewältigte Eindruck des Eigenartigen, der unangenehmen inneren Berührung, des missbilligenden Erstaunens, also das Befremdetwerden durch das Fremde. Nicht das Bereichernde, sondern das Befremdende ist das eigentliche Moment des kulturell Fremden. Und doch wird diese Erfahrung des Befremdenden das prägende Phänomen schlechthin in allen pluralistischen Gesellschaften bleiben. Ich mache mir also nichts vor: Es kann schon aus rein biologischen Gründen keine spannungsfreie Gesellschaft im globalisierten Zeitalter geben, gleichgültig, wie sehr alle Gesellschaftsmitglieder vereinbaren in Toleranz, Verantwortung und Respekt miteinander zu leben. Erfahrungen scheinbarer oder echter grundsätzlicher Differenz werden uns stetig begleiten. Also müssen wir lernen mit dem Befremdetwerden umzugehen, und zwar so weit, dass man darüber reden und auch kritisch Stellung dazu beziehen kann, ohne Bevölkerungsgruppen zu Feindbildern zu erklären. Darum geht es mir: Um eine Artikulation und Versachlichung der Befremdungserfahrung, was letztlich ihre Entschärfung bedeutet. Empörung ist vielleicht ein Ausgangspunkt für einen sachlichen, lösungsorientierten Diskurs, ersetzt ihn jedoch nicht.
Und wo das Gefühl von Sicherheit nicht gegeben ist, kann man keine harmonisch funktionierenden Gesellschaften unter den Vorzeichen von Toleranz und Respekt erwarten. Ich persönlich reagiere in meinem Umfeld daher prinzipiell auf Anflüge von Fremdenfeindlichkeit im ersten Moment mit Verständnis und Geduld – und praktisch in allen Fällen folgt diesem entweder Entspannung, ein klärendes Gespräch, oder gar eine fruchtbare Freundschaft. Dafür lohnt es sich Geduld aufzubringen. Wenn ich diese positive Erfahrung nicht machen würde, würde ich sicherlich anders reagieren.
Ich persönlich schäme mich für meine eingangs dargestellten Gedanken.
Und ich hoffe, dass ihre damaligen Adressaten, also die voll verschleierten Frauen und ihre Familien, mir das verzeihen.
Apropos Geduld: Kurz vor meiner Abreise aus Istanbul ist etwas Schönes passiert, das den Wendepunkt meiner finsteren Gedanken über die verschleierten arabischen Frauen einläutete. Als ich vom Freitagsgebet aus der Sultanahmet-Moschee kam, lief mit mir ein arabisches Paar aus dem Innenhof. Der Mann legte seinen Arm zärtlich um seine verschleierte Frau und sie schmiegte ihren Kopf an seine Schulter. Dann flüsterte der Mann ihr etwas ins Ohr und ich hörte das heitere Lachen der Frau. Ich schloss kurz die Augen und hörte in mir nur ein erleichtertes „Endlich!“.
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Kommentare (8)
Eigentlich ist diesem Artikel nichts hinzuzufügen.Ich kann mich fast vorbehaltlos hinter jeden einzelnen Satz stellen.Alle Teile der Gesellschaft werden einen langen Atem brauchen,sich mit sich selbst und mit den jeweils Anderen auseinanderzusetzen.
Der Abschied von romantischen,aber wirklichkeitsfremden "Multi-Kulti-Illusionen" schafft vielleicht Raum für schmerzhaftere,aber aufrichtigere Diskurse.
Dass Ihre Ausführungen natürlich auch weitere Fragen provozieren,versteht sich von selbst.
Hallo
Mit der gleichen Toleranz wären Sie sicher auch den Nazis 1933 entgegengetreten, da hatten die ja noch keinen Weltkrieg und Holocaust zu verantworten gehabt. Wer Hackenkreuz und braune Uniform trägt sollte nicht mit verallgemeinernden Zuschreibungen belegt werden, das ist nur ein Stück Stoff, nur ein schlechter Mensch macht das, ein bisschen andere Meinung und Einstellung muss man ertragen. Mit mehr Toleranz und Verständnis kann man alle Probleme lösen.
Natürlich ist es falsch den gesamten Charakter an einem Stück Stoff festmachen zu wollen, aber die Vollverschleierung ist ein Symbol, ein Statement, es steht für eine gewisse Erziehung und Lebensweise. Und sollte es zutreffen das die angesprochenen Frauen in Istanbul primär arabiche Touristinnen sind, dann kommen sie mit großer Wahrscheinlichkeit aus Schariastaaten. Staaten wo Hände abgehackt, ausgepeitscht, inhaftiert und getötet wird, so wie man es in Koran und Sunna findet.
Der Hinweis auf die nette Umarmumg ist seltsam, was soll das belegen? Glauben Sie Nazis konnten nicht auch nette, lachende, liebende Familienväter sein? Die menschenverachtende Ideologie war dennoch vorhanden.
Sieht man mal von ihrem hier angesprochen Beispiel der wahabitische Vollverschleierung ab, dann ist ihr Aufruf sich nicht einem offensichtlich biologisch verankertem Phänomen hinzugeben, welches das Andere übermäßig kritisch und ablehnden betrachtet, bis hin zur Verteufelung, völlig zutreffend. Nur es ist dann schon irgendwie seltsam das Sie einem Buch folgen in dem genau diese Gefühle gnadenlos ausgelebt werden, bis hin zur wortwörtlichen "Verteufelung".
Jeder der nicht Mohammed folgt und Moslem wird ist laut Koran "taub", "stumm", "blind", "ungerecht" und er "begreift nicht". Des weiteren ist er ein "schlimmes Tier", gehört zu den "Niedrigsten" und ist das "schlechteste Geschöpf" und kommt natürlich in die Hölle. Nachzulesen unteranderem im Koran 2:171, 8:22, 98:6, 58:20.
Zum Schluß hätte ich noch eine Frage. Haben sie sich eigentlich schonmal mit dem Phänomen auseinandergesetzt welches es Menschen fast unmöglich macht eine in der Jugend familiär und/oder gesellschaftlich eingebleute Denkweise zu hinterfragen und zu überwinden? Konkret, Islam ist toll und Mohammed das perfekte Vorbild. Was ist wenn das objektiv nicht simmt, man aber aufgrund der Prägung und Erziehung unfähig ist das zu erkennen, selbst wenn man über einen gewissen Intellekt verfügt?
Gruß
@Andalsian
das Sie sich schon immer für Toleranz etc. einsetzen., wie Sie in Ihrem Artikel ja so einfühlsam beschreiben.
Wie sieht es eigentlich in der Türkei mit der Toleranz gegenüber Homosexualität in der Öffentlickeit aus?
Der Artikel ist infam und manipulativ weil vermeintlich aus der Perspektive der durch Selbstläuterung gewonnenen Erkenntnis der Toleranz geschrieben.
Und dieser Kommentar hier ist rekordverdächtig infantil und frei von höherer Neocortexsignatur, da offensichtlich aus der Warte eines diskursunfähigen Spätpubertierenden geschrieben.
"Erfahrungen scheinbarer oder echter grundsätzlicher Differenz werden uns stetig begleiten. Also müssen wir lernen mit dem Befremdetwerden umzugehen."
Zweifellos, ich frage mich nur, warum das immer nur in eine Richtung gelten sollte? Warum müssen Muslime nicht lernen, Schweinefleisch zu essen und ihre Töchter mit Nichtmuslimischen Jungs ausgehen zu lassen?
Hier liegt offensichtlich neben einer Wahrnehmungsverzerrung und einer bedenklichen Begriffskonfusion auch eine durchaus wichtige Erziehungsfrage vor... Also:
"Zweifellos, ich frage mich nur, warum das immer nur in eine Richtung gelten sollte?"
Das habe weder ich, noch sonst die Mehrheit der Muslime in Deutschland behauptet. Es ist doch gerade die Minderheit in einer Gesellschaft, die am intensivsten mit Befremdungserfahrungen umgeht, und war tagtäglich - entweder, sie lernt mit dieser Befremdung zu leben, oder sie passt ihre Wertvorstellungen der Mehrheitsgesellschaft so an, dass nur noch wenig oder gar keine Befremdung mehr aufkommt. Die Minderheiten in Deutschland, einschließlich der Muslime, leistet beides. Verweise auf Fälle, in denen die Befremdung gegenüber z. B. Schweinfleisch essenden Mitbürgern aufgrund von Wertvortellungen (und nicht aus anderen Gründen) in Wut und Gewalt umschlägt, sind selten. Ich rate also dazu nicht über Muslime zu urteilen, ehe man kein repräsentatives Bild dieser immer noch überwiegend unbekannten Bevölkerungsgruppe hat. Und wenn man trotzdem urteilt, dann sollte man versuchen wenigstens bisschen den Anschein von differenziertem Denken zu wecken.
"Warum müssen Muslime nicht lernen, Schweinefleisch zu essen"
Warum sollten Muslime "lernen" müssen Schweinefleisch zu essen? Dies ist eine sehr problematische, um nicht zu sagen totalitäre Haltung. Um auf die Sprünge zu helfen, was das in Analogie zu anderen Situationen bedeutet: Warum sollten Vegetarier lernen müssen Fleisch zu essen? Warum sollten Atheisten lernen müssen zu Gott zu beten? Toleranz bedeutet nicht, dass die einen die anderen blind imitieren sollen oder müssen, sondern dass sie andere Lebensentwürfe gelten lassen, auch wenn sie die ihrigen besser finden. Auch dies gilt in beide Richtungen. Der obige Satz müsste also, wenn sein Autor sich keine totalitäre, sondern demokratische Gesellschaft wünscht, und wenn der Satz etwas mit dem Thema meines Textes zu tun haben will, eher so lauten: "Warum müssen Muslime nicht lernen, Schweinfleisch essende Menschen zu tolerieren" - eine solche Toleranz ist bei den Muslimen in Deutschland jeoch weitestgehend gegeben. Gegenteilige Fälle an deutschen Schulen sind Randphänomene, über die man auch nur als Randfälle reden kann.
"und ihre Töchter mit Nichtmuslimischen Jungs ausgehen zu lassen?"
Endlich ein interessanter Punkt, den man ausführlicher diskutieren müsste. In Kürze: Alle Eltern haben per Grundgesetz das Recht ihre Kinder bis zu einem bestimmten Altern gemäß ihren Wertvorstellungen zu erziehen. Die Kinder wiederum haben per Grundgesetz das Recht sich ab einem bestimmten Alter einen eigenen Lebensweg auszusuchen und diesen auch gegen den Widerstand der Eltern geltend zu machen. Es stimmt, dass manche muslimische Familien ein Problem damit haben ihre Töchter ihren eigenen Weg gehen zu lassen. Gelöst wird dieses Problem teilweise per autoritär durchgesetztem Willen der Familie, aber ebenso oft auch per pragmatischem Zugestehen von Graubereichen für die Töchter, die mal mehr und mal weniger genutzt werden, bis hin zu einem (selteneren) Laissez-faire. Wird später noch ausführlicher dargestellt...
@Fritz
"Warum müssen Muslime nicht lernen, Schweinefleisch zu essen..."
Warum schlagen sie das mal nicht Juden vor?