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Vorbereitung auf das Leben in der Fabrik

am Mittwoch, 08 Februar 2012. Geschrieben in Bildung, Erziehung, Identität

"Indem sie in der Schule schlecht sind und 'versagen', bereiten sie sich auf das Leben vor, dass sie in der Fabrik erwartet."

Mit diesem Satz fasste eine Erziehungswissenschaftlerin das Ergebnis von Studien des Sozialforschers Paul Willis aus den 70ern zu Kindern der Arbeiterschicht in England zusammen. Er hatte darin festgestellt, dass das widerständige Verhalten dieser Kinder in der Schule einhergeht mit einer Identifikation mit der Kultur der Arbeiterschicht und einer damit korrespondierenden Auflehnung gegen den schulischen Druck zur Anpassung an die etablierte Mittelschicht. Parallel zur Überzeugung dieser Mittelschicht fremd und nicht für die Schule geschaffen zu sein fand sich bei ihnen ein an der Arbeiterkultur ausgerichtetes Männlichkeitsideal und die hoffnungsvolle Aussicht in der Fortführung der Biografie ihrer Väter ebenfalls auf eigenen Füßen zu stehen und Familien gründen zu können.

Ich weiß nicht, inwieweit des verallgemeinerbar und noch aktuell ist - aber wenn ich die große Zahl der gescheiterten Schulbiografien um mich herum anschaue, dann sehe ich ihnen genau den Zusammenhang aus dem obigen Zitat: Der Glaube niemals ein Teil des Bürgertums werden zu können, ihm ewig fremd zu bleiben und von ihm verachtet zu werden, wird durch eine aktive Übernahme der Verliererrolle in Tugend verwandelt.

Die starke Identifikation mit der Außenseiterrolle, die Orientierung stiftende Anklammerung an die im Ghetto konstruierte Herkunftskultur und die Angst vor den erdrückenden Erwartungen einer anonymen und gefühlskalten Mehrheitsgesellschaft liefern die theoretische Legitimation für einen demonstrativen Rückzug in die Rolle des unangepassten Rebellen. Die Identifikation kann dabei jedoch ebenso mit jeder anderen als abseitig geltenden Subkultur erfolgen. Sie muss nur deutlich genug von der Kultur der Mittelschicht abgegrenzt oder gar gefürchtet, zugleich Selbstwert stiftend und sozialen Zusammenhalt vermittelnd sein.

Erst nachdem viel Zeit vergangen ist, erleben diese jungen Menschen, was mit ihnen in ihren jungen Jahren passiert ist, und dass sie dies nicht mehr rückgängig machen können. Eine Vergeudung an Potenzial, ein Verlust an Perspektiven und Lebensqualität, und das Gefühl doch von niemandem außer dem eigenen Ghetto geschätzt zu werden verbleibt. Die Außenstehenden können nicht einmal erahnen, welche Kraft es kostet aus diesem Zangengriff von Minderwertigkeitsgefühlen auf der einen, und dem berauschenden Zugehörigkeitsgefühl im Ghetto auf der anderen Seite herauszukommen.

Ich empfinde das Zitat als erbarmungslos, auf subtile Weise vorwurfsbeladen, und fast schon denunzierend. Es macht mich wütend, aber zugleich rührt es mich, da in ihm eine mir und vielen anderen bekannte Resignation über das mitschwingt, was ich seit Jahren als unsichtbaren Mechanismus im Leben vieler Jugendlicher beobachte. Jugendliche, die trotz verzweifelter Bemühungen von Eltern und Pädagogen und ständiger schuldbewusster Bekenntnisbekundungen dann doch dort landen, wo doch angeblich keiner von ihnen eigentlich landen will. Selbst im Studium kämpfen sie mit dem Gefühl eigentlich fehl am Platze zu sein, selbst nach dem Studium hinterfragen sie immer wieder und wieder ihre gesamte Studienzeit.

Keiner hat ihnen die Jahre über beigebracht, was es heißt, die formalen Bedingungen für einen gut bezahlten und angesehenen Beruf zu erfüllen, aber zugleich nicht über die nötigen Beziehungen, die kulturellen Ressourcen, das richtige Aussehen oder den richtigen Nachnamen zu verfügen um den Job ihrer Altersgenossen zu bekommen.

Es ist und bleibt ein Kampf für sie. Ein Kampf, vor dem sie nicht fliehen dürfen, auch wenn er sie Jahre, oder ein ganzes Leben kostet. Es ist ein Kampf, den sie kämpfen und gewinnen müssen, wenn er nicht ihre Kinder eines Tages auch heimsuchen soll. Sie müssen sich auf ein ganzes Leben der Auseinandersetzung mit Kluften in der Gesellschaft einstellen. Im Laufe der Jahre werden sie immer seltener auf der schwachen Seite stehen - aber sie sollten hiernach nicht  egoistisch werden und die andere Seite verachten, also jene Seite, von der sie kommen, die Seite mit dem gebrochenen Deutsch und den verunsichernden Gefühlsschwankungen.

Sie selbst könnten heute auch dort stehen. Ihr Erfolg ist nur zu einem Teil der eigenen Leistung geschuldet. Ein großer Teil verdankt sich den sozialen Voraussetzungen, unter denen sie in Familie und Gesellschaft gelebt und gespeist haben, und einer guten Portion glücklicher Umstände, die nicht verdient, sondern geschenkt sind.

Dieser Kampf kann und muss gewonnen werden. Und wer den Weg vorwärts gefunden hat, hat nun die Chance zu beweisen, wie ernst es ihm mit seiner Liebe zu seinen alten Ghettogenossen war. Erst wenn der Wohlstand einkehrt, und man niemanden mehr zu brauchen scheint, wird sich zeigen, welche Freundschaft und welche Solidarität authentisch war.

In Zeiten der fehlenden Orientierung wiederum sollte man sich vielleicht immer wieder selbst diese Fragen stellen: Auf welches Leben bereitest du dich vor? Welches Leben wirst du deinen Kindern schenken? Was ist deine bessere Alternative zu dieser düsteren Feststellung über die Arbeiterkinder:

"Indem sie in der Schule schlecht sind und 'versagen', bereiten sie sich auf das Leben vor, dass sie in der Fabrik erwartet."

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Kommentare (1)

  • Selcuk Copur
    Selcuk Copur
    12 Februar 2012 at 07:37 | #

    Ich habe eine noch viel interessantere soziologische These:

    Indem Schüler mit Migrationshintergrund in der Schule Außenseiter sind, bereiten sie sich auf ein Leben in einer Parallelgesellschaft vor.

    Warum ist dieser Satz unsinnig?

    Er impliziert, dass die betroffene Gruppierung, in diesem Fall die Kinder mit Migrationshintergrund, prädestiniert sind für ein Leben in einer parallelen Gesellschaftsschicht. Es ist von vornherein klar, wo die Kinder mal landen werden. Aus diesem Grund macht es Sinn, dass die Kinder in der Schulklasse eine Außenseiterrolle einnehmen. Dadurch werden sie für ihr vorherbestimmtes Leben vorbereitet.

    Der Unterschied von meiner These zu der These von der Erziehungswissenschaftlerin ist die, dass bei meiner These das Vorherbestimmte in einem noch viel stärkerem Maße als gesellschaftlich unerwünscht gilt („Immerhin muss ja jemand die Fabrikarbeit erledigen“). Dadurch wird die Absurdität der Argumentation in ihrer Gänze sofort ersichtlich. Die relative Willensfreiheit und die relative Offenheit der Zukunft der Individuen werden in dieser These total verkannt. Zumindest dann, wenn man die These isoliert von dem Gesamtzusammenhang jener soziologischen Arbeit der Erziehungswissenschaftlerin betrachtet.

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